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Musik, Kino, Kultur, Radio


Neil Young & The Crazy Horse - Psychedelic Pill

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 2. November 2012, 18:36pm

Kategorien: #Populäre Musik

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Sprechen wir mal vom Ende der Zeit! Stellen Sie sich vor, es gibt keine Krankheiten, keine Kriege und keine Armut. Alle Menschen werden unendlich alt. Möchten Sie sterben, können Sie sich sanft Töten lassen.... Wie könnte die Geschichte weiter gehen? Ab diesem Moment unterscheiden wir uns alle! Jeder Einzelne wird eine andere Meinung, ein anderes Ende finden. 

Ich beschäftige mich nun seit nunmehr 30 Jahren mit Musik. In jeglicher Form! Habe mich gestritten, gelitten, gefeiert, geweint, gelacht. Um Musik nicht nur zu hören, selbst Musik gemacht. Biographien gelesen, Interviews, Plattenkritiken. Tausende von Konzerten gesehen. Musik begleitet mich täglich, stündlich. Sie ist immer da! Mal bin ich von einer einzigen Harmonie fasziniert, mal von einem Akkord. Dann wieder von einer kompletten Partitur, manchmal von einem kleinen Popsong. 

Mal drehe ich total durch und bezeichne einzelne Platten und Musiker als Wahrhaftig. Mal bin ich unfair und total subjektiv. Oftmals neidisch, manchmal grundlos unverschämt. Mal hasse ich, häufiger liebe ich. 

Täglich lerne ich noch immer Bands kennen. Bin süchtig nach neuer Musik, zeitgleich auf der Suche nach dem heiligen legendären Gral. Oft mache ich mir Gedanken über die Zukunft, meist bin ich verhaftet in der Vergangenheit. Unüberlegt in der Gegenwart. 

Es gibt Zeiten da bin ich es leid, voll gefressen mit Noten und überdrüssig mir Gedanken zu machen, fühle mich wie ein alter Sack. Dann wieder bin ich schlank, wieselflink und auf der Suche, wie ein junger Hund. 

Manchmal streite ich mich, denke über den Musikgeschmack von anderen nach. Vergleiche meinen eigenen. Stelle Frage, bekomme Antworten die dumm sind oder Aussagen die mich förmlich umhauen. 

Sogar über das Abspielen, Archivieren und dem technischen Ablauf von Musik mache ich mir Gedanken. Über die wirtschaftliche Entwicklung der Musikindustrie, über das für und wieder von Major- und Independentlabels. Und über die Zukunft der Musik. 

Meine Kleidung, meine Lebenshaltung, meine Freizeit, sogar die Erziehung meiner Kinder, ist beeinflusst von Musik. Mein Leben ist Musik. Und wie ist es am Ende? 

Wenn dann alles gehört ist! Natürlich möchte man sich das mit Anfang 40 nicht vorstellen, wie das eigene Ende ist. Daher ist es einfacher, sich eine Fiktion auszudenken. 

Die Fiktion der Ewigkeit finde ich daher gut. Was also hört man, wenn man alles gehört hat. Man also selbst entscheidet, diese Welt zu verlassen und zufrieden ins Jenseits geht. 

Komischer Weise muss ich in diesem Zusammenhang an Neil Young denken! Und ich muss an die Reportage im aktuellen Rolling Stone Magazin über Young denken. Der Autor besucht den alten Mann auf seiner Ranch, lässt sich vom eigentlich unzugänglichen Meister in einem alten Cabrio durch seine Ländereien fahren und versucht dabei zu entschlüsseln worum es eigentlich geht? 

Worum es eigentlich geht? Was soll das für ein Grund sein, Lomax? Nun ebenso wie bei einer alten, ähnlichen Reportage aus einer Spex-Ausgabe der 1990er Jahre, als der Autor erfahren wollte, wer Built To Spill sind, erfahren wir hier nichts anderes als die Normalität der Wahrheit. Nämlich, dass man Ende alleine ist! 

Neil Young hat in seinem Leben alles erlebt. Fürchterliche Familienschicksale, künstlerische Höhenflüge, kommerzielle Niederlagen. Er hat Hits geschrieben und Platten für die Ewigkeit produziert. Spielte in legendären Bands und ist als Person und Gitarrist eine unbestrittene Legende. Er war der personifizierte Hippie, dann Vater des Grunge, Held des Muckertums. 

