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Elizabethtown – Cameron Crowe

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 3. Februar 2012, 14:44pm

Kategorien: #Filme

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Dieser Film ist ein Meisterwerk! Dieser Film ist nicht wirklich gut! Zwei Aussagen, zwei Meinungen, zwei verschiedene Menschen, ausgestattet mit unterschiedlichen Sichtweisen und verschiedenen Sozialisierungen.

Mir ist völlig klar, was für Menschen es sein müssen, die in dem Film von 2005 nur eine esoterische Liebesgeschichte mit unendlich viel BlaBla sehen.  Das sind Menschen die keinen Respekt vor Komödien haben. Das sind Menschen die keine Gehirnsynapse für Musik übrig haben. Das sind Menschen die Frank Capra für einen amerikanischen Langstreckenläufer halten und „Manche mögen’s heiß“ für den besten Billy Wilder Film halten, weil sie all die anderen Filme des Meisters nicht kennen oder vergessen haben.

Ich könnte endlos weiter machen, aber es macht keinen Sinn. Bereits jetzt fühlen sich Leser auf den Schlips getreten, auf die vielleicht nur ein Attribut zu trifft!

Mir ist aber insbesondere klar, was für Menschen es sind, die in dem Film von 2005 ein gefühlvolles und wirkungsvolles Meisterwerk sehen. Es sind Menschen die sich vor einem ernsten Hintergrund unterhalten lassen wollen. Es sind Menschen die sich für das klassische Hollywoodkino interessieren, für den American Way of Life. Und es sind Menschen die Wert auf Witz, Eleganz und Zärtlichkeit  legen.

Billy Wilder zählt zu den großen Idolen von Cameron Crowe.  In dem Buch „Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder“ fragt Crowe Wilder über sein Leben und sein Regietalent. Ähnlich wie Hellmuth Karasek (Billy, how did you do it?), Truffaut (Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?) sollte dieses Buch übrigens in keiner privaten Filmbibliothek fehlen. In einer Randgeschichte erzählt Wilder, Crowe folgende Anekdote: Wie war das nochmal, als Lubitsch in den Armen einer Prostituierten starb? „Er hatte es mit der Dame gemacht und dann ging er ins Badezimmer. Dort passierte es. William Wyler und ich gehörten zu den Sargträgern, und als wir gingen, sagte ich: ‚Was für eine Schande, kein Lubitsch mehr.' Und dann sagte er etwas Besseres. Er sagte: ‚Schlimmer noch, keine Lubitsch-Filme mehr.'

Überhaupt schleicht sich das Thema „Beerdigung“ durch Wilders Werk wie ein endloses Geländer. Crowe übernimmt die Thematik in „Elizabethtown“. Kurz bevor Drew Baylor (Orlando Bloom) sich umbringen will, erhält er die Nachricht vom Tod seines Vaters. Er bucht einen Flug in die Heimat seines Vaters. Die Reise nach Elizabethtown wird auch eine Reise in die Vergangenheit. Die Handlung teilt sich in der Folge in zwei Stränge auf: Einerseits lernen wir das Leben in der amerikanischen Provinz kennen. Liebevoll zeichnet Crowe hier eine unvergessliche Nebenfigur neben der anderen. Parallel dazu dürfen wir erleben, wie sich Baylor in die Flugbegleiterin Claire Colburn (Kirsten Dunst) verliebt. Eindeutig gewinnt der vor kurzem gescheiterte Turnschuhdesigern seine Lebenslust zurück.

Mit der Sympathie für die Hauptdarsteller in "Elizabethtown" sieht es schon weniger eindeutig aus. Nicht alle mögen Kirsten Dunst. Andere gehen extra ihretwegen hin. Mit den Anhängern von Orlando Bloom ist es dasselbe, allerdings spiegelverkehrt: Wer Dunst mag, lehnt in der Regel Bloom ab und anders herum. Elizabethtown ist wahrscheinlich der rare Fall, in dem die "Chemistry" zwischen den Fans noch hinter der zwischen den Stars zurückbleibt (taz).

