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www.lomax-deckard.de

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Musik, Kino, Kultur und Radiosendung musikabend 674.fm


Primavera NOS Porto Juni 2019 - Teil 3 Festivalreview John Ross Ewing

Veröffentlicht von John Ross Ewing auf 10. Juli 2019, 08:13am

Kategorien: #674.fm, #Festivalbericht, #Festivals, #Got my eyes on you - Ewings Kolumne, #Jazz, #Kommunikation, #Konzerte, #Köln, #Populäre Musik, #Radio, #Radiokonzert, #Vergessene Helden

Foto by Porto Convention Cologne

Foto by Porto Convention Cologne

Lang ersehnt und heiß erwartet. Der letzte Teil des Rückblicks auf das PRIMAVER NOS in Porto von John Ross Ewing.

Unser Reporter Ewing fährt seit Jahrzehnten um die Welt und besucht Konzerte und Festivals. Er hat einen ganz speziellen Blick und beschreibt die Auftritte der Musiker und Konzerte häufig aus einer sehr eigenen interessanten und faszinierenden Perspektive. Solche Berichte sind immer leidenschaftlich und subjektiv. Heben sich somit von der Masse ab und hinterlassen beim Leser, einen tatsächlichen Eindruck, aber auch mal Fragezeichen. Diese gilt es zu entschlüsseln. Möglichkeiten dafür gibt es genügend. Sie finden die Subkontexte zu unseren Berichten im Gegenspiel auch in unserer Radiosendung musikabend feat. Alan Lomax Blog auf 674FM.

An der Stelle bedanke Rick Deckard und ich uns auf jeden Fall für Einsatz, Fleiß und interessante Einblicke bei John Ross Ewing (John Ross oder Ewing i.k.F.) zum PRIMAVERA NOS in Porto, welches sicherlich eines der interessantes Festivals in Europa ist!

Hören Sie dazu passend MUSIKABEND 30_MAS QUE NADA vom 22.06.22019.

Joao Gilberto 674FM Alan Lomax Blog Webradio Bossanova Primavera NOS Porto Blog Musik

 

Diese Sendung widmen wir nachträglich dem Großen, vor einigen Tagen verstorbenen, brasilianischen Musiker, Joao Gilberto.

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Alan Lomax

PRIMAVERA NOS PORTO JUNI 2019 - Review von John Ross Ewing Fortsetzung...

SABADO 8 - DER DRITTE TAG

 

SHELLAC (reprise)

 

In einem Geschwindigkeitsrausch auf das Festivalgelände gestürmt, um die wunderbaren O TERNO auch ja nicht zu verpassen, stolpere ich hinter dem Eingang in eine spontane Live-Session von SHELLAC. Am Abend zuvor haben wir sie noch bewundert und ihre ausdrucksstarken und verzahnenden Coverversionen gefeiert. Nun versprühen Sie ihre Haltung und ihre Werte auf dem nackten Beton in der sengenden Sonne vor einer Hand voll spontaner Zuschauer. Was für eine Wucht, was für eine gute Wut, die die sich über die Jahre bewahren. SHELLAC sind alles andere als ein Festival-Maskottchen, sie sind die Ehrennadel des Primavera Sound.

O TERNO

 

Da stand ich während des ALDOUS HARDING Konzerts am Vortag doch eine ganze Weile neben Tim Bernardes, dem Sänger von O TERNO, und bevor ich ihn ansprechen konnte, war er doch schnell wieder entschwunden. 2017 beim Kölner Weekend-Fest war es schon eine große Show der Brasilianer aus Sao Paulo. Nun, mit neuem Album in der Tasche, war es eine ganz andere Ausrichtung, gut, wenn sich Bands entwickeln. Sie gehen einen neuen Weg, bauen vermehrt orchestrale Arrangements ein und paaren das mit ihrer bisherigen Kunst - den klassischen Tropicalia-Einflüsse, psychedelia und einer arty indie couture. Das muss man einfach hören.

 

Ganz in weiß, nur in unterschiedlich farbigen Chucks, betreten Tim Bernardes (guitar and vocals), Guilherme de Almeida (bass) and Biel Basile (drums) die Bühne und werden warm empfangen. Bei meinem aktuellen Lieblingssong "Pegando Leve" ist das Publikum (außer uns) ausgesprochen textsicher. Aber uns wurde versichert, wir hätten dabei souverän drein geschaut.

Auf dem neuen Album gibt es auch die Gäste Devendra Banhart und Shintaro Sakamoto, wunderbare Zusammenarbeiten. Durch die Intonation von Bernardes, der verbindet, aber auch abschließt, fügen sich die großen Melodieschwünge zu einem leicht zu verarbeitenden Ouevre mit absolutem Tiefgang. Um das zu begreifen, dazu muss das portugiesisch nicht so gut sein. Die Band schafft sich dadurch eine Hörerschaft von "Believern", das ist große Kunst. Jeder einzelne Song ist komplex und verzückend zugleich, so dass dieses Konzert viel zu kurz ist und ich inständig darauf hoffe, dass sie in Kürze nochmals einen Auftritt in Deutschland haben werden. Muy obrigado!

