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www.lomax-deckard.de

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Motorpsycho - The Death Defying Unicorn - Ein Einhorn ist kein Gnomus

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 15. Februar 2012, 14:24pm

Kategorien: #Populäre Musik

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Sie kennen das, liebe Musikliebhaber! Endlich liegt sie vor Ihnen! Die neue CD oder das neue Vinylalbum Ihrer liebsten Band.  Langsam, vorsichtig, beseitigen Sie die Schutzhülle. Dann streicheln Sie sanft das Cover, bevor sie es aufklappen und näher inspizieren. Vielleicht riechen noch einige von Ihnen daran, bevor sie es endlich wagen, den Tonträger aus dem Cover zu nehmen und in ihre Musikanlage zu legen.

Dann die ersten Klänge! Irgendwelche Streicher, dann ein Baritonesaxophone, ein paar Drums, Klänge wie aus einem skandinavischen Elfenwald. Out oft he Woods

The Hollow Lands:… wir befinden uns im Jahr 1973. Der psychedelische Rock’n’Roll wird perfektioniert. Erfunden wurde er bereits 5 Jahre vorher. Man experimentiert inzwischen mit Jazz, mit brachialen Hardrock und Orchestern. Allein Hans Magnus Ryan Gesang schleudert einen zurück in dieses Jahrhundert. A vainglorious dream dreamt…

Dann „other canned goods oft the viennese persuasion“ und Bläser die versuchen sich gegenseitig neu zu formieren, zu erfinden, ein eigenes Spektrum zu finden. Das Trondheim Jazz Orechestra vereinigt sich schlüssig und endlich mit Trondheims wichtigstem Export, neben Krabben, der unfassbar besten Band des Universums und unserer Zeit: Motorpsycho!!!

Es nutzt nichts an dieser Stelle zum hundertsten Mal, alle Verlinkungen von www.lomax-deckard.de auf Motorpsycho aufzuführen. Zum dreitausensten Mal darauf hinzuweisen womit wir es hier zu tun haben. Und Unwissende schon wieder darauf hinzuweisen, was für eine famose, wichtige und einzigartige Entwicklung die Band in den letzten 20 Jahren mitgemacht hat. Halts Maul! Würde ich mir am liebsten zurufen! …aber so einfach ist das nicht! Denn ich will auch verstehen nicht nur genießen und bewundern. Ich will alles! Ebenso wie ich es von Motorpsycho IMMER und insbesondere jetzt endlich auch in orchestraler Form angerichtet bekomme.

I can never go back,  I can never go back there

…und ganz bestimmt möchte ich nicht zurück in strukturierten Klangalltag der sog. Singer/Songwriter. Ich will weiter diesen mächtigen Sturm  von Gitarrenriffs und orchestraler Grundversorgung hören. Eigentlich brauche ich auch keine Ruhe und vor allem keine Flaute.

Aber die Norweger senden mich in eine Intertropical Convergence Zone (ITCZ). Also soll es so sein. Ich bin sowieso zu allem bereit, lasse mich nicht mehr abbringen von dieser tiefreinigenden und alle Synapsen auf null stellenden religiösen, heiligen Musik.

Schwacher Wind, Schauer, leichte Böen, entfernte tropische Gewitter. Ryan’s aufgemöbelte und durch 100 Effektgeräte gedrehte Gibson macht sehnsüchtig. Also nun doch die erhoffte, geforderte, erzwungene Pause, meinetwegen. Das Orchester spielt Mussorgsky. Ein Einhorn ist kein Gnomus. Trotzdem muss ich an ähnliche konzeptionelle Werke der Rockgeschichte denken. Natürlich auch an Emerson, Lake and Palmer! Und es nicht mal verwerflich, ich tue es stolz und mit viel Respekt.

Into The Gyre hat eine einprägsame Melodie und ist harmonisch eher an komplexen Genesisalben der guten Zeit, als am Jazz oder anderen Schubladen. Der vokale Teil wird von einem instrumentalen Streicherabschnitt geschnitten, bevor Kapstad, Ryan und Saether sich weiter an den Hardrock der Siebziger Jahre machen. Wie Palmers Schlagzeugspiel, aus den Siebziger Jahren, erinnert insbesondere Kenneth Kapstad straight und trockenes Spiel  an ähnliche rhythmische Figuren. Was dann passiert, sollte man hören. Nicht lesen, nicht rezipieren, man sollte zu hören. Wir befinden uns natürlich im Zorn, im Wiederstand, in der Aggression.

Down into this sailors tale

Damned before the storm

And into the gyre we`ll go

I think I feel the Maelstrom`s tug

On our ship, my mind and my soul…..

Motorpsycho legen einen zyklischen Zusammenhang hin, der im Gegensatz zu vielen anderen Alben der Band, weniger durch thematische Weiterverarbeitung musikalischer Gedanken, sondern durch rhythmische, harmonische und instrumentierungsmäßige Gegensätze und Beziehungen hergestellt wird.

Was mich an der Geschichte hinter dieser musikalischen Odyssee beunruhigt ist die kontextuelle und inhaltliche Bedrohung die fast klaustrophobische Zustände auslöst.

Nach dem CD-Wechsel kommt man etwas raus! Die Dynamik hat sich verflüchtigt. Die schrägen 5/4 und 11/4 Taktmasse bleiben nicht hängen, sind ungewohnt. Motorpsycho fordert uns nicht nur mit absoluter Perfektion bei der Bedienung der Instrumente, sondern auch mit atmosphärischer Prog-Rock-Finesse und Dynamik.

La Lethe lässt uns noch mal durch atmen bevor mit „Oh, Proteus – A Lament Sharks –Mutiny - …into The Mystic“ der bisher größter Auswuchs des Genius Motorpsycho beginnt.

Die Norweger hinterlassen uns mit einer weiteren famosen Platte ihres musikalischen Universums. Alte, bleibende Fans werden begeistert sein und die langen, epischen Kompositionen heulend abfeiern. Vielleicht kommen ein paar alte Prog-Rock-Besserwisser hinzu. Die diese Platte als Referenz verstehen werden und die hymnischen Elemente ebenso feiern werden wie die instrumentalen komplexen Passagen.

Das alles hat enorm viel mit Musikverständnis zu tun. Man wird mit dieser Platte nichts anfangen können, wenn man sich nicht mit Musik auseinandersetzt. Sie fordert vom ersten Anfangsmetrum bis zum letzten dissonanten Sekundintervall.

Es wäre dumm zu sagen, dass das hier „nur“ ein verflixt gutes Album ist, Motorpsycho haben es auch nicht verdient mit dem Begriff „Konzeptalbum“ oder noch schlimmer „Rock-Oper“ belegt zu werden. Das wäre eine ebenso große Blasphemie wie einzelne Stücke aus diesem Werk herauszureißen und somit die Komplexität zu zerstören.

Folgendes wäre allerdings schlau: Sich 84 Minuten Zeit zu nehmen, völlig entspannt auf den Boden zu legen und die Anlage so aufzudrehen, dass es rappelt und Mutti’s Tee einen Tsunami im Becher auslöst. Dann macht es Sinn, sich frei zu machen von jeglicher Voreingenommenheit, von jeglichem Wissen, egal in welcher Richtung,  sich auszuziehen und so zu fühlen als wenn alles beginnt und als wenn alles gleich zu Ende ist!

Alan Lomax

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