Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog

www.lomax-deckard.de

www.lomax-deckard.de

Musik, Kino, Kultur, Radio


Lionel Loueke - Heritage

Veröffentlicht von Rick Deckard auf 22. August 2012, 21:44pm

Kategorien: #Jazz

Heritage.jpg

Benin

Benin ist ein Staat in Afrika, angrenzend u.a. an Nigeria, Togo und Burkina Faso. Seitens der Vegetation sind vorherrschend die Savanne, aber auch Tropen- und Regenwälder. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört der Gruppe der Fon an, in der Minderheit sind die Adja und die yoruboiden Völker. Amtssprache ist französisch, daneben gibt es über 60 (!) Sprachgruppen. Basis der Wirtschaft ist die Landwirtschaft. Benin hat ein Mehrparteiensystem, eine Nationalversammlung wird alle 4 Jahre gewählt.

Benin.png

Warum diese ersten Zeilen? Musik hören und im Hintergrund dudeln lassen ist das notwendige und berechtigte Eine. Sich ernsthaft damit beschäftigen eine vollkommen andere Angelegenheit. Bei welcher Form ist der Erkenntnisgewinn höher (wenn gewollt)? Natürlich hören wir Musik zum Vergnügen, aber warum das Vergnügen nicht anreichern durch Wissen und Neugier, um Musik, Jazz und einen Künstler besser zu verstehen?

Wenn wir Musik hören, dann ist, wie bei so vielen Dingen, unsere Meinung vorgefertigt, ebenso unsere Hörgewohnheiten. Passt das soeben gehörte nicht in unsere Schablonen, unsere vorgefertigte Meinung, dann muss es das gewesen sein. Ob Musik einem gefällt oder nicht, ist indiskutabel, aber unreflektiert ihr überhaupt keine Chance zu geben ist unfair, oder?

Lionel Loueke

Loueke.jpg

Lionel Loueke stammt aus Benin. Erst im Alter von 17 Jahren lernte er die Gitarre zu spielen und kam mit Jazz aus seinem Land in Berührung. Er besuchte das National Institute Of Art in der Republik Elfenbeinküste. 1994 verliess er Afrika um Jazz an der American School Of Modern Music in Paris zu studieren. Er erhielt ein Stipendium am Berklee College Of Music in den Vereinigten Staaten. Im Anschluss hieran endete seine Ausbildung am Thelonius Monk Institue Of Jazz.

Ein beeindruckender Lebenslauf wie ich finde.

Ich erinnere mich, wie ich Loueke das erste Mal vor Jahren in der Kölner Philharmonie sah. Er begleitete Herbie Hancock auf seiner Tournee durch Europa. So recht konnte ich den Musiker damals nicht einordnen. Er stand mit seiner kleinen Gitarre, angezogen vermutlich in der Tracht seines Landes, auf der Bühne vor einem riesigen Publikum. Der Kontrast zum übrigen Ensemble war so gross, dass er stets ins Auge fiel. Ich dachte mir damals: Wieder einer von denen, die von einer Legende gefördert werden. Was soll sich schon dahinter verbergen? Eine anmaßende und die eigene Meinung überschätzende Einstellung wie sich im Verlauf zeigte.

http://lionelloueke.com/

Heritage: Jazz und Sounds aus Westafrika

Auf dem Album, welches übersetzt "Erbe" bedeutet, verweist Loueke auf seine Herkunft und seinen Lebensweg. Zum einen auf seine Vorfahren aus Afrika, zum anderen der Bezug auf sein Leben im "Abendland", insbesondere Europa und Amerika. Das Album habe er deswegen so betitelt, da er durch das Leben in so vielen unterschiedlichen Ländern der Erde "gesegnet" worden sei. Diesen Umstand würden auch die Songs reflektieren.

