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www.lomax-deckard.de

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Musik, Kino, Kultur und Radiosendung musikabend 674.fm


Herbie Hancock 24.06.2010 - Carefusion Jazz Festival, Carnegie Hall, New York

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 25. Juni 2010, 23:28pm

Kategorien: #Konzerte

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Mehrere hundert Augen blicken konzentriert und gespannt in eine Richtung.

Plötzlich wird es unruhig in der Masse und von einer Sekunde auf die andere ist es vorbei mit der Ruhe: Hell breaks loose. Die Menschen schwirren auseinander und laufen was das Zeug hält in die eine oder andere Richtung mitsamt Gepäck und anderen Utensilien. Wer jemals an der Penn Station in New York war, kann diese Szenen bestätigen. Es ist immer wieder höchst amüsant dieses Spektakel zu beobachten. Ein Zug wird annonciert und sobald das Gleis feststeht, beginnt der 100 m Lauf zum Zug. Wenn es ausser Flughäfen einen Ort gibt, an dem man Menschen beobachten kann, dann dieser (unterirdische) Bahnhof in N.Y.

Der Donnerstag des 24. Juni war schwül-heiss und ich fuhr von der Princeton Junction in Richtung N.Y. Noch etwas ermüdet vom Jet Lag zwar, aber in höchstem Masse aufgeregt, denn am Abend stand ein grosses Konzert bevor, ein Abend zu Ehren von Herbie Hancock und seinem 70. Geburtstag im Stern Auditorium/ Perelman Stage in der Carnegie Hall. Die Gästliste versprach einiges und so überwog die Aufregung die Müdigkeit.

Mai2010-0140.jpgIch war noch gut in der Zeit und so bot es sich an vor dem Konzert etwas essen zu gehen. In unmittelbarer Nähe, 7. Ecke 55 Strasse, befindet sich das Carnegie Delikatessen Restaurant, wie üblich in N.Y. von aussen vollkommen unscheinbar, aber innen ein typisches Grossstadt Tohuwabohu. Ich wurde in die hintere Ecke des Restaurants geführt und nahm an einem der übervollen Tische Platz. Wieselflinke Keller, vornehmlich aus dem südostasiatischem Raum, schwirrten umher und belieferten die Gäste mit Bergen aus Sandwiches, die ich in dieser Dimension so nicht gesehen hatte. Ein Irrsinn diese Proportionen. Ich genehmigte mir zunächst die auf dem Tisch liegenden eingelegten Gurken mit Knoblauch (äusserst lecker!) und bestellte einen Carnegie-Burger, sowie eine Diet Coke. Die Namen der Sandwiches waren lustig bis skurril und ich liebäugelte eine Zeit lang mit dem '50 Ways To Love your Liver', aber als ich die Grösse sah bekam ich es mit der Angst, ganze 15 cm hoch! Too much. Rechts und links neben mir und eigentlich überall hingen eng an eng Bilder mit Prominenten angefangen von US-Präsidenten bis zu vergessenen Wrestling Stars, die alle dieses Restaurant aufgesucht hatten. In N.Y. ist es enorm schwer Einheimische von Touristen zu unterscheiden, aber ich glaube 95% der anwesenden gehörten zur Spezies der zuletzt erwähnten, einschliesslich meiner Person.

Die Aufregung wurde grösser und so zog es mich in die Nähe der Carnegie Hall. Um die Halle herum ging der Verkehr, die Geräuschkulisse und die Masse an Menschen ungestört ihren Weg. Ich ging durch den Haupteingang hinein und beobachtete die Menschen um mich herum: das Publikum bestand aus allen erdenklichen Rassen, sozialen Schichten, 'Vor Ort Prominenz' und jede Altersklasse war vertreten. Die Kleidung reichte von schick über lässig bis ultra-cool. Gegen 19:40 wurden wir herein gelassen und der Dunst, sowie die Hitze der Stadt wich gedämpften Schritten auf dickem Teppich und der angenehmen Kühle der Klimaanlage. 

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Die C.-Hall war imposant, hoch und auf schlichte Weise schön. Mir gingen alle möglichen Gedanken durch den Kopf, wer hier alles gespielt hatte ... . Gegen 20:00 ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund und kündigte die nächsten 2 Stunden an. Die Carnegie Hall war ausverkauft und es wurde leise, die Lichter fokussierten auf die Bühne und ein gross gewachsener Mann in einem hellen Leinenanzug mit etwas zu kurzen Hosen betrat unter tosendem Applaus die Bühne: Bill Cosby. Die New Yorker waren aus dem Häuschen. Der Mann scheint nach wie vor eine grosse Popularität zu geniessen. Nach einem kleinen Eröffnungsscherz drehte er sich nach rechts und rief den Mann auf die Bühne, der heute im Rampenlicht stehen sollte: Herbie Hancock. Mit locker-lässigem Gang betrat diese lebende Legende des Jazz die Bühne und beide Männer umarmten sich innig, was für ein Bild! Die Zuschauer standen alle von den Sitzen auf und jubelten den Männern zu, mir standen die Tränen in den Augen. Ein Moment, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde! 

