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Alfred Joseph Hitchcock ”Shadow of a Doubt”

Veröffentlicht von Alan Lomax auf 29. Dezember 2008, 12:35pm

Kategorien: #Filme


Ich bin jetzt fast vierzig Jahre alt und habe gestern meinen dritten Alfred Hitchcock Frühling gestartet! Angefangen hat die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk des Meisters bereits zu Beginn der Achtziger Jahre. Damals gab es im ZDF am Sonntagmorgen die Matinee.

 

Unter anderem habe ich in Rahmen dieser liebevoll zusammengetragenen Retrospektiven meinen ersten Hitchcock Film „Sabotage“ gesehen. Mir war sofort klar, dass hier etwas besonders gezeigt wird. Im Laufe der anschließenden Jahre habe ich soweit alle damals verfügbaren Titel und Kopien von Hitchcock Filmen gesehen. Zu Ostern 1984 habe ich mein erstes Buch „Alfred Hitchcock und seine Filme“ geschenkt bekommen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich keinen Film mehr ohne vorheriges studieren der Hintergründe gesehen. Somit war ich bereits zu Beginn der neunziger Jahre ein Fachmann, ohne mir bewusst zu sein, ein Fachidiot zu werden.

 

Der zweite Frühling begann dann im Laufe der Neunziger Jahre, als mir bewusst wurde, dass der Großmeister unübertroffen bleiben wird und es niemals ein vergleichbares Genie geben wird. „Vertigo“ wurde in meine ewige Liste der fünf besten Filme aufgenommen!

 

Und nun also der der dritte bewusste Start im DVD-Zeitalter!

 

 Ich habe mich lange gewehrt gegen den Kauf schlechter Hitchcock-DVD-Editionen. Allerdings vor zwei Wochen zufällig das frühe Meisterwerk „Der Fall Paradin“ gesehen. Seit dem lässt mich der Versuch zum Start einer erneuten Retrospektive nicht mehr los.

 

Ich bin über meinen Schatten gesprungen und habe die Zweifel weggelassen!

 

Wie startet man nun also so einen Rückblick?

Durch die vielfältigen medialen Möglichkeiten, könnte man tatsächlich eine getreue Werkschau machen und mit den britischen Stummfilmen von Hitchcock um 1929 anfangen. Um dann zu den amerikanischen Klassikern zu kommen, bevor man natürlich noch seine schwarz-weiß Reihe (1940 – 1947) mitnimmt. Chronologisch abgerundet dann mit den Spätwerke!

 

Nun kenne ich mich aber gut genug, um zu wissen, dass diese Akribie niemals ein Attribut meiner Persönlichkeit sein wird.

 

Völlig unwissenschaftlich gehe ich die Sache also mit Lust und Laune an und starte diese dritte Hitchcock Retrospektive irgendwo in der Mitte mit dem Film „Shadow of Doubt“ aus dem Jahre 1943.

 

Der Film ist unter Kennern einer der umstrittensten in Hitchcocks Gesamtwerk. Schließlich kommt er oberflächlich gesehen als lockere Kleinstadtkomödie daher:

 

Onkel Charlie der offensichtlich eine dunkele Seite hat, sucht Zuflucht bei seiner Schwester und ihrer Familie. Die ganze Familie ist außerordentlich erfreut über den Besuch. Insbesondere seine gleichnamige Nichte Charlie, zu der er ein ganz besonderes Verhältnis hat.

 

Von einem Kommissar wird die Nichte Charlie aufgeklärt, dass es sich bei ihrem Onkel um einen eiskalten Witwenmörder handelt.

 

Sie spioniert ihm nach und findet immer mehr Beweise. Ihre Zweifel bestätigen sich und sie bedrängt ihren Onkel zunehmend, die Kleinstadtidylle zu verlassen. Schließlich stellt sie ihm ein Ultimatum und Onkel Charlie verlässt tatsächlich die Stadt….

 

Der Film hat keinen kriminalistischen Spannungsbogen, sondern lebt mehr von den teilweise bissigen und für damalige Verhältnisse reaktionären Dialogen. Die aus der Feder des dreimaligen Pulitzerpreisträgers Thornton Wilder stammen.

 

Das für Hitchcockfans interessante Element an diesem Film, ist die komplex verwobene Persönlichkeit des Meisters in seinem eigenen Film!

 

Übrigens ist es aus meiner Sicht unerlässlich die Biographie inkl. aller Psychosen und Neurosen des Meisters zu kennen, um seine Werke vollends verstehen zu können.

 

„Shadow of a doubt“ gilt somit auch als einer der persönlichsten Streifen von Hitchcock. Seine Ängste vor der Kleinbürgerlichkeit, vor dem was hinter verborgenen Türen geschieht und dem Unbekannten in der trivialen Welt lassen sich hier brillant ablesen. Somit wird es wohl auch kein Zufall sein, dass beide Protagonisten Charlie heißen. Hitchcock hat oftmals von seinem schizophrenen Charakter gesprochen. Hier findet man in beiden Personen die Vielschichtigkeit von Hitchs Charakter wieder.

 

In Francois Truffaut wichtigem Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht!?“ bezeichnet Hitchcock „Shadow of a Doubt“ auch als seinen Lieblingsfilm. Was natürlich überrascht, da er sich eigentlich auf dem für ihn fremden Terrain des Familienfilms bewegt.

 

Der Film ist aber auch für Hitchcock unerfahrene Menschen und Liebhaber des guten Filmgeschmacks ein zeitloses Werk. Was nicht zuletzt an den sympathischen Figuren liegt, sondern auch an den fantastischen Schauspielern. Allen voran natürlich der unfassbar gut aussehende Joseph Cotten der zudem eine der besten Sequenzen seiner Laufbahn bekommt:

 

In einem zweifelhaften Club erklärt er seiner Nichte die Welt. Während Charlie (Nichte) ein Soda trinkt, bestellt sich ihr Onkel Charlie bereits den zweiten doppelten Brandy. Fast beiläufig erklärt er seiner naiven Nichte wie er den täglichen Alptraum des Lebens zu seinem Lebensinhalt gemacht hat und sagt: „Wenn die Welt eine Hölle ist, was und wen kümmert es dann, was in ihr passiert?  Cottens Gesichtsausdruck dabei ist düster und unfassbar intensiv. Eine wahrlich großartige Sequenz!

 

Cotten muss wahrscheinlich tagelang mit seinem damaligen Agenten über die Annahme der Hauptrolle diskutiert haben. Schließlich spielt er hier einen der ersten Psychopaten der Filmgeschichte und entfernt sich brutal von seinem Saubermannimage.

 

Genial von Hitchcock ist das er weder Onkel Charlie, also das vermeidlich Böse, noch Nichte Charlie, also das vermeidlich Gute, verurteilt. Die Welt ist nicht schwarz weiß, sondern leider (oder zum Glück) komplizierter.

 

to be continued….  

      

 

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