 

VIAGRA BOYS

 

Als ich zum ersten Mal ein Video der VIAGRA BOYS sah, habe ich gedacht, dass es zur Sache gehen wird in Porto. Und? War so. Volles Brett, voller Körpereinsatz vom selbstzerstörerischen Sänger. Flasche Wodka an den Hals gesetzt, mit Red Bull Dosen nachgespült, Zwischenbier geschossen und von vorne. Sein Leben hat er sich auf den Körper malen lassen und er erzählt uns von schwachen Männern in der modernen Gesellschaft. Vielleicht sind die VIAGRA BOYS der weiblichste Act dieses Festivals. Große Power und Ausstrahlung paaren sich mit Versagensängsten und mittlerer Mutlosigkeit - aber nicht Wutlosigkeit. Stockholm ist hier der Lebensmittelpunkt eines Wankelmutes zwischen Drogen und philosophisch-ironischen Ansätzen. Das Saxophon hebt die Band in eine spezielle Punk oder NoWave Ecke. Getting high in the morning!

 

LUCY DACUS

 

Ein Intermezzo (wir können nicht das ganze Konzert sehen), auf der Wiese liegend werden wir beglückt, musikbegeistert wie wir sind, ergibt sich für uns ein wunderschöner Sundowner-Soundtrack, der uns die Aufregung nimmt vor dem bewegenden Jorge Ben Konzert. Die Songs sind aufwendig arrangiert und von schönen Melodien getragen, dazu ein wenig Sprödheit, ein nüchterner Umgang mit dem Prätentiösen, trotzende Trauer gepaart mit ironischer Hoffnung. Gerne nochmals.

 

JORGE BEN JOR

Der erhoffte Höhepunkt dieses Festivals! JORGE BEN spielt in diesem Primavera-Jahr exklusiv in Porto und nicht in Barcelona. Ein Heimspiel auf dem europäischen Kontinent. Jorge Ben und seine famose Band sind nicht nur in Spiellaune, sondern abgestimmt und routiniert als würden sie jede Woche sechs Gigs spielen. Für uns ist es auf jeden Fall eine seltene, vielleicht einmalige Möglichkeit, diesen brasilianischen Star zu sehen. Denjenigen, der als Querdenker und grenzüberschreitender brasilianischer Künstler zwischen Bossa Nova, Samba, Tropicalia und den rockistischen Bewegungen in seinem Heimatland navigiert und zahllose Hits aufgenommen, produziert und zum Covern ins Schaufenster gelegt hat. Einer, der in den sechziger Jahren die musikalischen Genre-Nerds gespalten hat und dem Verrat am originären Bossa vorgeworfen wurde, weil er über den Tellerrand geschaut hat. Dieser Ansatz war vermutlich zu der Zeit verständlich, wenn man weiß, dass Bossa Nova, nicht einfach ein musikalisches Genre war, sondern eben für viele ein Bewußtseinszustand und Lebenselixier. Auch für mich ist es im Laufe der Jahre immer stärker so geworden, ein Sog, der ein besonderes Lebensgefühl vermittelt und zum meditativen Erlebnis werden kann.

 

Ruy Castro hat in seinem wunderbaren Buch "Bossa Nova - The Sound of Ipanema" eine passende Geschichte über Jorge Ben erzählt, die seine Haltung und seinen geraden Charakter untermauert. Sergio Mendes ist 1963 wild entschlossen, die brasilianische Musik in die Welt zu tragen, zu vermarkten und Auftritte zu generieren (was ihm auch nachhaltig gelingen sollte). Dazu hat er eine Band zusammengestellt, Jorge Ben als Sänger und Gitarrist. Es geht nach Nordamerika. In Los Angeles hat sich Jorge Ben dann schon nicht wohl gefühlt und kurz vor dem Auftritt geht er zum Friseur, wird dort wegen seiner Hautfarbe ignoriert und nicht bedient. Er ist konsequent und bucht den nächsten Flieger zurück nach Brasilien.

 

Es ist besonders heute, Caetano Veloso hat vor drei Jahren in Barcelona auch sehr begeistert, die Verneigung des Publikums ist an diesem Abend in Porto für Jorge Ben mindestens ebenso groß. Aktuell scheint es die Möglichkeit zu geben, einige der unangefochtenen Helden dieses Genres live zu sehen. Milton Nascimento ist unterwegs, Gilberto Gil hoffe ich noch in Lissabon zu sehen und Joao Gilberto? Er ist während des Schreibens dieses Artikels von uns gegangen, ich hoffe, er hat seinen Frieden gefunden.

 

Die Band tritt ganz in weiß auf, ebenso wie ihre brasilianischen Enkel O TERNO, die diesen letzten Tag eröffnet haben. Die BRASIL-PORTUGAL Connection wird ausdrücklich gefeiert, man spürt eine Faszination und Verzückung der ganz besonderen Art. Wir hören nur Hits und eine Zeitreise vom Bossa zum Tropical SuperPop.

