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American Utopia on Broadway - Spike Lee

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 12. April 2021, 13:31pm

Kategorien: #Alan Lomax Blog, #Essay, #Feuilleton, #Filme, #Filmmusik, #Kommunikation, #Populäre Musik

American Utopia on Broadway - Spike Lee

Mitte der Achtziger Jahre wurde an jedem Donnerstagabend um 22:00 Uhr der Konzertfilm Stop Making Sense der Talking Heads von Jonathan Demme im Hochhaus-Kino in Hannover gezeigt. Mit ein paar anderen war ich über einen sehr langen Zeitraum an jedem Donnerstagabend in diesem Kino. Als Jugendlicher hatte ich bei dieser Musik und dem Film das erste Mal in meinem Leben das Gefühl eine künstlerische Heimat gefunden zu haben, die ich selbst gesucht hatte und die mir nicht von anderen empfohlen wurde. Seit dieser Zeit sind die Talking Heads die wichtigste Band in meinem Leben.

Bemerkenswert ist bis heute, dass der Konzertfilm sich bis heute von allen anderen jemals gefilmten Konzertmitschnitten unterscheidet. Es gibt keine Kameraeinstellung, die direkt aus dem Publikum das Geschehen auf der Bühne filmt. Zudem besticht Stop Making Sense durch eine sehr sachliche, aber auch einfühlsame Darstellung. Jonathan Demme versucht, jegliche Ablenkung zu vermeiden.

David Byrne kommt am Anfang des Konzertes nur mit einem Kassettenrekorder und einer Gitarre auf die Bühne, sagt den legendären Satz: „I have a Tape, I want to play“, welches dann letztendlich die Begleitung zu dem Song Psycho Killer ist. Nach und nach kommen die anderen Bandmitglieder, Musiker mit ihren Instrumenten auf die Bühne, bevor bereits bei dem fünften Song Slippery People die komplette Bandbreite und Faszination der Band aus New York klar wird.

Die Talking Heads haben sich zwischenzeitlich getrennt. Die interessierte Musikwelt wartet seit Jahren auf eine Reunion und auf eine letzte Welttournee. In diesem Jahr wurde der historische Fehler der Recording Academy korrigiert. Die Talking Heads haben den Grammy als Anerkennung für ihr Lebenswerk erhalten. Zudem erschien Spike Lees 2020er Film David Byrnes American Utopia. Der Film ist aus Sicht von David Byrne die musikalische Fortführung von Stop Makting Sense und aus Sicht von Spike Lee die filmische Umsetzung der Broadway-Show des Frontmanns der Talking Heads. 

Das Ergebnis ist atemberaubend. Der zeitgleiche Rückblick auf mein eigenes Leben, die Vertrautheit der Songs, aber auch die Bestätigung, dass die Bedeutung von David Byrne, die Begeisterung zu der Musik der Talking Heads immer noch so groß ist, dass nach so langer Zeit ein weiterer Konzertfilm gedreht wird, ohne gebrauchte Effekte zu nutzen, um die wunderbar umarmende und fusionierte Musk der Talking Heads weiterzugeben, neu zu entdecken oder weiterzuleiten, ist schlichtweg eine Sensation.

Wie auch immer die Menschen und Medien nun die Darbietung nennen, die ungeheure Dynamik entwickelt sich nicht aus der ungewöhnlichen Performance des 11-köpfigen Musiker- und Tänzerensembles oder aus der grundsätzlichen genialen Idee den Tanz mit einzubeziehen, umso eine Utopie des Zusammenseins darstellen zu können. Es ist wie immer die Musik der Talking Heads, die mitreißend ist. Und es wäre gegenüber allen anderen früheren Beteiligten der Band Talking Heads unfair, diese Tatsche nicht zu erwähnen. Byrne aber kann man andererseits auch keinen Vorwurf machen: „The Name of this Band is Talking Heads“ und der 65-jährige zeigt mit American Utopia vielleicht auch auf, dass die Fortsetzung der Vortragsreihe Talking Heads nur in diesem ironischen Umfeld stattfinden konnte, in dem „die Songs ernst gemeint sind“. (Interview Süddeutsche.de) 

