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Musik, Kino, Kultur, Radio


Pink Violin - Zipflo Weinrich Group

Veröffentlicht von Rick Deckard auf 22. August 2012, 21:54pm

Kategorien: #Jazz

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Ich war verwundert. Eine Geige in Pink? Zudem hält der Künstler das Instrument wie eine Gitarre. Sich einander widerstrebende Gedanken konkurrierten um die Gunst. Das alles geht doch nicht konform mit der Vorstellung, die man gemeinhin mit diesem Instrument verbindet! Geige und Jazz? Die Neugier gewann mehr und mehr an Oberhand.

Wer ist Zipflo Weinrich?

Es ist erstaunlich: Kaum, dass wir mit Dingen konfrontiert werden, die wir nicht kennen, macht sich "Unsicherheit" breit. Wir sind so darauf fixiert, gerade in der Musik, Personen gebunden und in Stereotypien zu denken, dass wir vollkommen vergessen, worum es eigentlich geht: Die Musik! Das Spiel der Musiker. Die Komposition.

Pink Violin

Es geht in die Vollen. Wir hören in den ersten Takten unmittelbar eine Geige und eine beschwingt aufspielende Rhythmusgruppe. "Blues For Kate" nennt sich das Stück und lässt einem gar keine Zeit nachzudenken, zu aufmunternd, zu heiter die Musik. Wie schön die Geige mit den anderen Instrumenten harmoniert! Ein neues, ein interessantes Klangerlebnis. Was wäre der Jazz ohne den Swing? Das Stück ist ein gutes Beispiel. Die 4 Musiker spielen ausgelassen, mit Humor und v.a.: Nachvollziehbar. Ich habe häufiger im Jazz das Problem den Musikern folgen zu können. Trotz des hohen Tempos kann ich Melodie und Improvisationen nachempfinden. Toller Anfang!

Was dann folgt, ist einer der schönsten Kompositionen, die ich in den letzten Monaten gehört habe: "Miri Menschengi". Eine ausgelassene Ballade, bei der Weinrich sein Instrument zupft und nicht streicht. Was für gefühlvolle Musik! Ein Hauch Sehnsucht, ein Hauch Melancholie, Emotion pur. Wie auch im ersten Stück beeindruckt neben dem Spiel von Weinrich das von dem Pianisten Fritz Pauer. Zu gerne wüsste ich, was Miri Menschengi bedeutet? Das Stück gefällt, weil es immer wieder das Tempo leicht erhöht, sich aber dadurch trotzdem nicht vom Grundgedanken entfernt.

Es folgt "Traditionell". Die Band spielt einen "Schunkelrhythmus" und Weinrich spielt dazu auf seiner Geige eine Melodie, die unverkennbar an die Folklore angelehnt ist. Das Stück ist kompositorisch interessant. Im zweiten Teil wird die gleiche Melodie gespielt, nur in schnelleren Tempo. Unweigerlich fühlt man sich aufgefordert zu klatschen. Jovial! Eine dritte Stufe weiter wird das Tempo nochmals erhöht, bis Solist und Band in einer Art Coda zum Anfang zurückkehren. Dann plötzlich ab 02:45 min wird das Ganze aufgelöst und wir hören wie die Musiker über die Melodie improvisieren. Grosse Klasse!  Wer sich für Jazz interessiert, der sollte sich unbedingt diesen Titel anhören, weil auch hier das zutrifft, was ich weiter oben schrieb: Man kann den Musikern hervorragend folgen und verstehen, was Improvisation bedeutet.

"Buko's Song" (vermutlich bezogen auf den Gitarristen Buko Weinrich) beginnt mit sphärischen Klängen auf dem Synthesizer. Wie bei Miri Menschengi zupft Weinrich wieder an den Saiten. Extrem coole, sehr melodische und äusserst entspannende Musik. Paolo Cardoso, der Bassist, liefert ein schönes Beispiel seiner Spielkunst. Je mehr die Musik voranschreitet, desto begeisterter werde ich. Das ist Musik, die Lust auf mehr macht. Fritz Pauer und Mario Gonzi (Schlagzeug) zu lauschen ist eine Wonne. Herrlich, wie die einzelnen Mitglieder sich nahtlos abwechseln. Es scheint, als hätten sie eine grosse Freude beim Zusammenspielen gehabt.