Die weiteren Musiker auf dem Album sind ausser Loueke (Gitarre und Gesang): Robert Glasper an den Keyboards (Fender Rhodes und Klavier), der zeitgleich als Ko-Produzent fungierte und mit "Tribal Dance" und "Bayyinah" auch zwei Eigenkompositionen beisteuerte, Derrick Hodge am Bass, Mark Guillana am Schlagzeug und Gretchen Parlato mit den Background Vocals.

Die Musik klingt ungewohnt. Alles andere wäre anmaßend und gelogen.

Sie ist aber eine überzeugende Melange aus fremdartig klingendem Gesang (Yoruba, Fon) und Jazz. Loueke singt und spielt gleichermaßen, unterstützt durch ein sehr gutes Ensemble. Die Musik verströmt natürlich viel Lokalkolorit, Folklore aber auch lupenreinen Jazz. Dass diese Mixtur gelingt ist bemerkenswert, oder anders formuliert: Wo, wenn nicht im Jazz wäre so etwas möglich?

"Ife", das erste Stück bedeutet Liebe. Hier, wie auch im gesamten Album, merkt man, dass es Loueke neben dem Jazz auch daran gelegen war, einen bestimmten Sound zu kreieren. Dazu bedient er sich neben den o.g. Instrumenten auch wahlseise der Elektronik.

"Quidah" bezieht sich auf das Dorf, in dem seine Mutter geboren wurde. Das Dorf war einst das Zentrum des Sklavenhandels in Benin.

Gretchen Parlato steuert ihre Stimme auf  "Tribal Dance" und "Hope" bei. Letzterer wird gesungen in der Sprache der Fon und die Übersetzung lautet:"Nobody stays in the dark forever. Courage, you need courage, don't give up, it's all going to be fine and your light will shine."

In der Summe beinhaltet Heritage vier Stücke für ein Trio: "Ife", "Freedom Dance", "Farafina" und "Goree".

Wiederholt bezieht sich Loueke auf die Sklaverei, wie auch im Titel "Goree", ein Hafen im Senegal und ein weiterer geografischer Schwerpunkt des Sklavenhandels.

"African Ship" hat auch Bezug zur Sklaverei aber eher im umgekehrten Sinne und ist durchaus ambivalent zu verstehen. Loueke sagt, dass dieses Schiff seinen Rückweg antrete aus Amerika und Europa mit fröhlichen und glücklichen Menschen: "In Africa we have a different view of the occident, we learned from it."

"Chardon" ist französisch und bedeutet Distel. Sie wurde ausgewählt, weil sie zum einen sehr schön sei, auf der anderen Seite aber auch äusserst gefährlich. Die Komposition ist als Analogie auf das Leben im Allgemeinen zu verstehen: "Life is beautiful but we get hurt sometimes, so you have to know where you're putting your feet when you move, when you make your decisions."

Auf dem letzten Stück "Bayyinah", welches von Glasper komponiert wurde, spielt dieser Fender Rhodes und Klavier gleichzeitig.

"Heritage" ist ein Album, welches man auf sich wirken lassen sollte, ohne Vorbehalte und mit einer gewissen Neugier zu erfahren, wie das Leben wohl zu einer anderen Zeit, auf einem anderen Kontinent gewesen sein könnte. Es bietet die Möglichkeit, Musik, Jazz aus der Sicht eines Menschen zu hören, der versucht Kulturen miteinander zu verbinden, der mit seiner Musik Einstellungen und Inhalte vermittelt. Nicht immer leicht und einfach zu hören, aber bereichernd und anregend.

Am Schluss sei eine Frage erlaubt: Mal angenommen Sie müssten privat oder beruflich nach Benin ziehen und Sie würden dort von den Menschen gefragt, welche Musik aus ihrer Heimat Sie, Ihre Lebenserfahrungen und Ihr Land beschreibt: Welche Musik, welche Stücke, Songs würden Sie auswählen um das einem fremden Menschen zu vermitteln und was glauben Sie würde er darüber denken? Wie würde Ihr Mixtape aussehen?

 Rick Deckard

 

 


Kommentiere diesen Post

Blogarchive

Soziale Netzwerke

Neueste Posts