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Seraphim Falls von David von Ancken

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 19. September 2010, 07:57am

Kategorien: #Filme

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Die Landschaft in einem Western ist einer der Hauptgründe, warum ich diese Gattung so liebe. Gestern verspürte ich das Bedürfnis einen Film aus diesem Genre zu sehen und mir fiel Seraphim Falls ein, der mich schon das erste Mal so beeindruckte hatte. Der Film wurde von Icon Productions produziert, einer unabhängigen Firma, der Mel Gibson und Bruce Davey vorstehen. Das hatte ich beim ersten Sehen nicht bedacht, spielt aber eine Rolle, wenn man den Film verstehen will.

Er handelt von einer gnadenlosen Verfolgungsjagd quer durch das halbe Land, die hoch oben in den verschneiten Bergen, im Film Ruby Mountains genannt, beginnt und in der sengenden Hitze einer Wüste endet. Im klassischen Sinne ein Road Movie im Western. Der Hintergrund für den Film bildet der vor kurzem beendete Bürgerkrieg und die Greuel, die in jedem Krieg unausweichlich sind. Ein Vorfall am Ende dieses Krieges, der dem Zuschauer in Rückblenden näher gebracht wird, führt dazu, dass ein Mann die Verfolgung eines anderen aufnimmt und wir nie bis zum Ende erfahren warum das so ist, geschweige denn wer der "Gute" und wer der "Böse" ist. Man erahnt durch vereinzelte Hinweise und erste Rückblenden was passiert sein könnte, wird aber im Dunkeln gelassen.

Optisch ist der Film schlicht weg atemberaubend fotografiert. Der Kameramann John Toll, der für 'Legenden der Leidenschaft (Legends Of The Fall) und 'Braveheart' den Oscar erhielt, hat diesen Western in grandiosen und prächtigen Bildern und Einstellungen festgehalten. Da er überwiegend in der freien Natur spielt und nur wenig in geschlossenen Räumen umso schwieriger, da man auf das natürliche Licht angewiesen ist, keine einfache Aufgabe. Man sieht schneeverdeckte Berge, Nebel, Wälder und atmet zu Beginn fast die kalte Luft. Je weiter der Film voranschreitet, verändern sich auch die Farben, es wird erdiger und brauner, die Wärme und später Hitze überwiegt. Die Panoramen des (noch wilden) Westens und der Prärie sind so beeindruckend festgehalten, dass man selbst förmlich Lust verspürt auf das Pferd zu steigen. 

Dass es eben doch nicht so romantisch ist zeigt uns Pierce Brosnan, der von Liam Neeson gehetzt wird. Brosnan liefert eine grandiose Leistung und zeigt was er als Schauspieler noch kann, ausser aus Brioni Anzügen schelmisch grinsen. Er hat mich sowohl beim ersten Sehen, als auch jetzt ziemlich beeindruckt. Insbesondere, da ihm als Gejagten physisch einiges abverlangt wird. Pausenlos, angeschossen, ohne Schutz und manchmal ohne Nahrung hetzt er wie ein verwundetes Tier durch die Landschaft und der Schmerz, als auch die Seelenqualen der Vergangenheit werden höchst intensiv dargestellt. Brosnan kennt keinen Scham und lässt sich gehen. Dazu muss man als Schauspieler auch den Mut haben. Interessant aber auch was für einen Charakter er in diesem Film verkörpert. Man erfährt mehr über ihn in knappen Aussagen von anderen Charakteren im Film und muss sich sein eigenes Bild zusammenreimen. Sowieso sind die Dialoge sehr knapp gehalten.

Seinen Gegenpart verkörpert der stoische und sehr zielstrebige Liam Neeson, über dessen Beweggründe der Zuschauer auch erst am Ende aufgeklärt wird. Er trägt phasenweise die Züge eines "Bösewichts", bzw. bleibt einem lange keine Wahl, als das zu glauben. Die Rolle wird auch von ihm glaubwürdig verkörpert und er ist eine imposante Erscheinung.

Dieses Spiel der komplett auf sich alleine gestellten Männer in den Weiten des Westens macht auch den Zauber des Films aus und führt wieder auch zu dem, was den Western verkörpert: Mythos. Der Regisseur hat eine Vorliebe für dieses Genre und hat viele Western gesehen und er liebt dieses Sujet, wenn auch das sein erster Western ist. Man erkennt viele Reminiszenzen an andere Vorbilder, von denen einer besonders gegenwärtig ist: 'The Outlaw Josey Wales' (Der Texaner) von Clint Eastwood, der nebenbei bemerkt für mich einer der besten Western aller Zeiten ist und in einer gut sortierten privaten Bibliothek nicht fehlen sollte. Die Basis der Handlung, als auch die Motivation des Jägers werden hier im Vergleich zum Vorbild umgekehrt.

Daneben sieht man alles, was man in einem Western sehen will: neben der bereits erwähnten Landschaft, der Einzug der Industrie in Form der Eisenbahn mit den vielen chinesischen Migranten ohne Integrationsprobleme, Outlaws und das klassische Duell am Ende in einer interessanten Variation. Und wie bei vielen Western ist auch wieder ein Thema Motor der Handlung: Rache. 

Ein prächtiger, bildgewaltiger und spannender Film, der bei mir bereits jetzt so etwas wie einen Klassiker Status geniesst. Merkwürdigerweise spielte der Film in den US-amerikanischen Kinos kaum Geld ein, ging unter und erschien hier nur auf DVD. Angesichts der Handlung, der Machart und der Darstellungen vollkommen unverständlich.

Rick Deckard

VORSICHT: SPOILER und "ERKLÄRUNG" - erst nach dem Film lesen!

Wenn man sich der Tatsache einmal bewusst ist, dass Gibson zum einen ein tief religiöser Mensch ist und zum anderen ICON Productions zu Anteilen ihm gehört und anfängt sich über den Titel Gedanken zu machen, dann ergibt die Handlung auch einen doppeldeutigen Sinn. Der Regisseur sagt zwar im Interview, dass jeder den Film auf seine Art sehen und interpretieren soll, aber in Zusammenhang mit biblischen Motiven erklärt sich einiges. Seraphim ist ein Engel. Ausgehend von dieser Tatsache und der genauen Beobachtung wo der Film beginnt (hoch oben in den Bergen - im Himmel) und endet (in der sengenden Wüste - Hölle), dann geht es hier zweifelsohne in einem anderen Kontext um den Fall zweier Engel. So lässt sich auch der Auftritt von Anjelica Huston erklären und man muss sehr genau hinsehen um zu erkennen was eigentlich in der Wüste passiert. Tipp: Auf den Namen am unteren Rand auf der Rückseite des Wagens achten!

Der grosse Vorteil des Films ist aber, dass man ihn auch vollkommen anders interpretieren kann, auch ohne diese Implikation und das macht ihn gerade sehenswert.

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