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Musik, Kino, Kultur, Radio


Vergessene Helden – Les Baxter

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 22. Oktober 2013, 12:41pm

Kategorien: #Vergessene Helden

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Mit diesem Artikel werde ich mich in eine Subkultur vorwagen die heutzutage von einigen Menschen hochachtungsvoll gelebt und kuragiert gestaltet wird. Respektvoll möchte ich mich bei diesen Enthusiasten auch direkt am Anfang dieses Textes für mein Halbwissen entschuldigen.

 

Mir ist durchaus bewusst, dass man die Exotica- und Tikikultur, ob man diese nun als Südsee Kultur oder Pop-Kultur versteht, nicht in ein paar Zeilen erklären kann. Auch werde ich nicht genau erklären können, ob der von mir hier wiederbelebte Les Baxter den maßgeblichen musikalischen Einfluss auf die Musikrichtung Exotica hatte, wie ich mir das  aufgrund seiner nun gehörten Aufnahme so vorstelle und dem Thema formale Entsprechung von Filmmusik zu meist B bis D-Movie werde ich auch nicht gerecht, da ich ja in diesem Segment ehr ein Vertreter der großen Scores für Filme aus der Zeit der Golden-Age-Movies bin.

Aber ich liebe den Jazz, ich liebe Easy Listening und ich liebe Biographien von Künstlern die weitestgehend unbekannt sind und meiner Meinung nach nicht Vergessenheit geraten dürfen. Der amerikanische Musiker Lex Baxter wird dem heutigen Mainstream genauso unbekannt sein, wie die o. g. Tikikultur. Dabei ist Baxter wahrscheinlich einer der Komponisten der Pop- und Filmmusikgeschichte der die meisten Werke für Fernsehen, Film und Unterhaltung geschrieben hat. Fängt man an sich in das Oeuvre einzulesen und einzuhören, fällt man leicht vom Glauben ab, wie viele Editionen es alleine bei amazon zu bestellen gibt. Originale Scores und Plattenaufnahmen werden auf Börsen zu unfassbaren Preisen gehandelt. Allerdings sind diese Börsen ehr von den meisterlich gestalteten Plattencovern getrieben, als von den musikalischen Stücken zu Filmen wie „X“, „Hell’s Belles“ oder „Tales of Terror“ selbst.

Fängt man an, sich für die zum Teil exotischen Grafiken zu interessieren bleibt man auch schnell bei der heutigen Tikikunst hängen, die von der 1960er und 1970er  Südsee-inspirierte Trivialkultur hängen geblieben ist.

itv8123.jpgAber wie gesagt, mit dem Thema exotische Kunst aus der Südsee sollen sich die beschäftigen, die sich aufopferungsvoll dieser tollen, interessanten und bunten Welt hingeben. Bevor wir uns aber „meinem“ Thema Musik zu wenden, muss der deutsche Künstler Moritz Reichelt erwähnt werden, der die Tiki-Kunst in Deutschland und Europa maßgeblich revitalisiert hat. Auf seinen bereits früh in den 1980er Jahren gestalteten Plattencovern für Depeche Mode und natürlich seiner eigenen famosen Band „Der Plan“ (Ata Tak) sieht man bereits Einflüsse, die der heute in Berlin lebende Maler in seine Gemälde und Illustrationen verarbeitet. Sehr zu empfehlen ist ein Besuch seines blogs: http://moritzreichelt.blogspot.de/ und zum Lesen über die Empathie der Exotica-Liebhaber folgender Artikel: http://www.tonspion.de/neues/neueste/243833

Mir gefällt die Tiki-Kultur als „Polynesian Pop. Wenn ich  US-Filme aus den 1960er und 1970er Jahren sehe, fallen mir insbesondere bei Bar- oder Hotelsequenzen immer wieder Einrichtungen oder Alltagsgegenstände auf die von der Modewelle inspiriert sind. Die Amerikaner entwickelten natürlich insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg eine besondere historische und touristische Beziehung zur Südsee und natürlich hielt auch der vermeidliche Ethnokitsch Einzug in die Wohnzimmer des Mainstreams. Im musikalischen Mainstream wird dann natürlich auch schnell alles in einen Eimer geworfen. Kaum ein Sänger oder Musiker der 1950er, 1960er und 1970er der irgendeinen Song mit Südsee-Pazifischen Ansätzen aufgenommen hat. Sogar Elvis war dabei. Andere werden sagen, massiv vertreten! Komplementär über alle Genres hinweg gibt es Beispiele und der Theoretiker nennt diesen Ansatz dann auch „Hawaiian Novelty“. 500-shinj-tiki2.jpg

Lex Baxter hat einen Haufen Kompositionen zu diesem Thema gemacht, die den Zuhörer kompositorisch und Titeltechnisch mit der Nase drauf stoßen.