Der Mikrokosmos „Elizabethtown" zeigt uns eine ideale Welt. Menschennähe, Nachbarschaft, Liberalismus! Wie Crowe uns und die seichte Realität dieser Familien und Menschen darstellt ist warhmherzig, nicht zynisch, sondern liebevoll und menschlich. Reaktionär bedienen tut der leidenschaftliche Musik- und Popkulturverehrer seine sinnesgleichen Fans mit nerdigem Hintergrundwissen. Somit ist die Trauerrede von Baylors Mutter auch eine der Sideway-Höhepunkte des Films. Nicht zufällig spielt eine der größten Anti-Irak-Kriegs-Kämpferinnen Susan Sarandon diese Rolle und tanzt letztendliche vor dem schwarz-weiß Bild Ihres Mannes, der in stolzer Uniform auf die Beerdigungsgäste schaut, den Steptanz ihres Lebens.

Die Kompaktheit, die Komplexität der Figuren, der scheinbar nicht vorhandene Handlungsstrang und der überzeugende Stoff, machen diesen Film zu einem wirklichen Meisterwerk zwischen Lachen und Weinen, im besten Sinne der alten Meister des amerikanischen Boulevards, weitergeführt in die heutige Zeit, ohne den Charme, das Können und die Genialität der alten Meister zu überstrapazieren.

Wir sprechen auf diesen Blogseiten oft über Musik und Film. Oftmals auch über Musik im Film! Aber kaum über Filme die von der  Musik getragen werden. Werden wir auch in Zukunft nicht tun, weil wir dann über die von uns weitestgehend gemiedenen Musicals schreiben müssten.

Bei der orchestralen Filmmusik spricht man von vier Funktionen: Der Syntaktischen Funktion (Messerstiche werden mit Geigern unterlegt), der expressiven Funktion (Beispiel Underscoring/), der  Dramaturgische Funktion  (Melodiöse Beschreibung eines Charakters) und der Funktion des Leitmotivs (ähnlich der Oper) unterteilt.    

Cameron Crowe setzt Popmusik sehr gezielt ein, nämlich nach den Techniken des Scorings bzw. der orchestralen Filmmusik. Ein denkbar einfaches Vorgehen, was aber häufig an dem fehlenden Wissen und der fehlenden Empathie bei andere Musiccordinators in anderen Filmen scheitert. Der Zauber des Musikeinsatzes in Elizabethtown ist einzigartig. Die Auswahl der Stücke herzauseinanderreissenden und kontemplativ, schön, nicht zu ertragen.

Der künstlerische, filmische, musikalische und menschliche Höhepunkt des Filmes sind dann auch die letzten zwanzig Minuten des Films!

Claire hat für Drew das wohl beste Mixtape in der Geschichte der Mixtapeerstellung gemacht. Eine 42-stündige dauerhafte Musikzusammenstellung Ihrer Lieblingssongs, mit Straßenkarte und Besichtigungspunkten. Minutiös geplant und ausgedacht.

Cameron Crowe erreicht mit dieser kosmischen Idee Super-Idol-Helden-Status. Denn er schafft das, was wir und andere Schreiber krampfhaft seit Jahrzehnten versuchen. Mit einer sehr persönlichen Aufstellung  von Songs, Bildern, amerikanischer Mythen und Filmzitaten, vermittelt er uns, wer er  in seinem tiefsten Innern ist. Und diese Geborgenheit im eigenen Referenz-Universum ist mehr als glanzvoll.

Und diese Geborgenheit wird für andere Menschen ehr etwas Selbstgefälliges haben.

Der Film endet mit einem Kuss! …und wunderschön! Aber was versteht Ihr Menschen denn schon davon, die so ein Meisterwerk als Selbstgefälliges wenig hintergründiges Regieabenteuer eines durchschnittlichen Regisseurs bezeichnet.

Alan Lomax

http://www.lomax-deckard.de/article-cameron-crowe-we-bought-a-zoo-97861572.html

http://www.lomax-deckard.de/article-filmrevue-64468800.html

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