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25th Hour – Spike Lee

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 3. Februar 2013, 14:10pm

Kategorien: #Filme

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Die 25igste Stunde wäre für Monty (Edwart Norton) die Chance gewesen neu anzufangen. Sein Vater (Brian Cox) fährt den zu sieben Jahren Haft verurteilten Sohn ins Gefängnis. Er hätte die linke Abfahrt nehmen müssen oder hat er? Wir erfahren es nicht! Aber in einer 15 Minuten langen cineastischen Vision der Extraklasse beschreibt er den amerikanischen Traum, wie er seit Jahren nicht mehr im Kino stattgefunden hat. 

Vorher erfahren wir es dazu gekommen ist! Der wohlhabende New Yorker Drogendealer wurde verraten. Wir erleben die letzten 24 Stunden bevor er ins Gefängnis muss. Der deutsche Titel 25 Stunden ist somit natürlich totaler Quatsch. 

In den letzten Stunden will er sich von seinen alten Freunden verabschieden und klären wer ihn verraten hat. Wir lernen seine Freundin Naturelle kennen. Seinen Vater (Brian Cox) und seine gegensätzliche Freunde Francis (Barry Pepper) –Broker- und den schüchternen Lehrer  -Jacob- (Philip Seymour Hoffman). 

Ich habe den Film das letzte Mal vor ca. 8 Jahren gesehen. Klar ich bin großer Spike Lee Fan und denke daher häufiger an diesen Streifen. Da er definitiv zu Lees Meisterwerken gehört. Das liegt, neben der grandiosen Geschichte, die beim Zuschauer völlig unbekannte Gefühle weckt, insbesondere an 3 Sequenzen, die man nicht wieder vergisst und die sich automatisch ins Unterbewusstsein des Zuschauers brennen werden: 

Zum einen ist da Nortons Hassrede vor einem Spiegel. Es trifft jeden. Die Juden, die Schwarzen, die Chinesen, die Polen, die Mafia, die Taxifahrer, ganz New York. 


Die zweite unfassbare Sequenz findet im Appartement von Francis statt. Dieser wohnt direkt oberhalb von Ground Zero. Nach dem er seinen Kumpel Jacob begrüßt hat und ihm einen Drink egibt, begeben die beiden sich an die Fensterfront. Die Kamera fährt über die Köpfe der beiden Freunde, wir sehen das unfassbare im nächtlichen Schein. Ein Gänsehautmoment, weil er eben nicht nur visuell für sich alleine steht, sondern uns klar macht, dass wir nur kleine unbedeutsame Menschen mit eigenen kleinen, regulierbaren Problemen sind. 

Die dritte meisterliche Sequenz ist die bereits angesprochene Vision, die mit dem Endtitel und einem Song vom Boss (The Fuse) endet.

Natürlich ist dieser Film ein Film über New York und zu dem der erste der nach den Septemberanschlägen in der Stadt gedreht wurde. Die unbekannten Gefühle werden dem geneigten Zuschauer, erst richtig nach dem Film klar! 

Denn natürlich identifizieren wir uns mit Monty. Schließlich ist er ein netter Zeitgenosse, der einen sterbenden Hund gerettet hat und auch noch nach unserem Lieblingsschauspieler benannt wurde. Lee hat da genau die richtige Wahl getroffen. Dies muss mit einem Augenzwinkern kommentiert werden, da er sicherlich Sidney gewählt hätte, wenn Monty ein Afro-Amerikaner gewesen werden. 

Mit der Identifizierung bekommen wir ein mulmiges Gefühl. Wie würden wir uns selbst fühlen, wenn wir in ein paar Stunden zum Schafott müssten. Alte Sonntagsgefühle (Tatort, Klassenarbeit am Montagmorgen) kommen auf. Derweil zeigt uns Lee aber, dass wir alle ganz schnell selbst in so eine Situation kommen können, auch wenn wir gute Schüler gewesen sind. Jacob fängt ein Techtelmechtel mit einer minderjährigen Schülerin an, der Broker Francis spielte noch am Morgen mit einem dreistelligen Millionen Betrag und setzte mehrere hundert Arbeitsplätze in Gefahr, nur aus eigenem Ehrgeiz. Montys Vater ist hoch verschuldet und Alkoholiker. 

Spike Lee zeigt uns in seinem Mikrokosmos den Verlust der Unschuld und stellt uns die Frage nach der eigenen Moral. Zu dem bringt er uns subtil die Ungewissheit der Zukunft in den Kopf zurück. 

Auch Freunde des klassischen Kinos werden bedient. Die Titelsequenz der nächtlichen Skyline von New York und den beiden Flagscheinwerfen die am Ground Zero stehen ist Atem beraubend, zu der Musik von Terence Blanchard unvergesslich. Andere Cineasten werden sich als nächsten Film „Der Unbeugsame“ mit Paul Newman ansehen. 

25 Hours ist Spike Lees einziger Film mit ausschließlich „weißen“ Protagonisten. Und es ist sein zweitbester nach „Do the right thing“! 

Demnächst dreht er das Remake des koreanischen Klassikers „Old Boy“ ab. Jeder der sich mit dem Leben und Werk des streitbaren Regisseurs beschäftigt wird gespannt bleiben. Ich rufe nach dem zweiten Mal 25 Hours sehr laut HURRA, reiße beide Arme in Höhe und denke mir leise: Das ist ganz großes Kino. Vielleicht sogar einer der besten Filme der letzten 20 Jahre. Gerne würde ich das ausdiskutieren, aber wen interessiert es schon? 

Somit bleibt mir nur das eine. Ich höre den gnadenlos, schönsten, neuzeitigen Score von Blanchard über New York City und freue mich darauf diesen Film ein drittes Mal zu sehen. 


Als alter Mann, im Kreise seiner Familie, die alle in weißen Kleidern um mich herum sitzen und die Wahrheit erfahren wollen. 

Alan Lomax  

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