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Musik, Kino, Kultur, Radio


GEWALT REPRISE – Eine Band, ein Interview und ein Konzert …und ein Jubiläum – Köln 674.fm und 25 Jahre Intro E-Werk 24.03.2017 / Bonn BLA 25.03.2017

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 12. April 2017, 17:09pm

Kategorien: #Populäre Musik, #Radio, #674.fm, #Konzerte

GEWALT REPRISE – Eine Band, ein Interview und ein Konzert …und ein Jubiläum – Köln 674.fm und 25 Jahre Intro E-Werk 24.03.2017 / Bonn BLA 25.03.2017

Kurz und knapp: Wir interessieren uns für Musik, wir schreiben einen Blog, wir haben eine Radiosendung! Um diese Wirkungskreise mit Inhalten zu füllen benötigen wir gute Kunst. Diese stellt sich für uns primär aus den Segmenten alternative Musik, Film und Popkultur dar. Wenn uns dann etwas gut gefällt, schreiben wir es gerne auf oder senden darüber. Wir verdienen kein Geld mit dieser Wirkung, wir sind zu alt für selbstdarstellerische Gründe und haben eben diese eine große Leidenschaft, die uns beim musikabend feat. lomax-deckard.de verbindet. So sind Freundschaften entstanden und so möchten wir diese Kunst nicht nur konsumieren! Wir möchten sie auch archivieren, fordern, befragen und feiern.

Als wir in den achtziger Jahren angefangen hatten Schallplatten zu sammeln, Filme zu entdecken, Helden zu verehren, schien diese ganze Kunst für uns unerreichbar. 

In den neunziger Jahren hatten sich viele von uns bereits für das Rattenspiel und das Eigenheim leisten entschieden. Viele bürgerliche Entscheidungen wurden getroffen, die Kunst blieb Theorie. Aber! Wir lernten Menschen kennen, die sich mit Bands, Filmen und Medien auseinandersetzen. Zum Teil mit selbst entdeckten Musikern oder neugeschaffenen Universen gewachsen sind und sich damit selbstständig machten. Ein jährlicher Höhepunkt für diese Wahrnehmung war die popkomm. Eine Musikmesse, die zeigte, dass man mit unseren Idealen, auch im alternativen Bereich, durchaus sein Butterbrot verdienen konnte, um so seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Musiksender, Popradios, Zeitschriften, Konzerte, CDs, Vinyl, das anfängliche Internet, DJism, Techno, Grunge, Hamburger Schule etc.: …viele verdienten Geld und lebten -zumindest ein paar Jahre- gut in dieser dünnen Blase.

Wir schauten uns das meist von außen an! Wir studierten, arbeiteten, gründeten Familien, planten das Leben! Ruiniert hat uns keiner! Dabei gewesen sind wir trotzdem und wir kauften Kiloweise Schallplatten, gingen wie andere ins Freibad zu Konzerten, konsumierten, stellten Ansprüche und Fragen. Gelegenheiten und Antworten gab uns keiner.

Hin und wieder gab es Touch-Points zur darstellende Welt. Wir lernten sporadisch ein paar Bands kennen, freuten uns mit Bekannten und Freunden, die den Weg in den Journalismus eingeschlagen hatten, gemeinsam über gelungene Interviews und gute Geschichten.

Das Internet veränderte unser Leben. Die kommerzielle Musikblase zerplatzte. Viele Menschen die mit der Musik Ihr Geld verdienten hatten Pech. Andere waren nicht professionell. Wieder andere nicht geschult die Transformation aus der Offline-Welt in die Online-Welt hinzubekommen. Plattenfirmen gingen pleite, die Musikwirtschaft wurde in betriebswirtschaftlicher Hinsicht agil, alle(s) musste sich umorientieren.

Für uns Nerds gab es auf einmal neue Möglichkeiten. Wir hatten direkten Zugriff auf die komplette Welt des Film- und Musikbusiness und deren Kunst und deren Kontakte. Erstellte man eine blog, gehörte man auf einmal dazu. Wir wurden gelesen, wir wurden wahrgenommen, wir hatten eine Plattform gefunden, die neben dem persönlichen Archiv auch einen thematischen Nutzen für viele hat. 

