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The Suburbs – Arcade Fire (2010)

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 11. März 2021, 17:27pm

Kategorien: #Alan Lomax Blog, #Essay, #Feuilleton, #Independent Musik, #Kommunikation, #Popmusik, #Populäre Musik

The Suburbs – Arcade Fire (2010)

Ich möchte heute über ein 10 Jahre altes Album der kanadischen Band Arcade Fire berichten. Es ist das dritte von Arcade Fire, nach Funeral (2004) und Neon Bible (2007). Danach folgten noch Reflektor und Everything Now.

Während dieser langen Zeit der Bewegungslosigkeit und Ausspannung hatte ich festgestellt, dass einige der spektakuläreren Bands, des vergangen Jahrzehnts nicht unbedingt meine Aufmerksamkeit bekommen haben. Vor einigen Wochen hat mein Arcade „Fireischer“ Nachholbedarf mit dem Song Sprawl II (Mountains Beyond Mountains) begonnen. Sicherlich nicht der beste Song der Band und scheinbar auch nur eine kleine weitere hübsche Popperle. Wie es dann aber so ist! Es kommt der nächste Tag und der nächste und der nächste und der Song ist noch immer da.

Arcade Fire waren mir zu den Zeiten der jeweiligen Veröffentlichungen der Alben immer etwas zu verklärt. Neon Bible z. B. war mir zu klagend und düster und Funeral (sicherlich eines der besten & wichtigsten Alben der letzten 20 Jahre) war mir oftmals zu aufwühlend. Wie gesagt, damals, in der einen oder anderen Lebensphase.

Zudem haben mich Butlers Texte oftmals einfach genervt und an einen anderen nervenden Künstler erinnert, vor dem ich trotzdem höchsten Respekt habe. Es ist der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen. Die beiden sind ganz bestimmt befreundet!? Wissen Sie mich ärgert es immer sehr, dass einige sehr gute Werke und Taten die in meiner geliebten Popkultur stattfinden, von Wenigen Aufmerksam erhalten, obwohl sie spannend, lustig und sinnhaft sind. Wenn aber Typen wie Franzen (Die Korrekturen) oder Edwin Butler (The Suburbs) stunden bzw. seitenlang darüber sinnieren, wann der Postmann kommt oder uns beschreiben, wie ein Vogel im Morgengrauen ihren Tag bereichert, steige ich gerne aus. In diesen Momenten würde ich am liebsten Schreien und lauf fragen: „Weshalb dürft Ihr Eure Leser und Zuhörer so oft langweilen, werdet aber doch permanent pauschal abgefeiert. Immer macht Ihr alles richtig, nie dürfen wir sagen, dass vielleicht dies oder das einfach mal multi boring war! Ich meine, ich werde doch auch ständig angeklagt und ver- und beurteilt (sprechen sie wenn sie mehr wissen wollen, gerne mit meinem Therapeuten). „Than live in the shadows of your song“ singt Butler dann aber in dem Überhit Ready To Start und Franzen schreibt Sätze wie: „That was the way most people were – stupid“. Ich bin dann wieder glücklich und brauche auch gar keinen Therapeuten.

Auf The Suburbs verfolgen sich 16 grandiose Popsongs ohne Zusammenhang, also konzeptlos. Oftmals entfesselt das Bands. Denn die Herausforderung ein Opus bzw. ein Werk in Form, eines nachvollziehen des Konzeptes, zu erstellen wird häufig unterschätzt. Ich verstehe schon, dass Neon Bible daher ein großes Album ist. Mit all‘ dem Bombast, der Kirche als architektonischen Aufnahmeort und Widerstandsort, welcher ein Ort gegen die Gefahren der Religionen und der düsteren Aussicht auf Krieg ist. Häufig ist es aber genau diese Ernsthaftigkeit die mich in der Popmusik verstört, da ich ehr ein Freund des fröhlichen Popsongs, der Melodie und der mitreißenden Leidenschaft bin. Jedenfalls jetzt gerade. Alles kann sich in Tagen, Monaten, Jahren ändern. Ich lasse es zumindest so passieren.

