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Musik, Kino, Kultur, Radio


Michael Cimino – Der Naturtrieb des amerikanischen Kinos

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 4. Juli 2016, 19:14pm

Kategorien: #Filme

Michael Cimino – Der Naturtrieb des amerikanischen Kinos

Instinktverhalten hat Charles Darwin mal als Verhaltensweise beschrieben, die vollkommen ohne Erfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht wird, zum anderen beschreibt es aber auch solche, die durch Erfahrung erworben wurde.

Michael Cimino hinterlässt der Kinowelt zwei der größten Filme die jemals gedreht worden sind: „Heavens Gate“ und „The Deer Hunter“. 

In dem monumentalen Spätwestern „Heavens Gate“, fasst der Regisseur, in dem Handlungsfenster, den Johnson County War um 1890 mit  einer durchaus allumfassende pessimistische Weltsicht und  einem Abgesang auf das Westerngenre, zusammen. Dabei gelingen ihm und seinem Kameramann Vilmos Zsigmond (es ist kaum zu ertragen, da auch er in diesem Jahr verstarb) http://www.lomax-deckard.de/2016/01/vilmos-zsigmond-1930-2016-der-mit-der-kamera-malte.html einige der schönsten Aufnahme der Filmgeschichte, weil sie eben detailliert, visionär und mit großer unvergleichbarer Fotoarbeit erzählt werden. 

Wer diesen Film noch niemals auf einer großen Leinwand in seiner vollständigen Monumentalität gesehen hat, muss dies nachholen, denn sonst ist eine Bewertung oder Nachvollziehbarkeit der Größe, der Wichtigkeit und der atemberaubenden Genialität dieses Meisterwerks nicht zu verstehen. 

Unter anderem gibt es eine eine Sequenz in dem Film zu sehen, in der ca. 500 Menschen ein Fest feiern und zwar auf einer Parkettausgerichteten Rollschuhbahn mitten in der Pampa. Die sonnenscheindurchflutete Tanzsequenz, die Musik, die freischwebende Kamera, die Frauen, Männer, Kinder in ihren Kostümen, das Flittern und Flirren, die Lebensfreude, das kurzfristig vergessene Leid, die Chance des Momentes und in der Mitte der unfassbare Kris Kristofferson und die damals wunderschöne Isabelle Huppert verliebt, taumelnd. Schwindelerregend für den Zuschauer, der einen Sinn für sowas hat. Zerstörend die Wucht der Härte, der Männer in den Lodenmäntel, angeführt von dem unfassbar grausamen Nathan D. Champion (Christopher Walken), den man als Zuschauer niemals vergessen wird. Was für ein Film!

Ich hatte 1987 die Gelegenheit den Film im Hochhauskino zu Hannover in der 219 Minuten Original Version zu sehen. Eine Nachmittagsvorstellung. Wir waren zu viert im Kino. Dieser Kinonachmittag hat mich zu einem Cineasten gemacht, der sich von da an in das Kino für immer verliebt hat.

Wenig später habe ich an einem Samstagvormittag mit der heutigen Mrs. Lomax den Film „The Deer Hunter“ gesehen. Leider nicht auf der großen Leinwand. Trotzdem erinnere ich mich an jedes Detail des Tages: Es war ein wunderschöner Sommertag. Den Film haben wir auf einer VHS Kassette auf einem relativ kleinen Röhrenfernseher gesehen. Vom magischen cinastischen Moment kann also nicht die Rede sein. Trotzdem begleitet uns der Streifen seitdem täglich. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Noch genau weiß ich, wie verstört wir beide waren und den ganzen Tag kaum miteinander gesprochen haben, weil uns der sprichwörtliche Atem stockte.

Denn es gibt kein vergleichbaren Meilenstein unter den Meisterwerken. Aufgebaut als Trilogie, die den Vietnamkrieg aus der Sicht des Leben der Angehörigen und ihren Männer/Soldaten zeigt, dessen Leben im Krieg zerstört wird. 

Dieser Film zeigt die Unmenschlichkeit des Krieges als Trauma und nutzt die möglichst schlimmsten Szenarien, mit den genialsten Metaphern der verwendeten Metapherhistorie um den Wahnsinn darzustellen. Die Hässlichkeit und Qual des Krieges wurde nie schonungsloser dargestellt. 

Hat man diesen Film gesehen, verändert man sein Leben nach 190 Minuten. Was für ein Masterpiece! M.A.S.T.E.R.P.I.E.C.E!!!! !!!!!!

Damals, als wir diese Filme entdeckt haben, haben wir sie gefeiert. Und nicht nur das! Wir haben mit ihnen gefeiert und haben zugelassen sie in unser Leben aufzunehmen. Mrs. Lomax, Mrs. Deckard, Rick Deckard und ich liefen z. B. eines Nachts in einem Vorort von Garmisch-Partenkirchen mitten im Winter und sangen, wie randalierende Hooligans „I love You Baby!“ in der Frankie Valli Version. Der Titel nimmt in dem Deer Hunter Soundtrack eine zentrale Stellung der Lebensfreude und der Freundschaft ein und steht bis heute für DEN Moment des Glücks und der Schönheit der Chance.

Ein weiteres unvergessliches Erlebnis im Zusammenhang mit diesem Film und dem gleichzeitigen Glauben an Schicksale, nicht Zufälle, hat sich einst in einem Edeka-Supermarkt im Weserbergland zugetragen, als ich mit Rick Deckard ein Wochenende im Wochenendhaus von Alan Lomax Senior verbringen wollte und wir Proviant kauften. 

Ich meine es gibt, ca. vier Millionen Musiktitel die zu diesem Zeitpunkt in einem Supermarkt in der Provinz hätten laufen können. Aber warum war es ausgerechnet „Cavatina“ des britischen Komponisten Stanley Myers, gleichzeitig eben der Maintitel aus Die durch die Hölle gehen? Wenn man in solchen Momenten nicht psychologisch standhaft ist, könnte man fast an Suggestion oder Manipulation einer höheren Kraft denken.

Ciminos Direktheit und sein Instinkt für den Stimmungsvollen richtigen Moment, unterscheidet ihn zu seinen bekannteren Zeitgenossen wie Coppola, der ebenso großes Kino gemacht hat, aber weniger instinktiv und noch detailverliebter. 

Das hier alles ist kein Spaß mehr! Die wichtigen Tode in den letzten Wochen werden für mich langsam körperlich. Neben Hitchcock, Leone, Coppola  (der fünfte Platz changiert) gehörte Michael Cimino eben wegen dieser beiden Filme und auch nachträglich wegen seines gesamt Werks (siehe auch unten die weiterführenden Links zu Rick Deckards Michael Cimino Retrospektive) zu den ganz großen Regisseuren und somit zu meinen allergrößten Helden!

Michael Cimino war unbequem und seine Filme voller Widersprüche. Man liest nun wieder die ganzen Geschichten vom „größten Flop der Filmgeschichte“, der „unnötigen Härte“ in seinen Filmen und der „fragwürdigen Identität von Amerikanern zu ihrem Krieg“. Was natürlich alles purer Blödsinn ist. 

Denn seine Filme sind provokant, immer polarisierend, voller interessanter Perspektiven und sind immer (noch immer) wegweisende, wagemutige und unvergessliche Weltereignisse gewesen. 

Nun ist Michael Cimino mit nur 77 Jahren gestorben. 

Von der Hirschjagd, verstört, lauernd und vor Wut und Trauer wild um sich schießen, aber niemals in den Krieg ziehend...

Alan Lomax

 

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