Noch immer sind wir unserer Verfassung treu geblieben, nämlich über das zu schreiben, was uns interessiert und viel bedeutet. Und zwar genau dann, wenn sich ein Musikwerk, eine Band, ein Musiker, ein Film, ein Buch oder ein Held  gerade in unser Herz manövrierte, ohne das es gerade eine kommerzielle Aufforderung für einen Artikel gibt oder einen speziellen Anlass. 

Patrick Wagner von GEWALT hat all‘ das soeben beschriebene erlebt. Vor ein paar Jahren war er sowas wie das Rolemodel der deutschen Independent Kultur. Eigenes Label, coole Band, erfolgreich! 

Fast wie im Gleichschritt und Einklang zum Untergang der bestehenden Musikwirtschaft und dem grundsätzlichen Wandel in Darstellung, Wandel und Haltung bei der gesellschaftlichen Form der Verwendung des Internets, ein Scheitern. Vielleicht zu viel, vielleicht zu viel Neues. Trotzdem immer Künstler, immer einer der etwas zu sagen hatte auch als Experte für die Vermarktung von dieser Kultur. 

GEWALT REPRISE – Eine Band, ein Interview und ein Konzert …und ein Jubiläum – Köln 674.fm und 25 Jahre Intro E-Werk 24.03.2017 / Bonn BLA 25.03.2017

Ein Freitag im März 2017! 

Es trifft zusammen was eigentlich nicht zusammengehört und sich dann doch auf einer seltsamen nahliegenden Seelenverwandtschaftsebene zusammenfindet. Wir die Nerds, die ewigen Konsumenten, die Zuschauer und Zuhörer, laden zum Interview ein. Da die anderen aus Berlin, die immer egoistischer zu sich selbst gewesen sind und sich selbstbestimmter an der Kunst versucht haben.

Für unseren kleinen, aber tollen Radiosender 674.fm führen wir ein Interview. Wir sind aufgeregt! Klassischer Weise bleiben doch Klischees bestehen: Fragen der Anderen werden gestellt: Wo sind die denn jetzt? Wann kommen die? Warum kommen die zu spät? Wieso spielen die jetzt nicht live? Wieso haben die sich nicht gemeldet? Mir war klar, dass das nun mal so ist. Und egal, ob in zehn Jahren kein einziger Cent mehr mit Musik umgesetzt wird. Musiker und Künstler leben zum Glück noch in einer anderen Welt als wir. Nicht alles muss geplant sein. Nicht jeder ist ständig pünktlich. 

Dabei sind wir es die umdenken müssen! Wir sind jetzt wieder gefordert! Wir? Genau! Wir, denen es in den letzten Jahren gut ging und die von einem etwas langsameren Leben profitiert haben. Und damit meine ich primär unsere Arbeitswelt. Wir konnten lernen: Lernen mit dem Computer umzugehen. Lernen, wie Kommunikation sich verändert hat. Wie alte Strukturen aufgebrochen wurden und neue Managementstrukturen eingeführt wurden oder sogar von uns selbst platziert wurden.

Wir Konsumenten der Kunst, aber bürgerliche Mitte, stehen der Welt der Performer gegenüber. Jenem Milieu was aufholen wollte. Welches sich neu erfinden musste! Und wenn es mit weit über dem Mittelmaß gelegten Benchmarks ist. Einem Bandnamen z. B. den man gar nicht googlen kann, der aber für Aufmerksamkeit sorgt. Mit Musik die brachial, scheinbar einfach, aber doch zerfetzend emotional wirkungsvoll ist. Mit einem Line-Up: Mann, zwei Frauen, Drumcomputer, welches Aufmerksamkeitsstark und in einem artifiziellen Konzept stattfindet, was durchaus überlegt ist und in vorhandene künstlerische Dimensionen ragt, wie es im deutschsprachigen Raum vielleicht bisher nur ein Filmemacher wie Michael Haneke oder in der bildenden Kunst ein Horst Janssen oder Gerhard Richter geschafft haben. 

