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Highway Rider - Brad Mehldau

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 20. März 2010, 18:28pm

Kategorien: #Jazz

bradmehldau.jpg

Brad Mehldau begleitet mich seit mehreren Jahren und erweckte mein Interesse mit seiner wunderschönen Interpretation von 'Nearness Of You'. Von da an wurde ich aufmerksam auf diesen Musiker und verfolgte zwar nicht mit leidenschaftlichem, jedoch stetigem Interesse jede seiner neuen Veröffentlichungen. Wie es immer bei mir am Anfang ist vermeide ich die Situationen in der Musik, die nicht sofort und auf Anhieb meinen Hörgewohnheiten entsprechen und umschiffe mit fadenscheinigen Argumenten anspruchsvollere Musik, dies gilt insbesondere für den Jazz. Ich machte mir vorerst nicht die Mühe, seine langen Improvisationen zu hören. Vor kurzem legte ich nochmals 'Live in Tokyo' aus dem Jahr 2004 auf und war begeistert. Es ist unglaublich wie Mehldau auf diesem Album Standards, Eigenkompositionen und Fremdkompositionen interpretiert! Virtuose Beispiele sind z.B. 'Paranoid Android' von Radiohead und 'Things Behind The Sun' von Nick Drake. Diese erneute Beschäftigung war der Auslöser mir sein neues Album anzuhören.

Es ist definitiv sein Magnum Opus mit 1:44 min Laufzeit (!) und 15 Tracks. Unfassbar, aber Brad Mehldau hat alles auf diesem Album komponiert, arrangiert und orchestriert. Eine grossartige Leistung. Zu seinen Trio Mitstreitern mit Jeff Ballard an den Drums und Larry Grenadier am Bass gesellen sich der Saxophonist Joshua Redman und ein zweiter Drummer namens Matt Chamberlain, der bereits auf seinem früheren Album 'Largo' spielte. Unterstützt wird dieses Quintett von einem Kammerorchester unter der Leitung von Dan Coleman. Produziert wurde das Album von dem renommierten Jon Brion, der u.a. Alben für Aimee Mann, Rufus Wainwright, Evan Dando und Kanye West produzierte und selbst 2 Filmmusiken schrieb für 'Magnolia' und 'Eternal Sunshine Of The Spotless Mind'. Ein also in allen Genres versierter und erfahrener Komponist und Produzent.


highway-rider.jpg

Auf dem schönen Cover sieht man das 'Drive-In Theatre' in Las Vegas, fotografiert im Jahr 1987 von Richard Misrach. Ein grosses Autokino mit den schneebedeckten Bergen Nevadas im Hintergrund. Wohl nicht umsonst wurde eine Leinwand als Motiv ausgewählt, haben doch sowohl Brion als auch Mehldau in ihrer Karriere entweder für Filme komponiert oder an Soundtracks mitgearbeitet. Wenn man sich die einzelnen Titel der Tracks durchliest dann hat es den Anschein, als wäre hier eine Musik für einen imaginären Film komponiert worden. Ob dem so ist kann ich nicht sagen, zumindest konnte ich es nirgends lesen. Ein gewisses Konzept scheint aber hinter dem Album zu stehen.
Mehldau selbst sagt, dass die Orchestrierung für ihn eine grosse Herausforderung war und er sich in der Vorbereitung zu diesem Album ausführlich mit Strauss, Brahms und Tschaikowsky beschäftigt habe. Einen grossen Einfluss übten aber auch die modernen Arrangeure und Komponisten aus, namentlich Francois Rauber in seiner Zusammenarbeit mit Jaques Brel sowie Bob Alcivar, der die Arrangements für Tom Waits' Album 'Foreign Affaris' lieferte.

'Highway Rider' ist ein grosses, interessantes, aufwendiges, schönes, aber auch sehr schwieriges und herausforderndes Album meiner Ansicht nach. Zum einen wird einem einiges an Konzentration abverlangt und zum anderen beinhaltet es Musik, die sich erst nach genauem und mehrmaligen Hören erschliesst. Was sich liesst wie ein klassischer Klischee Satz beinhaltet aber die Wahrheit. Man muss sehr genau zuhören und die Freude stellt sich spät ein. Auf fast allen Stücken wird improvisiert und die Soli sind teilweise so schnell, dass man es schwer hat ihnen einerseits zu folgen, andererseits das Gesamte wiederum im Blickfeld zu behalten. Im Gegensatz zu allen Musiken die ich bisher gehört habe, sind die Streicher hier nicht einfach leichte und zuckrige Beigabe, sondern fester und integraler Bestandteil von vielen Kompositionen. Man kennt es ja: ein Trio oder ein Solist spielt und im Hintergrund jauchzt das Orchester vor sich hin. Dafür gibt es genügend Beispiele. Hier jedoch erfüllt das Kammerorchester immer einen Zweck im Gesamtkonzept der Musik und allein diese Tatsache hebt 'Highway Rider' aus der Masse an Veröffentlichungen dieser Art heraus.

