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Musik, Kino, Kultur, Radio


Berlin – Ecke Bundesplatz: Filmreihe

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 23. Februar 2013, 13:11pm

Kategorien: #Filme

 

 

Was die beiden Dokumentarfilmer Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich mit dem Langzeitfilmprojekt „Berlin – Ecke Bundesplatz“ geschaffen haben, vermag man überhaupt nicht für möglich halten.

 

Wir diskutieren, träumen, modellieren und denken unser Leben in Deutschland, lassen uns oftmals schlechte Fernsehfilme vorführen, lesen triviale schlecht geschriebene Bücher und reflektieren unsere eigenen Leben bis wir nicht mehr weiterkommen. Versuchen es dann in der Abstraktion der Kunst und der Darstellung. Nichts gelingt eigentlich und schon gar nicht im Kino, wenn man verstehen möchte, was in diesem Land passiert ist! Wie man sich selbst verändert hat, wie man älter geworden ist und wie man ständig lernen muss den eigenen Spiegel vor sich weg zu nehmen, um die Alltagsrealität aus einer anderen Perspektive zu verstehen. Gumm und Ullrich zeigen es auf. Ohne Wertung, ohne ironisch, zynisch, bewertend, herablassend oder befürwortend zu sein. Die beiden Dokumentarfilmer machen das was ein Dokumentarfilmer zu tun hat: Sie dokumentieren!

Mitte der 1980er Jahre beginnen die beiden ihr Langzeitfilmprojekt zu starten. Natürlich lässt sich der WDR für das Projekt gewinnen! Man muss einfach mal –natürlich der WDR- schreiben, weil es immer der WDR ist, der sich innovativen und grundlegend wichtigen informellen Sendeformaten angenommen hat. Der Kiez in Berlin ist das Soziogramm der Serie. Gefilmt werden Familien und Menschen in ihrer Alltagsrealität. Es wird „draufgehalten“, aber die Kamera wird dabei nicht zum Täter. Alltagsleben, Träume, Arbeit, Glück, Schicksal verschmelzen zu dem was es ist: Die deutsche Wirklichkeit.

Das Projekt ist lange bekannt und doch häufig wieder vergessen worden. Zur Berlinale 2013 sind vier neue lange Filme entstanden. Die man sich nun auf 3sat oder auch im Internet in der 3sat mediathek ansehen sollte.

Besonders ergreifend ist dabei das Portrait der Familie Rehbein „Vater, Mutter, Kind“. Einer wirklich durchschnittlichen deutschen Familie. Und dabei ist das Wort „durchschnittlich“ ein Prädikat. Denn was wir zusehen bekommen, kennen wir alle! Die besorgte Mutter, der etwas raue Vater, der Sohn Thomas (Jahrgang 1967) der behütet aufwächst, alles bekommt und doch orientierungslos ist. Birth-School-Work-Death! …wenn man es kritisch sehen will. Liebe, Bodenständigkeit, Geradlinigkeit, Verständnis und Lebenswille, kann man sehen, wenn man sich darauf einlässt.

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Bewusst wird mir als Zuschauer das, als es um das Thema Tod, Krankheit, Älter werden geht. Schön waren die Bilder in den Jahren 1986. Die Welt war in Ordnung! Familie Rehbein hat alles, was eine Familie in Deutschland scheinbar haben will. Und nicht viel mehr! 25 Jahre werden wir nun auf eine Zeitreise mitgenommen. Sind bei Urlauben dabei, bei Niederlagen, bei Siegen, bei Krankheiten und lernen Menschen kennen die nicht viel nachfragen, sich nicht viel beschweren. Weil sie es nicht gelernt haben, weil sie es nicht wollen und weil sie glücklich sind mit dem, was sie haben. Es ist enorm beeindruckend, das zu beobachten.

Diese Filme sind (ich habe sie innerhalb von 24 h alle gesehen und süchtig verdaut) Luxus. Ein Luxus an die Zeit und somit ein Geschenk für jeden Deutschen und natürlich auch jeden anderen den das interessiert. Aber es ist insbesondere der altmodische Blick in fremde Wohnzimmer, in bekannte Lebensformen und Milieubeschreibungen ohne zu verklären.

Letztendlich hat das immer alles auch mit einem selbst zu tun. Natürlich fühlt man sich als Zuschauer erst mal überlegen. Absurd! …denn ich habe mich selbst dabei erwischt zu glauben, dass Familie Rehbein das alles in 90 Minuten erlebt hat. Diese fühlen sich wie 5 Minuten an. Als Zuschauer wird man förmlich weggebeamt, vergisst sich selbst und landet etwas später umso härter, weil einem bewusst wird, wie groß der Anteil an Durchschnittlichen Tagen an denen nichts passiert, die man einfach nicht nutzt oder vielleicht sogar nicht zu schätzen weiß ist. Und wie gering der Anteil an großen Erlebnissen, schönen Momenten und unvergesslichen Ereignissen ist! Und, es ist tröstlich, wie gering, tatsächlich die Schicksalsschläge sind!

Als denkender Fernsehzuschauer und Filmliebhaber muss man dieses Projekt abfeiern, für sich horten und diese Filme wie eine Bibel täglich zitieren. Denn es ist das wahre Leben! Besser geht es nicht. So einfach es klingt, aber Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich habe ein Monument geschaffen, welches nichts mit Reality-TV oder sonstigen hirnlosen Formaten zu tun hat. Sie haben Fernsehgeschichte -mit dem Filmen von Alltagsrealität- geschrieben.

Und das ist spannend, authentisch und in dieser Form unvergleichbar! Also ein Masterpiece! Ein Meisterwerk! ...in seinem Genre!

Alan Lomax   

 

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