Patrick Wagner, Helen Henfling und Yelka Wehmeier unterhalten sich mit uns. Es ist von Anfang an kein Interview, auch wenn alles darauf hinweist. Es ist ein Gespräch. Voller wunderbarer Zufälle, Ergänzungen und Emotionen. Wir sind alle begeistert! Es kostet aber auch Kraft. Beide Seiten merken, dass es nicht ganz unangestrengt ist, sich kennenzulernen und zu vertrauen und das richtige sagen zu wollen.

Denn wir sind erstmal keine ideale Zusammenkunft von Menschen. Beide Seiten haben zwar die gleichen Interessen, ähnliche Werte, Ideale und unausgesprochene Wünsche und keine rätselhaften Leidenschaften vor einander. Die Lebensphasen sind gleich, die Lebensweise  sind unterschiedlich. Die Grenzen sind zwar fließend, aber die soziale Wirklichkeit sieht eben anders aus.

Kurz zur Erklärung, worauf ich mit dieser Analyse der Lebenswelten und damit versteckter Selbreflektion hinaus will? 

…es ist ja immer schwer von sich selbst zu berichten. Unternimmt man diesen par force Ritt: …wird man schnell als arrogant dargestellt. Oder eben als Weichmann, weil man über seine Gefühle schwelgt. Vielleicht dann auch zur falschen Selbsteinschätzung neigt. Nun dann: …wenn mir der liebe Gott eine Gabe mit auf meinen Lebensweg gegeben hat, dann die Fähigkeit empathisch (besser „nachempfindlich“ zu sein), um Situationen, Kräfte, Stimmungen von Menschen und Gegebenheiten wahrzunehmen und diese schneller zu verstehen als Menschen, die faktische Superkräfte haben. Ich bin zufrieden mit dieser Eigenschaft, da mich dieser Skill beruflich und privat, mit einer Art Superheldenkraft ausstattet und ich so den meisten anderen in bestimmten Situationen überlegen bin. 

Diese Überlegenheit bringt wie immer im Leben, wenn man von dem einen mehr hat als die Anderen, aber auch Nachteile mit sich: Denn man denkt oftmals übersteigert zu viel und übergibt Perspektiven an andere, die diese nicht verstehen.

Treffen aber zwei Menschen mit dieser Ausstattung aufeinander, decodieren sich beide meist direkt und ohne Worte. Skepsis baut sich auf und eine Energie die sich in Abhängigkeit von nur wenigen Faktoren negativ oder positiv ableiten lässt, und sich erstmal gegenseitig bestätigen lassen muss.

GEWALT REPRISE – Eine Band, ein Interview und ein Konzert …und ein Jubiläum – Köln 674.fm und 25 Jahre Intro E-Werk 24.03.2017 / Bonn BLA 25.03.2017

Ein Tag später! Wir sind passender Weise in Deutschlands Bundesstadt Bonn. Verwaltung, veraltete Strukturen und bürokratische Architekturen regieren diese, eigentlich hübsche Stadt noch immer! Kunst findet hier noch im Museum statt. Und auch fast nur hier! Jegliche Subkulturelle Räume wurden geschlossen, Szenen, gibt es nur noch im Stadttheater. Irgendwo mitten in der Stadt eine Kneipe: Das BLA! Man kommt rein in den Laden und denkt: Ewiger Studentenladen! Was nicht schlimm ist, sondern ehr einen anachronistisch angenehmen Beigeschmack hat. GEWALT werden heute Abend in dieser Kneipe spielen. 

Wir sind aus Köln gekommen, um GEWALT noch einmal auf ihrer Deutschlandtour zu sehen. Geäußerte Bedenken und mögliche sich gegenseitig aufschaukelnde Superheldenkräfte gibt es nicht. Wir begrüßen uns mit Umarmungen. Wie alte Freunde! Ich finde das schön, weil es herzlich war und von beiden Seiten wirklich nett gemeint war, vielleicht auch um diese „Weltenspannung“ aufzuheben.

Der Laden ist klein, dennoch gut gefüllt! Ich habe einen wunderbaren Platz, um nach dem letzten etwas unangenehm heißen Auftritt der Band beim Haldern-Pop einen endgültigen Eindruck über GEWALT machen zu können. Patrick Wagner sagt nach dem Konzert mit einem Augenzwinkern, dass er nun das Gefühl hat, dass die Band richtig durchstarten könnte. Auch die Eintragungen auf Facebook, werden in diesen Tagen euphorischer und erinnern an alte „G.A.G“-Tage. Wir mögen das!

