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La Tenda Rossa - Ennio Morricone

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 18. November 2018, 12:48pm

Kategorien: #Orchestrale Musik

La Tenda Rossa - Ennio Morricone

1969 drehte Regisseur Michail Kalatosow den Abenteuerfilm Das Rote Zelt mit Sean Connery, Claudia Cardinale, Hardy Krüger und Peter Finch in den Hauptrollen. In dem Film geht es um die Rettung der Besatzung des Luftschiffes Italia, welches auf dem Rückweg vom Nordpol abstürzt. An Bord des Schiffes befindet sich auch der Luftschiffpionier und General Umberto Nobile (Finch). Nach dem Absturz richten die Gestrandeten ein Zelt auf, welches sie rot anmalen, um besser gesehen zu werden. Einem Piloten (Hardy Krüger) gelingt es die Schiffbrüchigen zu finden. Er überredet Nobile sich als ersten retten zu lassen. Die anderen bleiben zurück, das Wetter verschlechtert sich zunehmend. Die Albträume, die Nobile aus schlechtem Gewissen plagen, bilden die Rahmenhandlung des Films.

Das rote Zelt lief Ende der 70er und zu Beginn der 80er Jahre erstaunlicherweise immer im Nachmittagsprogramm des ZDF. Warum er nie am Samstag um 20:15 Uhr im ZDF oder 22:15 Uhr in der ARD gezeigt wurde, bleibt ein Rätsel. Der Film ist gespickt mit Weltstars der damaligen Zeit. Ich vermute es lag an der sperrigen Umsetzung der Thematik, die keineswegs leicht zugänglich war. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich den Film trotz mehrmaliger Betrachtung nie so richtig verstand und auch nicht die Dramaturgie, die so anders war, als die der Hollywoodfilme. Trotzdem hoffe ich, dass sich ein Label dieses Filmes annimmt und ihn in HD mit Zusatzmaterial und der Langfassung veröffentlicht.

Seit dieser Zeit ist mir die Musik von Ennio Morricone in Erinnerung geblieben und das nicht etwa wegen einer eingängigen Melodie oder rauschenden Streichern in bester Hollywoodmanier, sondern wegen der Atonalität der Komposition, der Dissonanzen.

La Tenda Rossa - Ennio Morricone

Intermezzo Media und Legend hatten den Soundtrack in der Vergangenheit bereits in einer Deluxe Version veröffentlicht. Die Zusammenstellung indes ist konzeptlos. Track 1-8 erscheinen in einer exzellenten Soundqualität, weiter anhängig sind die Tracks 9-14 in einer minder guten Qualität. Vermutlich handelt es sich um den alten LP-Schnitt. Morricone komponierte und arrangierte, Bruno Nicolai dirigierte.

Das Hörerlebnis lässt sich in zwei Teile untergliedern. Bei den ersten 7 Tracks wird das schöne Liebesthema des Films in verschiedenen Variationen dargeboten. Insofern darf man zu Beginn keine unterschiedlichen Themen erwarten. Der Schwerpunkt der Instrumente liegt auf den Streichern, die Melodie, die Musik hat einen barocken Charakter, in einem Track erklingt das aus 4 Noten bestehende Liebesthema gar pastoral (Message From Rome). Genau dann, wenn es anfängt langweilig zu werden, kommt der letzte Track der ersten Hälfte.

Das Highlight der Musik ist der 22:20 (!) Minuten zählende Track "Others, who will follow us". Das ist Hardcore Score Listening. Der legendäre Ennio Morricone übersetzt hier musikalisch die Ödnis der Arktis, das lange zermürbende Warten auf Rettung, die Kälte, die Trostlosigkeit, die schwindende Hoffnung dermaßen atonal und voller Dissonanzen, dass es eine wahre Freude ist!

Das ganze klingt experimentell und avantgardistisch und erinnert bisweilen auch die Klangexperimente und Sounds aus 2001 von Ligeti. Morricone arbeitet mit polyphonen Stimmen, Chor, dem Geräusch einer Morse-Anlage, monotone Klänge gehen über in bedrohliche Bläser, eine Orgel ist zu hören, Streicher in hohen Registern, Schlagwerk, selbst das Liebesthema erklingt gequält und verzerrt. Unglaublich. Unglaublich grossartig! Besser kann man die bedrohliche Kulisse, die Kälte, die Halluzinationen nicht emotional untermalen. Für die havarierten vergeht die Zeit zermürbend langsam. Interessanterweise gibt es zu der russischen Version des Filmes eine andere Partitur des Komponisten Alexander Sazepin. Die zu hören, als Kontrast zu Morricone, wäre spannend!

Der in Rom geborene italienische Komponist wurde am 10. November dieses Jahres 90 Jahre alt.

Herzlichen Glückwunsch Maestro!

Rick Deckard

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