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Thees Uhlmann - Review

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 12. September 2011, 15:56pm

Kategorien: #Populäre Musik

thees_uhlmann.jpeg

"Ein drittel Heizöl, zwei drittel Benzin" 

aus: Bullenschweine von Slime?

oder

aus: 48 Stunden von Kettcar?

Wer weiß es, wer weiß es, wer weiß es?

So banal sich diese musikalisch fachwissenschaftliche Frage der moderneren deutschen Popmusik anhört, umso konkreter wird sie doch, wenn man sich mit dem ersten Soloalbum von Thees Uhlmann beschäftigt.

Klar, die Safari durch die Welt der assoziativen Popmusikwelt ist immer ein Ritt durch das Besserwissertum gewesen. Unendlich viele Musikjournalisten, wussten Jahrzehntelang besser als jeder Musikkünstler, was für Musik dort eigentlich gemacht wird. 

Erst in den letzten Tagen ist mir das wieder aufgefallen! Da wird einerseits in einer siebenteiligen Reportage auf ZDF Kultur (Seven Ages of Rock) der "Soundtrack der Generationen" vorgestellt und gleichzeitig ein Überblick über die Geschichte der Rockmusik gegeben! In Folge 7 wird zum Beispiel behauptet, dass die Smith die Urväter des UK Indie Rock gewesen sind! Unter www.jetzt.de kann man dann heute nachlesen, was für persönliche Erinnerungen 21 deutsche Popgesellen und Rebellen, an die Veröffentlichung von "Nevermind" haben. Das ist einerseits lustig, anderseits mühsam, dann auch wieder verlogen und teilweise ehrlich. Das ganze Spektrum!

Aber! Diese Zusammenstellung gibt einen guten Überblick über Freund und Feind! Über alte Helden und alte Feinde und der gleichzeitigen Bestätigung, dass man alles richtig gemacht hat, wenn man zu dem einen oder zu dem anderen gehalten hat bzw. dessen Platten gekauft hat.

Thees Uhlmann gehört auch dazu! Er beantwortet so eine Frage gewohnt, emotional, verhaftet in seiner eigener Vergangenheit, ehrlich und einwenig wahrhaftig!

Die oben genannte Textzeile stammt natürlich aus dem Song Bullenschweine! Eine rebellische, anarchistische Punkrocknummer der Band Slime! Aber das ist Musik von unzufriedenen Menschen, die eine Revolution haben wollen, eine Veränderung, mit etwas unzufrieden sind! Das Zitat wird später von der Hamburger Band Kettkar in 48 Stunden verwendet! Weil diese Band weiß wen man zitieren muss, weil diese Band weiß, wie man sich instinktiv im richtigen Umfeld bewegt und trotz Pur-lastiger Textzeilen in anderen Songs, glaubwürdig zeigen kann. Thess Uhlmann ist ähnlich, für mich etwas persönlicher! Als Tomte-Fan der ersten Stunde, hat Uhlmann, neben Ben Folds (und ein paar anderen) tatsächlich die wichtigsten einsamen Momente in meinem Leben musikalisch begleitet.

Glaubwürdig ist er natürlich auch! Aber natürlich muss auch ich die gute alte Verwunderung auspacken, dass ausgerechnet jetzt unfassbare Chartsplatzierungen stattfinden, dass ausgerechnet jetzt die "Bild am Sonntag" das Album als "Platte der Woche" einordnet, dass ausgerechnet jetzt TVTotal mit aufspringt; und "Wetten dass..." dann folgen wird (mit wem auch immer).

Vor kurzem habe ich diesen Zweifel schon einmal geäußert, später habe ich festgestellt, dass diese Kritik, keine Kritik an Thees Uhlmann sein kann, sondern eine Kritik an den deutschen Plattenkäufer! Denn es ist doch schade, dass so viele Käuferpotenziale in den letzten Jahren nicht bedient wurden, weil sie nichts von Tomte erfahren haben, weil sie immer nur im vermeindlichen Untergrund rumtropperten. 

All' diese Leute, die gerne die Antwort "Alles was im Radio so läuft..." zur Antwort geben, wenn sie gefragt werden, was sie denn gerne für Musik hören. Daher auch bestimmt das Wissen über Bruce Springsteens, Waltzing Matildas, Concrete Jungles und Nazi Bastarde mitbringen. Mein Zweifel bleibt, dieses Publikum ist schnell, nicht kritisch und kann schnell vergessen.

Was solls! Es wird zu affektiert klingen, sich darüber auszulassen! Denn das Album ist gelungen und schafft eine Glanzleistung: Es vereint alte Fans und findet offensichtlich neue Hörerschaften! Spricht man von einer Vermainstreamung, dann sollte man es hier jetzt und sofort tun!

Es gibt einen Moment auf der Platte, der wirklich, wirklich unvergesslich bleiben wird! Es ist der Moment ab 2:19 bei dem wunderschönen Lied "Paris im Herbst". Es ist dann genauso wie man sich Uhlmann so vorstellt, wie man vielleicht selbst ist! In einem fremden Land, an einem schönen Abend, wird man mit der Realität, mit der Vergangenheit konfrontiert. Man ist aufgeklärt, man ist ein guter Mensch, man hat sich nichts vorwerfen zu lassen, man behandelt eine Beleidigung wie "Nazi Bastard" als aufgeklärter entspannter Mensch, der wenig Probleme hat und auch keinen Hass verspürt. Man redet drüber, nicht blöd, wie unter dem Motto "...lass uns mal drüber reden", sondern so wie es (wahrhaftige) Menschen tun. Danach wird einem die "Schönheit der Chance" wieder bewusst und ein ziemlich toller orchestraler Teil, lässt wahrscheinlich nicht nur den Zuhörer die Tränen in die Augen schiessen.

Das ist total großartige Popmusik! Aber sie ist nicht rebellisch! Und es ist vielleicht das, was man dem ganzen Album vorwerfen könnte. Es fehlt die geballte Faust! Wir hören hier die Musik, eines offensichtlich sehr glücklichen Menschen, dem alles gelungen ist und der ein problemloses Leben führt, mit sich und seiner Welt zufrieden geworden ist, sich aber noch nicht aufgegeben hat, trotzdem in bürgerliche Mitte abrutscht, was sein gutes Recht ist! 

Dieser Vergleich mit Bruce Springsteen ist übrigens blöd, wenn auch gewollt und irgendwie stimmig. Zumindest, wenn man dieses Album hört.

Das Uhlmann "Ein drittel Heizöl, zwei drittel Benzin" lieber in einem anderen Kontext hört ist mir nun klar geworden. Es ist halt ein lieber Junge, der Thees! Einer wie wir! Einer der niemals jemanden weh getan hat und einer der niemals vor einem Wasserwerfer stand und sich trotzdem bewusst ist, was richtig und was falsch ist!

...und jetzt kommt Phil Collins mit "Another Day in Paradise"! 

Alan Lomax


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