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Musik, Kino, Kultur, Radio


THE REVENANT - Das Kino kehrt zurück und lebt

Veröffentlicht von Rick Deckard auf 25. Mai 2016, 10:34am

Kategorien: #Filme

THE REVENANT - Das Kino kehrt zurück und lebt

THE DEER HUNTER

Wir hören wie eine Männerstimme beruhigend in einer fremden Sprache spricht. Ein Mann und ein Kind sind tief im Schlaf versunken. Erst später werden wir verstehen, was diese Einleitung bedeutet. In der nächsten Einstellung gleitet die Kamera mehrere Sekunden lang ruhig über Wasser und wir sehen einen überfluteten Wald, als sie hochfährt. Zwei Jäger, Vater und Sohn, sind gemeinsam auf Hirschjagd. Parallel werden andere Jäger gezeigt, die eine grosse Anzahl an Tieren erlegt haben und die Fälle zusammenlegen um sie später verkaufen zu können.

Plötzlich, ohne eine Vorwarnung, bricht die Apocalypse herein. Die Jäger werden von Einheimischen überfallen und versuchen in Panik die am Fluss liegenden Boote zu erreichen, während von allen Seiten die Angreifer näher rücken und die Pfeile aus allen Richtungen heranfliegen.

Vater und Sohn hören die Schüsse und eilen herbei, mit letzter Kraft schaffen es einige wenige mit dem Boot zu entkommen.

Diese ersten Minuten des neuen Filmes von Alejando Gonalez Inárritu, The Revenant, sind mitreissend inszeniert und ziehen den Betrachter binnen kürzester Zeit in die Handlung. Der Zuschauer ist gefesselt. Diese Bindung des Betrachters an die Bilder, der Sog in das Geschehen, wird umso stärker, je länger der Film voranschreitet, um am Ende die Liasion nach 156 min zu lösen, mit einem Blick, der schwer zu deuten ist und einem angestrengtem Atem, der in der Schwärze der Leinwand nach wenigen Zügen verhallt, erlöst von der Anstrengung.

Ich habe The Revenant gesehen und musste den Film eine Nacht und einen Tag wirken lassen um darüber schreiben zu können. Was ich gestern sah war ein

 

P O E T I S C H E S  M E I S T E R W E R K

eine

M E D I T A T I O N  Ü B E R  D I E  N A T U R

und ein

M O N U M E N T A L E R  W E S T E R N.

 

Die Gejagten schaffen es unter grossen Anstrengungen den Häschern vorläufig zu entkommen und es entbrennt ein Streit darüber, welchen Weg man einschlagen solle, damit die Flucht gelingt. Die Männer wurden angeheuert von der Rocky Mountain Fur Company im Jahr 1823 und sind unterwegs in einem Gebiet in Nordamerika, welches später North und South Dakota werden sollte.

Der Trapper ist Hugh Glass, gespielt von Leonardo DiCaprio und sein Sohn heisst Hawk, die Frau und Mutter eine Pawnee. Der Leiter der Expedition vertraut dem Trapper und stimmt zu, den Weg über das Landesinnere zu gehen. Das wiederum missfällt John Fitzgerald, einem rassistischen Outlaw, der dem Trapper aufgrund seiner Heirat mit der Indianerin misstraut.

Der Sohn, wütend über die Äusserungen erhebt seine Stimme, woraufhin Glass sagt:

"Sie hören Deine Stimme nicht. Sie sehen nur nur die Farbe Deiner Haut!"

Die Männer machen sich missmutig auf den Weg. Auf einem Erkundungsgang greift eine Grizzly Bärin Hugh Glass aus der Tiefe des Waldes an. Die folgenden Minuten waren ein Höhepunkt filmischen Erlebens im Zusammenhang mit meiner Leidenschaft für das Kino. Der Angriff der Bärin ist eine Sequenz von unfassbarer Wucht, atemberaubend inszeniert. Atemberaubend meine ich wörtlich: Mein Atem stand still.

