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James Keziah Delaney - Tom Hardy in TABOO

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 18. November 2018, 14:18pm

Kategorien: #Fernsehen

James Keziah Delaney - Tom Hardy in TABOO

Die Fernsehserie TABOO ist aus vielerlei Gründen sehenswert. Da ist zum einen die vermutlich authentische Darstellung von London des 19. Jahrhunderts, das imposante Design, die spannende Einbettung der Handlung in historische Ereignisse, die düstere Atmosphäre. Doch alles wird überragt von Tom Hardy in seiner Darstellung des James Keziah Delaney (JKD).

An diesem Punkt würde ich am liebsten diesen Beitrag beenden, weil ich nicht über eine journalistische Ausbildung verfüge, um Gedanken in Schriftform wieder zu geben. Ich versuche es aber trotzdem.

Wie sie sicherlich einigen vorherigen Beiträgen auf diesem Blog entnommen haben, ist Hardy auf dem Weg in den Schauspielolymp von Lomax & Deckard. Das hat seine Gründe. Auch, dass er auf dem Weg dahin ist, denn die Ansprüche sind hoch. 

Tom Hardy gehört zu den Schauspielern, die diese unnachahmliche Leinwandpräsenz besitzen. Das liegt zuerst an der Physis, weswegen auch Lomax an den legendären Robert Mitchum erinnerte (achten Sie bei Mitchum auf seinen Gang!), aber auch an der Schauspielkunst des Briten. Wie fast alle britischen Schauspieler genoss Hardy eine klassische Ausbildung. Talent gepaart mit Ausbildung ergeben bei ihm eine aussergewöhnliche Mischung.

Seine Darstellung des James Keziah Delaney wird in die Fernsehgeschichte eingehen. Fangen wir außen an: Da ist zum einen dieser Hut, der nicht nur zu Lachsalven führte, sondern, würden wir einige Jahrzehnte in der Vergangenheit leben, auch zu einem Verkaufsschlager geworden wäre. Es ist der Mantel, der in Form und Farbe an Gothic-Trash erinnert. Und da haben wir wieder dieses Wort, das ich so gerne vermieden hätte, es aber nicht kann. Dazu später. Was mir ganz hervorragend gefallen hat, ist die Frisur des Mr. Delaney und zwar v.a., weil die hinteren Anteile der Haare hochgezogen wurden und dadurch einen optisch reizvollen Kontrast zum klassischen Seitenscheitel boten. Eine grosse Leistung des Maskenbildners! Alleine all diese Äusserlichkeiten und Accessoires sind imposant.

​​​​​​​Führen wir die Analyse nach innen fort. Fragmentarisch erfahren wir, was JKD in der Vergangenheit zugestossen sein könnte, das Puzzle muss sich der Zuschauer mehr oder minder selbst zusammenreimen. Das faszinierende am Charakter des JKD ist seine Unnachgiebigkeit, seine klaren Vorstellungen von dem, was er erreichen will, die Rigorosität des Vorgehens ohne Zweifel und Skrupel und die Intelligenz seines Plans. Dieser Typus Held, Lee Marvin sei erwähnt, ist in Vergessenheit geraten und wird durch Hardy wieder in Erinnerung gerufen.

​​​​​​​Die innere Zerrissenheit des Protagonisten, seine Seelenqualen, die Zuneigung zu einer bestimmten Frau, seine dubiose Vergangenheit, all das vermag Hardy grossartig zu porträtieren, aber er kommt auch an seine Grenzen und diese Grenzen schrammen haarscharf am Trash vorbei. Haarscharf. Hardy gelingt es wieder und wieder die Überzogenheit seiner Darstellung gekonnt im Schach zu halten.  Diese Fähigkeit auf Messers Schneide zu agieren ist ganz grosse Kunst und Tom Hardy beherrscht sie wie kein Zweiter. Was wir als Zuschauer erleben, ist eine Mischung aus Under- und Overacting, gewollt übertriebenem Heldenkult und -verehrung, Stilisierung zum aussergewöhnlichen Menschen. Bei jedem anderen Schauspieler wäre das mit großem Pomp daneben gegangen, Hardy hingegen weiß, wie er Kunst und Schund in perfektem Gleichgewicht halten kann. Grunzen wird durch Hardy zum Lebensstil erkoren. Was für eine Leistung! In diesem Zusammenhang darf aber auch nicht die Synchronisation vergessen werden: Torben Liebrecht trägt genauso zum Erfolg bei! Famose Leistung.

​​​​​​​Erst Bane (legendär), dann Eddie Brock in Venom (Kult), "jetzt" JKD in Taboo (Ultra-Kult). Tom Hardy ist auf dem Weg zum Oscar. Schauen sie sich einmal seine bisherige Filmografie an: High Quality.

TABOO ist eine beeindruckende Serie. Ich frage mich, wie hoch der Einfluss von Ridley Scott gewesen sein mag? Die Atmosphäre ist schaurig-düster und bedrohlich, die Darstellung Londons im 19. Jahrhundert authentisch und mit ihr die Lebensumstände der Menschen zu dieser Zeit. Das hat mich sehr beeindruckt. Man kann viel lesen über vergangene Zeiten, aber erst ein Bild mag zu verdeutlichen, wie die Lebensumstände zu dieser Zeit waren. Einschub: Als ich diese Bilder sah, war ich froh und glücklich, dass ich in unseren Zeiten lebe. Viele Menschen vergessen Geschichte. Das Beste an der Serie ist aber die Einbindung der spannenden Handlung in damalige geopolitische Streitigkeiten und dem Krieg zwischen England und Amerika. Erst diese übergeordnete Rahmenhandlung hilft die Geschehnisse in London und das Schicksal von JKD besser einzubinden und zu verstehen.

TABOO ist aber auch aus einem anderen Grund sehens- und lobenswert: Serien dieser Art motivieren dazu, sich mit der Historie zu beschäftigen. Allen voran dem Kapitalismus und der Entwicklung desselben in den vergangenen Jahrhunderten. Ich kramte meine Geo-Zeitschrift mit der Überschrift Kapitalismus hervor und begann erneut zu lesen ... Interessant, woher das Wort "Company" stammt. 

Die Serie ist auch neben Hardy schauspielerisch mit Oona Chaplin und Jonathan Pryce hervorragend besetzt.

Der Brite Max Richter, dessen Kompositionen ich versucht habe mich wiederholt  anzunähern, aber bislang gescheitert bin, liefert den notwendigen Sound zu den Bildern. Ähnlich Jóhann Jóhannsson in Sicario liefert er eine bedrohliche Soundkulisse und schrieb ein schönes Titelthema.

Gerne wird die 2. Staffel zu dieser hervorragenden Serie erwartet, dann vielleicht auch mit einer schauspielerischen Nemesis? 

Aus London,

Rick Deckard

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