Neil Young ist eine Legende. Einer der vielleicht wichtigsten Musiker aller Zeiten. Ob man seine Musik nun mag oder nicht. Es ist wie bei den Beatles, bei den Stones oder bei Dylan. Man kommt nicht an ihm vorbei. 

Wenn man schon mal ein Crazy Horse Konzert gesehen hat (egal aus welchem Jahrzehnt) weiß man, dass Young auch der Urvater und Erfinder des progressiven Gitarrenlärms ist. Es ist dabei völlig egal, ob man die ehr zum Rock neigenden amerikanischen Bands oder die ganzen tollen englischen, ehr zum Pop neigenden Gitarrenbands, aufzählt. Hat man einmal eine der endlosen Gitarrenimprovisationen über die rumpelnden Bassläufe und Drumpattern der verrückten Pferde gehört gibt es nur ein Gewissen. So muss es sich anhören! 

Und das „so muss es sich anhören“ plus meinen vorherigen Aussagen „wenn dann alles gehört wurde“ und „worum es eigentlich geht“, ist das Ergebnis der aktuellen Neil Young & The Crazy Horse Platte „Psychedelic Pill“. 

Neil Young schert sich auf dieser Platte einen Dreck über Regeln oder Vorlagen. Er spielt die Musik die er erfunden hat. Es gibt eine Handvoll Songs die über 15 Minuten lang sind! Wir hören keine Overdubs, keine Reverbs, keine digitalen Spielchen, keine Filter, keine Loops, kein Zeug, was nicht irgendwie mit der Reinheit eines bummernden Basses, eines normalen Schlagzeug-Set-Ups, einer Rhythmusgitarre und Neil Youngs Leadgitarre zu tun hat. Ich habe es nicht nachgelesen, vermute aber mal, das alle eingesetzten Verstärker mehr Ersatzröhren gesehen haben, als ich noch alle Schrauben im Kopf an der richtigen Stelle habe. 

Zwischendurch hören wir Neil Young immer wieder klare Textzeilen singen. Die im Prinzip so rein sind, wie das Quellwasser mit dem sich der Typ jeden Morgen wäscht. 

Klarheit, Endgültigkeit und das Gefühl, dass hier ein Mann Musik/Kunst macht, die so Schlüssig, Einzigartig und Erfüllend ist, dass sie unerklärliche und missverständliche Ideen von musikalischen Welten tatsächlich zusammenfassen kann. 

Was für ein drogenfreier Rausch, was für ein minimalistisches Erlebnis, was für eine klare Platte, was für ein großer Gigant! 

I wonder why?

Alan Lomax

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Baumfreund 12/01/2012 20:58


Dass es das in dieser Zeit noch mal gibt. Ein Rockalbum, das man einlegt und alle Termine des Tages sind passé. Man kommt nicht mehr los von diesem Werk. Neil Young musste zurückkommen aus seinem
erfolgreich absolvierten Drogen- und Alkoholentzug, seine Männer von Crazy Horse um sich versammeln und uns zeigen, wie es geht.
Schon der erste Song “Driftin’ Back” – das war noch nie da: ein Opener eines Rock-Album mit einer Spieldauer von über 27(!) Minuten. Und mit “Ramada Inn” (16:48 min.) und “Walk Like a Giant”
(16:26 min.) folgen im Laufe des Albums noch zwei ähnliche Riemen. Und alle Songs dazwischen keineswegs nur Füllsel, sondern jeder für sich ein Kracher.
Neil Young erfindet die Rockmusik nicht neu. Er macht das, was er kann – und das kann niemand so gut wie er. Über dem präzisen Spiel seine Crazy-Horse-Band mäandert er mit seiner E-Gitarre durch
zerklüftete Folkrock-Landschaften. Ja, wenn es ein Verb gibt, dass dieses Album am besten beschreibt, dann ist es “mäandern”. Mäandernde Gitarrensoli sind für gewöhnlich Masturbationsakte, von
denen außer dem Gitarrenspieler niemand etwas hat, nicht so bei Neil Young. Neil Young darf ruhig seine Gitarrensoli bis in alle Ewigkeit spielen.
“Psychedelic Pill” ist das beste Neil-Young-Werk aller Zeiten. Für dieses Album wurde die Repeat-Funktion erfunden.
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