Ich muss an dieser Stelle einen Cut machen. Mich erinnert die Musik immer wieder an den Sound eines Oscar Peterson, an klassischen Jazz. Kann sein, dass ich mit dieser Intuition falsch liege, aber die Art, in der die Zipflo Weinrich Group hier musiziert, liess mich immer wieder an einige Stücke, gerade dem Ausdruck nach und v.a. bei den langsameren Stücken, aus dem Album "Oscar In Paris - Live At The Salle Pleyel" denken.

Die Bezeichnung "Querkopf" findet in der Musik ihr exaktes Pendant. Weinrich lässt seinen Mitspielern erstaunlich viele Freiräume und spielt sich nie bewusst in den Vordergrund. Fällt auch bei diesem Titel wieder auf. Wunderbarer Lauf auf dem Bass! Beeindruckend, mit welcher anscheinend grossen Leichtigkeit Zipflo Weinrich sein Instrument spielt. Das klingt alles sehr locker.

"Tschirklo" beginnt mit beruhigenden Akkorden auf dem Klavier und Weinrich spielt eine langsame, leicht wehmütige Melodie. Wieder fällt das Spiel eines Fritz Pauer auf, der die Tasten hier mit grosser Sensibilität und Einfühlungsvermögen anschlägt. Gleiches gilt wiederum für Weinrich, dessen Spiel von einer bestimmten Zartheit und grosser Ausdruckskraft ist. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass eine Geige im Jazz so gut klingen kann!

Die Balladen auf dem Album sind unglaublich einnehmend.

Mit Tango und dissonant anmutenden Tönen beginnt "Beautiful Love". Hätte man bei einem solchen Titel gar nicht vermutet. Die Musik wirbelt, perlt und trägt ihr Anliegen mit Nachdruck vor. Sie erinnert mich mit ihrem Gestus an die Anfänge des Jazz, an Salonmusik, an eine Kombination aus beidem.

Noch bevor das Album endet, bedanken sich die Musiker beim Hörer mit "Merci". Weinrich beginnt das Stück mit einem Solo und die Band steigt nach 01:20 min ein. Auch hier demonstriert der Leader sein intensives Spiel und steht wie auch bei dem vorhergehenden Stück im Mittelpunkt. Was mich beim Jazz immer wieder fasziniert, ist die Freiheit, mit der die einzelnen Musiker spielen. Auf "Pink Violin" wird das stets deutlich.

Das Album endet mit "My One And Only Love". Mit impressionistisch-introvertierten Tönen beginnen Pauer und Weinrich das Stück. Die Geige klingt hier sehr warm und gefühlvoll. Sehr schön zu hören, wie Geige und Klavier einen Dialog bestreiten, wenn auch erstere Ton abgebend ist. Beeindruckend, wie durch das Anschlagen, das Vibrieren von Saiten aus Metall eine so schöne Musik entstehen kann. Musik ist und bleibt ein Faszinosum. 

Zipflo Weinrich

Alois "Zipflo" Weinrich wurde 1964 in Wien geboren. Er ist nicht nur Jazzmusiker, sondern auch Schauspieler und Kabarettist. Im Alter von 15 Jahren gab er sein erstes Konzert im 'Jazzland' in Wien. Danach entschied er sich zunächst für eine Karriere als Fußballer, spielte bei FK Austria Wien, war Mitglied des Junioren-Fußballnationalteams und nahm auch an 3 Länderspielen teil. Aufgrund einer Verletzung musste er seine Karriere jedoch abrupt 1983 beenden. Neben seinen sportlichen Ambitionen war er auch aktiv als Schauspieler. Er trat in einem Heurigenkabarett auf und war Teil eines Komiker-Duo zusammen mit Harry Steiner.

Auf "Pink Violin" spielt er zusammen mit:

Fritz Pauer - Klavier

Paolo Cardoso - Bass

Mario Gonzi - Schlagzeug.

http://www.zipfloweinrich.com/

"Pink Violin" ist ein sehr hörenswertes und wohlklingendes Jazzalbum.

Musik, wie ich sie in dieser Art bisher nicht kannte, die mich aber bereits nach einmaligem Hören in ihren Bann zog. Ein Album reich an Melodien, mit viel Swing und durchdringenden Balladen. Eine Geige zusammen mit einer Rhythmusgruppe zu hören war ein neuartiges Erlebnis und ist ein Beispiel dafür, welche musikalisch wunderbaren Möglichkeiten dieses Saiteninstrument abseits der Klassik bietet.

Aber nicht nur Weinrich weiss zu überzeugen, sondern die ganze Gruppe, die mit viel Enthusiasmus und Leidenschaft die Songs interpretiert.

"Musik ist die einzige Sprache, in der man nicht lügen kann." Yehudi Menuhin.

Rick Deckard  

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