Glass wird schwer verletzt und notdürftig medizinisch versorgt. Die Männer bauen eine Trage und schleppen Glass unter grossen Mühen weiter, bis sie aufgeben müssen, weil der Schnee und das unwegsame Gelände sie daran hindern. Hawk, der Sohn von Glass, der junge Jim Bridger und John Fitzgerald erklären sich bereit mit Glass zurück zu bleiben, bis Hilfe kommt ... .

RACHE

Was dann folgt, war mit das schönste, bewegendste und mitreissendste, was ich je im Kino gesehen habe. Inárritu, DiCaprio und Kamermann Emmanuel Lubezki kreieren einen Film, der mich so beeindruckte, wie einst Lawrence of Arabia von David Lean.

Ein monumentales Meisterwerk mit einer betörend schönen visuellen Ästhetik, einer nur oberflächlich auf das Motiv der Rache ausgelegten Handlung und einer Meditation über die Natur, wie ich sie zuletzt bei dem Lean Film sah.

Ich liebe Kunst und ich liebe Kino. Kunst äussert sich (u.a.) über Bilder, das Kino ist die Kunst Bilder zum Laufen zu bringen, aber nicht irgendwie. Das technische Mittel das zu tun ist der Schnitt. Cutter Stephen Mirrione und Kameramann Emmanuel Lubezki erschaffen Kunst und DiCaprio wird durch diese Illusion dirigiert von Inárritu.

Was für ein "Konzert"!

Dem Film wurde vorgeworfen keine richtige Handlung zu haben. Ich habe das anders gesehen.

Rache ist das Motiv im Western-Genre schlechthin. Ob bei Bravados von Henry King oder High Noon von Fred Zinnemann. Diese archaische und nur dem Menschen eigene Emotion ist, wie Inárritu in einem Interview mit Katja Nicodemus von der ZEIT mitteilt in unseren Genen verankert, in unsere DNA geschrieben. Tiere kennen dieses Gefühl nicht. Stilistisch vollendet wurde Rache in einem der grössten Western aller Zeiten: Durch Sergio Leone in Once Upon A Time In The West. Charles Bronson und Henry Fonda stehen sich in einer der bemerkenswertesten Szenen der Filmgeschichte zur Musik von Ennio Morricone gegenüber. Niemals wieder wurde Rache so zelebriert.

In The Revenant ist Rache Motor für einen physischen Gewaltakt sondergleichen, der Glass über sich hinauswachsen lässt. Das psychologisch faszinierende hierbei ist, dass der Zuschauer, obwohl kaum in der zweiten Hälfte des Filmes gesprochen wird, mit seinem Herz und seiner Seele auf der Leinwand bei dem Protagonisten verweilt, zumindest erging es mir so. Das ist keineswegs voyeuristisch zu verstehen. Vielmehr stellte ich mir fortwährend die Frage: Was würdest Du tun? Glass erhält ungewollt eine Absolution für sein Handeln.

DIE NATUR, DER KAPITALISMUS UND DER KOLONIALISMUS

Es folgt ein "Action-Thriller" der Extraklasse. DiCaprio gegen die Natur. Elegisch. Poetisch. Unbarmherzig. Gestützt durch Visionen kämpft sich Glass allen Gesetzen zuwider durch eine gnadenlose Landschaft. Allein, vollkommen auf sich gestellt mit einem hinreißenden Überlebenstrieb. Larger than life. Womit wir wieder bei Lawrence wären.

Tom Hardy darf nicht unerwähnt bleiben. Sein aufbrausendes, aber insbesondere auch zurüchaltendes Spiel ist faszinierend. Das hätte ich diesem Mimen nicht zugetraut. Es gibt eine Szene in dem Film, in der der junge Jim Bridger und Fitzgerald an einem Lagerfeuer sitzen und Hardy aka Fitzgerald dem Jungen eine Geschichte erzählt. Eine gespentische Szene, hochintensiv von Hardy gespielt, der über seine Mimik zeigt, was für ein grenzdebiler Mensch er tief im Inneren ist.