Für mich bleibt die Erkenntnis, dass ich wohl immer der bunten Mischung der Musik treu bleibe. Und das haben mir die Platten der Talking Heads und die langen Donnerstagabende im Hochhauskino beigebracht. Popmusik ist ein großes Universum, welches intelligent und funky sein muss, aber nicht immer denüster sein soll oder zu viel Lebensfreude versprühen darf.

 

Neben allen Ausführungen und evtl. weiteren theatralischen Aufführung und der unweigerlichen Erkenntnis, dass ich in einem Artikel über American Utopia, die persönliche Bedeutung zu dieser Musik nicht mal ansatzweise darstellen kann, bleibt die Erkenntnis, dass die Talking Heads zusammen am besten sind. Die Dominanz von David Byrne ist zwar nicht Wegzureden, aber die wichtigsten Alben und Songs haben die vier gleichberechtigt in ihrer jeweiligen Rolle beeinflusst. Die Alben: More Songs About Buildings and Food, Fear of Music, Remain in Light und natürlich Speaking In Tongues sollten für diese maßgebliche Phase genannt werden. Auch weil Brian Eno diese produziert hat, der musikalische Einfluss von Jerry Harrisons komplementären Rhythmen von Bedeutung ist und die elementare Vernetzung von Chris Frantz und Tina Weymouth zu Grandmaster Flash, Kurtis Blow und den furiosen Backgroundmusikern wie z. B. Bernie Worrell (Parlament) oder Alex Weir wichtig ist. Denn hätten die Talking Heads sich in dieser Bandphase zu sehr auf David Byrnes intellektuellen Fähigkeiten verlassen und den Anspruch an große Pop-Momente zurückgestellt, wäre der künstlerische Bruch in der Band schon viel früher passiert.  

Am Ende von American Utopia ziehen die Musiker mit David Byrne durch die Zuschauerreihen des Hudson Theatres und spielen den Song Road To Nowhere. Die Bedeutung ist groß, obwohl Road To Nowhere natürlich nicht zu den besten Talking Heads Songs zählt. Road To Nowhere handelt von einer sicheren Zukunft, in der alle Menschen unterwegs sind. Der Weg führt ins Paradies.

Spike Lee kann solche Momente aufnehmen. Es ist mehr als genial und dann auch wirklich bewegend, wie der Meisterregisseur zwischen den verschiedenen Perspektiven wechselt und die anrührende Begeisterung des Publikums, des Songs und der ganzen Unternehmung selbst im eigenen Wohnzimmer spürbar wird.

Ich habe bei diesem Moment auch die Tränen in den Augen. Ich bin bewegt, auch weil ich mir vorstelle, dass der ein oder andere Zuschauer bereits damals im Pantages Theater in Los Angeles dabei war, als Stop Making Sense während vier Live-Shows aufgezeichnet wurde.

Damals war der letzte Song Crosseyed and Painless. Das vielleicht beste Talking Heads Lied überhaupt, da es repräsentativ für viele der paranoiden Texte von Byrne steht, aber auch vom Old-School Rap beeinflusst ist und dem Hip-Hop damals eine erste wichtige Bedeutung für die Popkultur gegeben hat. Aber! Der Song handelt eben auch von Zweifeln und von der Unsicherheit darüber, an Fakten zu glauben: "Facts are simple and facts are straight. Facts are lazy and facts are late.“ Und endet mit den besten Lyrics in einem Popsong überhaupt, da diese wenigen Zeilen für eine unverändertere Haltung stehen, die auch für das gesamte künstlerische Konvolut zwischen Stop Making Sense und nun American Utopia für immer manifestiert ist:

I'm still waiting...I'm still waiting...

The feeling returns

Whenever we…

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