Und es ist noch nicht mal unrecht! Leider gibt es nun ein Problem! Ich muss einen Weg finden, mich anders über die Band auszudrücken. Denn ich bin zu nahe dran. Sonst wird reines Fantum! Ich stelle fest, dass ich jegliche Objektivität verloren habe. Diese drei Menschen sind mir sympathisch geworden. Die Distanz ist unterbrochen worden. Die Unerreichbarkeit besiegt. Und ich muss daran denken, was Lester Banks zu William in ALMOST FAMOUS sagt (sic!):

"Ich weiß das klingt toll. Aber die Typen sind nicht deine Freunde. Sie wollen von dir, dass du scheinheilige Storys über die Genialität der Rockstars schreibst. Und so ruinieren sie den Rock`n`Roll und ersticken alles was wir daran lieben. Sie wollen auf einmal das man sie respektiert und verehrt, für `ne Kunstform die, seien wir ehrlich, nichts anderes ist als ein besoffener Traum. Du bist schlau genug um eins zu kapieren. Sobald der Rock`n`Roll kein besoffener Traum mehr ist, hört er auf echt zu sein. So siehts aus. Denn dann wird daraus eine Industrie der Coolness."

Das Konzert ist atemberaubend. Und ich glaube an GEWALT! Ich hoffe auf deren Kraft weiterzumachen und auf ein paar gute Leute in diesem Land, die diese Band supporten werden, auch aus beruflicher Perspektive. Wir bleiben natürlich glühende Fans und freuen uns auf ein Wiedersehen. Vielleicht im nächsten Jahr in Haldern…..

GEWALT REPRISE – Eine Band, ein Interview und ein Konzert …und ein Jubiläum – Köln 674.fm und 25 Jahre Intro E-Werk 24.03.2017 / Bonn BLA 25.03.2017

Epilog

Zeitscheiben verschieben sich interessanter und auf geheimnisvoller Art und Weise manchmal ineinander. Nach dem GEWALT Interview sind wir direkt ins E-Werk aufgebrochen. Das Musikmagazin INTRO feierte dort sein 25 jähriges Bestehen. Glückwunsch übrigens!

Das INTRODUCING Festival war einst ein Garant für interessante Musikabende. Wir haben Primal Scream, Mogwai, Blumfeld, Notwist, Phoenix, Motorpsycho und auch Patrick Wagner’s alte Band SURROGAT gesehen. 

Blind habe ich mir vor einigen Monaten die Karten für den Jubiläumsabend gekauft, in der Erwartung eine gelungene Booking-Mischung von alten und neuen Helden sehen zu dürfen. Aus dem „dürfen“ wurde schnell dürftig. Die schlechteste aller Ideen wurde dabei sogar als Highlight angepriesen, nämlich die völlig unbedarfte deutsche Rockband WANDA aus Österreich Nirvana Songs spielen zu lassen. Leider enttäuschten auch DRANGSAL und die Bläserformation MEUTE (zumindest auf der Bühne, der spätere spontan Auftritt im Biergarten war toll). Beide Bands zeigten auf, wie Vergleichbar sie mit anderen sind und austauschbar und unbedeutend sie somit sind.

SOULWAX aus Belgien zauberten mir dann allerdings ein Lächeln ins Gesicht, rekreierten meine eingeschlafenen Waden zu Tanzmonstern und zeigten kurz auf, wie zeitgemäße Popmusik aussehen und klingen muss. 

Bei dem Bühnenbild kann man tatsächlich von einer Aufführung sprechen. Spektakuläre Lichtspiele in weißen Räumen. Mit Sinn für Dramaturgie und in echten Zeit zu den Arrangements, ziemlich beeindruckend ausklamüsert. Die Musik, Beats und Tempowechsel ein Rausch in Harmonie, Experiment und Party. Und ein gutes Ende für einen interessanten Tag der uns zeigt, dass vieles richtig doch ganz richtig ist in unserem Universum!

Alan Lomax

 

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