Das Album nimmt einen, wenn man es denn so will, mit auf eine imaginäre Reise. Musikalisch dominiert v.a. und natürlich Mehldau mit seinem Klavier, sowohl alleine, als auch in Begleitung seiner Mitstreiter und er zeigt sein ganzes Können. Er unterstützt zum einen seine Musiker, fügt sich harmonisch in die Musik ein, spielt viele Akkorde mit der linken, aber sehr häufig auch lange und intensive Soli. Fast gleichberechtigt ist Joshua Redman, der ein grosses Gewicht bei fast allen Aufnahmen hat und ebenso wie Mehldau viel improvisiert. Redman spielt, das fällt einem unweigerlich auf, fast immer in sehr hohen Tonlagen und es macht Spass sich anzuhören wie beide Musiker miteinander harmonieren. Die Schlagzeuger spielen bisweilen zusammen, aber dieses Double-Drumming konnte ich nicht immer heraus hören.

Das 2. Stück 'Don't be sad' ist ein Höhepunkt auf dem Album mit einem rückblickend-melancholischen Charakter. Durch die Streicher kommen Erinnerungen an Filmmusik hoch. Eine sehr schöne und ausgereifte Komposition. Die Musik liefert einen sehr bildlichen Bezug zum Titel, was sie insgesamt wie Programmmusik erscheinen lässt.

Die Streicher auf diesem Album klingen so wie man es überhaupt nicht gewohnt ist diese zu hören. Keine schnell eingängigen Melodien, kein ausschweifender oder romantischer Charakter, eher immer etwas vermittelnd oder unterstützen wollend. Gelegentlich wie ein Lament oder ein Adagio wie bei 'Now You Must Walk Alone', dann wieder auch sperrig wie bei 'Walking The Peak'. Auch bei Ihnen ist auffällig, dass es immer wieder die hohen Tonlagen sind in denen sie meistens spielen, sehr selten werden die tieferen Oktaven bemüht. Die Streichinstrumente klingen insgesamt weder nach Klassik oder Filmmusik und sind gewöhnungsbedürftig im wahrsten Sinne des Wortes (und ohne negativen Beiklang). Es sind aber häufig Bezüge zur 'Americana' zu vernehmen, wenn wundert's!

'Cappricio' ist auch ein interessantes Stück. Es beginnt fast tänzerisch mit dem Klavier und später klatschen kastagnettenartig mehrere Hände den Rhythmus. Diese Einbindung von Vocals, 'clapping hands' und dem Kammerorchester geben dem Album eine manchmal befremdliche, aber auch abwechslungsreiche Note. Nach im Mittelteil sehr intensiven und schwierigen Stücken kommt man wieder in "hörbare" Fahrwasser mit Trio und Saxophon und leichtem Swing sowie bekannten Hörmustern mit 'Sky Turning Grey' wobei die Stimmung vollkommen gegensätzlich zum Titel ist, treibend, mit einem Hauch Optimismus und schönen Soli von Mehldau. Die Musik wirkt fast versöhnlich.

In den folgenden Stücken zum Ende der Musik hin werden immer wieder Bilder und Stimmungen erzeugt, die durchaus beschreibenden Charakter haben. Man hört furioses Schlagzeug, einen treibenden Bass und immer wieder Mehldau, der wechselnd im Vorder- und Hintergrund spielt. Es wird ein Glockenspiel eingesetzt und das Kammerorchester liefert hier und dort die notwendige Stimmung, meistens eher der melancholischen Art. Das Album endet mit 'Always Returning' einem würdigen Abschluss, bei dem abermals Gedanken an Scores aufkommen.

'Highway Rider' ist ein schwieriges, aber grosses Album. Zum einen zeigt es das unglaubliche Talent von Mehldau als Komponist und zum anderen versucht es den Jazz zu erweitern, zwar nicht als erstmalige Innovation in dieser Art aber bemüht dieser Musikform neue Aspekte abzugewinnen. Ausserdem fordert es den Hörer auf sich intensiv mit Musik zu beschäftigen und genau hinzuhören. Wem diese Prämisse als Leitlinie bei seinem Hobby dient, wer Jazz leidenschaftlich gerne hört, dem wird es zusagen und der wird viel Spass mit der Musik haben. 

Rick Deckard

 

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