 

Einzig negativ, dass es immer weiter gehen müsste und der Auftritt zu kurz war. Jorge Ben transportiert uns in diese andere Welt, pures Glück!

 

SNAIL MAIL

 

Leider hat Lindsay Jordan mit ihrer Schneckenpost-Band darunter gelitten, dass sie nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, wie sie es verdient hätte. Ich habe wegen dieser Konzertüberschneidung nur den letzten Song gehört, den sie akustisch ganz allein vorträgt. Snail Mail lebt von dieser durchdringenden Stimme, die ihrem wundervollen Album "Lush" einen unnachahmlichen Flow beschert. Im Kölner Luxor vor ca. 1 1/2 Jahren hat sie trotz ihrer Jugendlichkeit so überzeugt und das Publikum hypnotisiert, dass niemand ohne Ehrfurcht da herausgegeangen ist. Das fast vergessene Slackertum und die klassische Gitarren- Indiekultur trägt sie in eine neue Ära, und das, seit sie 18 Jahre alt ist. Get the Wow!

 

GUIDED BY VOICES

 

Die alten Lo-Fi-Helden hatten Mitte der Neunziger Jahre mit dem Album "Under the bushes, under the stars" ihre Hochzeit. Das Genre war populär und GBV zusammen mit SEBADOH die Speerspitze dieser Spielform. Seit Mitte der Achtziger Jahre haben GBV mehr als 20 Alben herausgebracht und Mastermind Robert Pollard hat häufig sein Ensemble gewechselt. Auch für GBV bleibt zu wenig Zeit, aber sie spielen ein durchdringendes, mitreißendes, romatisch schönes, hartzartes Guitarrenspektakel.

KATE TEMPEST

 

Die junge Britin haben wir schon so oft gesehen und doch ist es jedes Mal wieder anders, Ich will jetzt gar nicht so sehr auf ihre poetischen Fähigkeiten eingehen, da muss jeder für sich selbst herausfinden, wie sehr man den Texten nachgeht. Aber egal mit welchen Musikern sie auf der Bühne steht, sie findet und vermittelt ihren flow und ist kritisch wie authentisch. Das zeigt auch ihre Zusammenarbeit mit der wunderbaren Jazzern von THE COMET IS COMING auf deren neuem auf IMPULSE! Erschienen Album.

 

Ihr dauerhafter dringlicher Appel an die Menschlichkeit macht sie zu einer sympathischen preacher woman, die mit ihrer Intensität zu Tränen rühren kann. Migrationsthemen, mangelnde Gleichberechtigung, Ausgrenzungen, Obdachlosigkeit, die Anklageliste ist lang und sie hat natürlich recht, deshalb ist die Kunst, wie sie Missstände anklagt und verändern will bedeutsam. Damit ist KATE TEMPEST schon ein role model einer jungen, politisch endlich wieder interessierten, Generation, die Veränderungen erzwingen will und wird. Power to the people!

 

NENEH CHERRY

 

Was für eine Freude, erstmalig Neneh Cherry live zu sehen. Ihre drei alten Alben Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger Jahre waren mir niie so nah. "Buffalo stance" und "Manchild" waren aber schon große Stücke, die mir gefallen haben. "7 seconds" fand ich im Radio tatsächlich immer angenehm, wenn auch schnulzig galore. Großartig dann ihr Comeback nach einer langen Pause und der Beschäftigung mit drei Kindern im Jahr 2014. "Blank project" war ein von Four Tet (Kieran Hebden) produziertes Album, mit Extravaganz, Lässigkeit und Klasse eingespielt, komplett rund und so cool, dass es überall laufen kann. Club, Beach, Lounge, Flughafen, Büro, ganz egal.

 

Und 2018 setzt sie noch einen drauf, mit "Broken Politics" schlägt sie erneut die Brücke von TripHop zu Rap, über den Pop zum warmen Soul, niemals den Style vergessend. Sie verbindet damit auch Generationen von Hipstern und strahlt gleichermaßen mit Wärme und Werten.

 

Ein wahrhaft großartiges Programm liegt hinter uns, alles war ganz wundervoll, darauf einen Port Tonic. Im nächsten Jahr feiern wir in Barcelona das 20jährige Primavera-Bestehen, auch wenn das Festival wohl in andere Hände gehen wird. Hoffentlich bleiben die Booker, unsere Everlasting US-Darlings von PAVEMENT sind zumindest schon bestätigt.

 

Eine musikalische Nachlese können Sie in unserer monatlichen Radiosendung "MUSIKABEND" auf 674.fm erleben. Die entsprechende Sendung "Ach was soll's - MAS QUE NADA" finden Sie hier in unserem kostenfreien Online-Archiv bei MIXCLOUD (siehe oben)

Teil 1 und Teil 2 der Review zum PRIMAVERA NOS in Porto 2019:

 

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