Inárritu thematisiert fast beiläufig die beginnende Ausbeutung der Natur durch den Menschen. Es ist richtig: Die Natur braucht uns nicht. Wir sie schon. Die Natur steht im Gleichgewicht und erhält dieses von sich aus. Wer es ins Ungleichgewicht bringt ist der Mensch, der Homo rapiens (sapiens ist eine Illusion).

Vor einiger Zeit las in einer Ausgabe der GEO (mit Dagobert Duck auf dem Cover) über die Entwicklung des Kapitalismus in Europa und der Welt. Hier sind es die Franzosen und Engländer, die durch die Natur wüten um aus Geld noch mehr Geld zu machen. Was für die Native Americans Nahrungs- und Überlebensgrundlage ist, ist für die Ausbeuter nichts als ein Mittel zum Zweck: der Vermehrung des Vermögens. Mit rücksichtsloser Barberei wird gemordet und ausgebeutet und die Ureinwohner als "Wilde" tituliert. Ist das Gegenteil von wild zivilisiert? Dann fragt es sich, welcher der beiden Begriffe negativ konnotiert ist?

Die Kolonialisten kommen bei The Revenant nicht gut weg, und das zurecht. Kevin Costner thematisiert es ähnlich in seinem Western Der mit dem Wolf tanzt. Auch dort müssen sich die Indianer mehr und mehr zurückziehen. Alkohol, Gier und Waffen erhalten Einzug in eine unberührte und unschuldige Natur.

DAS KINO LEBT

Das Team um A.G. Inárritu drehte fast ausnahmslos in der Natur, 2 Stunden am Tag und nutze das Tageslicht. Das muss eine unglaubliche Belastung gewesen sein, wenn man die Bilder sieht und das Ergebnis spricht für sich. Kunst kann nicht ohne Leidenschaft, ohne Mühe entstehen. Ob nun Michelangelo rücklings in der Sixtinischen Kapelle oder Fredrick A. Young in sengender Wüstenhitze. Solange es Menschen gibt, die diesen Aufwand und diese Mühe nicht scheuen, habe ich grosse Hoffnung, dass das Kino weiterlebt.

Ich war überwältigt von der Ästhetik von The Revenant. Das Licht. Der Naturalismus. Die Poesie. Die Mystik. Die Natur. Die Symbiose aus der von der Rache motivierten Handlung mit den wunderschönen Bildern, dem perfekten Schnitt, der absolut passenden musikalischen Untermalung und DiCaprios "One Man Tour de Force" machen den Film zu einem (für mich persönlich) Meisterwerk der Filmgeschichte. Ein Film, den ich wieder und wieder sehen, neu entdecken und mit allen Sinnen geniessen werde.

Grandios. Eines der berauschendsten und sinnlichsten Erlebnisse im Kino seit Jahrzehnten.

Was für ein Tier ist der Mensch?

Rick Deckard

 

@Alan Lomax: Ich habe Ihre Aufforderung zum Dialog keineswegs vergessen im Zusammenhang mit dem "Lockard"-Beitrag. In Kürze folgt der Versuch einer Erklärung für den Umstand, dass wir konform gehen mit der Kinogeschichte und gemeinsam für das Kino kämpfen, die Schere in der Rezeption neuerer Filme jedoch mehr und mehr auseinander klafft. Dafür gibt es meines Erachtens einen Grund. Nicht umsonst haben wir Filme wie Interstellar, Gone Girl (den ich persönlich für einen "Quatsch"-Film sondergleichen halte, zu dem ich aber nicht habe schreiben können, nachdem ich ihn sofort gesehen hatte, als sie im Blog darüber berichtet haben, weil ich "schockiert" war, wie weit wir in Punkto Film auseinander weichen) oder jüngst Brücke der Spione und jetzt The Revenant anders bewertet und gesehen. Eine spannende Entwicklung.

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