Natürlich höre ich das Album jetzt gerade. Und die Schwierigkeit zuzuhören und zuschreiben liegt auf der Hand. Es überfordert alle und alles und mich. Die Disziplin der Einschränkung, der Blick auf das einfache tut sich auf. Die Konzentration auf die Sache: „They’re singin‘ Rococo, Rococo, Rococo…“. Butler repetiert die Wörter nach dem er uns auffordert in die Stadt zu gehen um zu sehen, was die jungen, modernen Leute machen. „Using great big words that they don’t understand“. Und ja dann hinterfragt er diesen Song selbst, „Oh, my, dear God, what is that horrible song?“ …und das ist richtig finde ich in diesen Zeiten. Ich hinterfrage mich auf dauerhaft. Und wissen Sie was? Auch ich mache mir Gedanken zu meiner alten Heimat. Einer anderen Stadt in der ich mal gelebt habe. Zu den jungen und alten Menschen. Und über mich. Ich glaube fest daran, dass die Leidenschaft Popmusik zu hören und für sich selbst weiter zu kultivieren, einfach großartig in den Momenten ist, wenn Dinge zusammenwachsen. Und wenn es die eigenen Themenregale sind, die mit Ware von guten Bands, Autoren, Künstlern, Filmemachern gefüllt werden, ist das großartig.

Der erste Song des Albums und später Suburban War beschäftigen sich damit wie das Leben in der Vorstadt als Jugendlicher war. Butler schwelgt in Erinnerung als er mit dem Auto durch die Straßen seiner Jugend fährt: „Sometimes I can’t belive it, I’m movin‘ past the feelin‘ again“ singt er dann. Mir laufen die Tränen die Wange runter und dann etwas später: „Well, I want a daughter while I’m still young, I wanna hold her hand, show her some beauty, before this damage is done“, stoppen die Tränen und werden zu pochenden Blut, welche direkt in mein Herz fließen. The Suburbs löst viele andere Songs ab, die ich solchen Momenten gehört habe. Und das nach so vielen Jahren!

Wissen Sie? …es ist echt schön, wenn sich etwas auftut, was schon da war und das auf einmal von einem selbst verstanden wird. Ich habe Arcade Fire immer für sehr ironisch gehalten. Ich mag Ironie, aber um in diese Liga zukommen, in der ich davon schreibe, dass sich bei mir Tränen in Blut wandeln, muss es schon etwa mehr sein, als etwas jugendliche Verachtung von einem mittelalten Rockstar.

Auf The Suburbs verliert Arcade Fire trotzdem nie den Humor, was ganz bestimmt die krude Bestimmtheit der merkwürdigen Songtitel in Fortsetzungen und teilweise über drei Songs (in Klammern) beweist. Für mich steht diese Merkwürdigkeit, für eine gewisse Ambivalenz die nur Jugendliche oder junggebliebene mittelalte Rockstars oder etwas ältere Blogger die über Popkultur schreiben haben können. Heute so, morgen so, könnte man auch sagen. Und dann verstehe ich auf einmal, was es mit Sprawl I (Flatland) und Sprawl II ( M B M) auf sich hat. Es geht darum etwas erreicht zu haben, was ich man selbst erreichen wollte. Und dann wird mir vieles klar: „The last defender of the sprawl said: Well, where do you kids live? Well, sir, if you only knew what the answer‘ worth, Been searching every corner of the earth!“

Es ist sehr befriedigend ein Album wie The SUBURBS für sich zu entdecken. Wenn es soweit ist, dass man die Platte nicht mehr umdreht, sondern die eine oder andere Seite immer und immer wieder abspielt, bevor doch der Wechsel kommt, nach Tagen und es mit der nächsten Seite genauso ist, und mit Seite C und D auch, dann wird das auf einmal wichtig für einen selbst.

Es gibt so viele Alben in der Musikgeschichte, deren Bedeutung früh ausgerufen wurden, die aber dem Anspruch über die Zeit nicht standhalten konnten. Und es gibt eben die Gewinner dieser endlosen, für einen jeden von uns editierbaren Geschichten:

Alben wie The Suburbs von Arcade Fire die allmählich über die Jahre eine Patina von Größe und Wahrhaftigkeit entwickeln.

Aus dem Mittleren Westen der USA, aus der fiktiven Stadt St. Jude….

Alan Lomax

 

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