Interessanter sind da schon interpretierbaren Themen, wie z. B. Tropicando (Les Baxter & 101 Strings Orchestra).  Die Instrumentalnummer ist ein Gigant unter den unbekannten Easy Listening Themen. Natürlich denkt man sofort an unbeschwerte Zeiten unter der Sonne, aber die bedrohliche Melodienführung und die ungewöhnlichen Harmonien verstören bereits beim zweiten Mal hören.

Les Baxter wurde 1922 in Texas geboren. Nach seinem musikalischen Grundstudium tingelte er, wie damals üblich, mit unzähligen Jazzbands  durch die Gegend. Bevor er einen Plattenvertrag bei RCA 1948 und dann bei Capitol 1950 bekam. Er veröffentliche über 40 Singles von denen 10 in den US-Charts vertreten waren. "Unchained Melody“ wurde dann sein größter und wohl auch heute noch bekanntester Hit. Ein Millionenseller!

Lex Baxter bekannteste Titelmelodie ist wohl die für den TV-Klassiker „Lassie“. Ob nun Zufall oder Zeichen der Zeit, frühzeitig orientierte sich der auch immer an Avantgarde und Experimenten interessierte Musiker mehr in Richtung Filmmusik. Der Rock’n’Roll, die 68ziger, die Entwicklung der Musik stellte die, als spießig und kleinbürgerliche, geltende Orchesterpopmusik, jeglicher Couleur, aufs Abstellgleis.  

Es ist schon erstaunlich was es in dem Genre der sogenannten Trash- und Splatterfilme bzw. B-Movies musikalisch zu entdecken gibt. Kontextuell natürlich naheliegend, denn schließlich mussten die Low-Budget-Produktionen zumindest mit „sinnlich wirkenden Mitteln“ (http://www.filmmusik.uni-kiel.de/KB9/KB9-Herzfeld.pdf) versehen werden, um zumindest einen emotionalen Effekt zu erzielen. Und so unglaublich es klingt. Zu den Zeiten war es günstiger ein achtzig Mann starkes Orchester ins  Studio zu holen, als einen Tag zu filmen. Was für eine Chance und Bandbreite für visionäre Orchestermusiker und Arrangeure die mit Mainstreamtauglicher Musik wenig zu tun hatten und vielleicht sogar den Jazz als zu puristisch empfunden haben.

Baxters Filmmusiken sind extrem interessant, da er natürlich einerseits der künstlerischen Verpflichtung des Underscorings (synchrones Nacherzählen) nachkommen musste, die dadurch entstehende Langweile für die Eigenständigkeit der Scores und dem damit verbundenen Emanzipieren der Cues geschuldeten Fähigkeiten wirken lassen konnte, besondere Klangeffekte im Mehrkanalverfahren innovativ zu verschneiden.

Streckenweise entsteht so eine subtile, manchmal kaum erträgliche Klangkulisse, oftmals aber auch im Kontrast wundervolle Partituren die mit Baxters musikalischen Fähigkeiten mit Melodien umzugehen satte, strahlende und epische Scores hervorbringen.

Einen hervorragenden Überblick über das Leben und das Werk von Les Baxter bietet die Homepage der Arizona Les Baxter Archive:

http://web.cfa.arizona.edu/lesbaxter/collection/discography/index.html

Ich habe in den letzten Wochen sehr viel und intensiv Musik gehört. Dabei habe ich mich völlig befreit von Song zu Song, von Genre zu Genre bewegt. Natürlich gab es sensationelle Neuentdeckungen und eben so tolle Wiederentdeckungen. Nimmt man sich Zeit, versteht man auch vieles von dem, was man vielleicht mal irgendwann abgelehnt hat, sei es nun aus Eitelkeit oder aufgrund fehlender Zeit.

Bei diesem Ritt durch die musikalischen Epochen ist mir aufgefallen, dass mir fusionierte, logisch zusammengebrachte Genres und übergreifende Ideen um etwas Neues daraus entstehen zu lassen am meisten gefallen haben. Seit nunmehr über 30 Jahren höre und sammle ich konzentriert Musik. Natürlich gab es Phasen in der auch Musik nur eine zweite Rolle spielte, aber selbst dann habe ich Musik gehört. Bei diesem befreiet hören, ohne Barrieren und Schranken, weil man im Prinzip auf alles zurückgreifen kann, was einem gerade einfällt, ist mir aufgefallen, dass es oftmals die Musik der 1960er Jahre abseits des Mainstreams, der Hitparaden,  Compilations (Lounge Fever, Eay Listing, Fahrstuhlmusik extra)  und der Jazzmusik ist die mich mitnimmt, sondern dass es häufig Arrangeure wie Les Baxter sind, die mich dann final umhauen und zu der Erkenntnis kommen lassen, die musikalische Bundeslade gefunden zu haben. Was auch immer das bedeuten mag?

Alan Lomax

 

 

 

 

 

 

  

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