Hancock setzte sich an den Flügel und liess in kleinen Miniaturen musikalisch die ersten 2 Dekaden seines Lebens Revue passieren. Als es um die 3. Dekade ging fragte Hancock:"Ich erinnere mich da an ein paar Freunde, darf ich sie einladen?" Cosby ging und wer dann alles die Bühne betrat liess mich in Ehrfurcht erstarren, obschon ich einige von Ihnen wie auch Hancock bereits vorher im Leben gesehen hatte. Nach und nach kamen in einer unglaublich lässigen Manier folgende Musiker auf die Bühne:

Terence Blanchard

Ron Carter

Jack DeJohnette

Dave Holland

Joe Lovano

und Wallace Roney.

Zu einigen gab Hancock einige ironisch-liebevolle Kommentare ab, beispielweise zu dem gesteiften Jackett von Carter und dem violetten Anzug von Lovano. Dann fragte er ins Publikum und seine Gäste ob er jemanden vergessen habe und unter Rufen und Verlangen betrat eine weitere lebende Legende die Bühne: Wayne Shorter. Allein diese Menschen, diese Jazz Musiker live auf der Bühne versammelt zu sehen verschlug mir die Sprache. Wie lässig, wie entspannt und wie cool (ein Wort das hier übrigens mehr als passend zutrifft!) die da oben standen ... .

Es ging dann sogleich zur Sache und die Herren spielten befreit, locker und mit Swing in die erste Stunde. Es stimmt: Jazz ist Musik, die man live hören und erleben sollte. Ein Musik des Moments, des Augenblicks. Vollkommene Freiheit. Der Klang der Trompete von Roney war ungemein beeindruckend: klar, weich und doch sehr prägnant. Er dominierte mit seinem Instrument für eine Zeit den Abend. Natürlich wurden Standards gespielt, aber auch die nicht populären Stücke. Das versiertere Publikum erkannte diese aber bereits bei den ersten Takten. Was Improvisation bedeutet, konnte man an diesem Abend mehr als nur geniessen: Die Stimmung aufnehmen und aus der Situation heraus seinem Geist freien Lauf lassen. So denke ich kann man es am besten beschreiben. Nach dem ersten Stück beobachtete ich einen der für mich denkwürdigsten Momente. Hancock und Roney spielten die ersten Takte, DeJohnette verliess für einen kurzen Augenblick die Bühne und kehrte sogleich wieder, so als nichts gewesen sein, schlug leise auf ein Bleich und stieg in die Musik mit ein. Ich war perplex. Dieser Moment war beeindruckend und mehr als das, zeigt er doch die Klasse dieses Musikers. Sowieso war DeJohnette derjenige, der aus dem gesamten Ensemble mit seinem Spiel herausragte. Fantastisches drumming mit viel Einfühlungsvermögen, Inspiration und Timing. Die Bläser Sektion wechselte die Dominanz nach belieben: mal spielte sich Blanchard in Laune, dann wiederum liess sich Shorter bitten und am Ende spielten alle zusammen. 

Es ist, war und wird immer faszinierend bleiben: die Kommunikation unter Jazz Musikern. Hancock blieb sehr bescheiden im Hintergrund und es war eine reine Freude zu beobachten wie die Musiker sich untereinander musikalisch und mimisch verständigten. Wer jemals Lust verspüren sollte Jazz live zu hören, der sollte mal genau hinsehen und insbesondere darauf achten - nichts ist schöner als Musiker dabei zu beobachten, wie sie miteinander kommunizieren.

Am Ende wurde natürlich auch, in einer sehr jovialen und unterhaltsamen Fassung. 'Cantaloupe Island' zum besten gegeben, natürlich entsprechend gefeiert vom Publikum.

In der Pause sah ich um mich und genoss die Optik dieser imposanten und altehrwürdigen Halle. Um mich herum unterhielten sich die Menschen über die Musik, wieder andere spielten an ihren mobilen Telefonen herum und verschickten mails.

Im zweiten Teil des Konzerts, wieder wunderbar zu Anfang eingeleitet von Cosby, stellte Hancock sein 'Imagine Project' vor. An den Drums spielte Vinnie Colaiuta, Lionel Loueke an der Gitarre, Greg Phillinganes an den Keyboards und Gesang, Tal Wilkenflied am Bass und Kristina Train als weitere, sehr imposante, Stimme. Hancock sagte eigentlich in einem Satz worum es ihm bei dem Project geht:"Bring peace to the world through global collaboration!" Es wurde poppiger, funkiger und für das gros des Publikums auch eingängiger. Toller Sound und grossartige Musik. Nach einer Weile betraten India.Arie, Derek Trucks und Susan Tedeschi die Bühne. Über 'Imagine' bis 'A Change Is Gonna Come' wurden fast alle Stücke des neuen Albums zum besten gegeben. Der Vocal Part wechselte und auch die Stimmungen. Die Welt umrundet in einer Stunde. Ich horchte in mich hinein und empfand diesen Gedanken, den Hancock angesprochen hatte als etwas sehr einfaches und annehmbares. Ideen, Wünsche und Vorstellungen flossen an meinen Augen vorüber.

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Die Zugabe kann man nur als 'Kult' umschreiben. Hancock kam mit einem Keyboard um die Schultern mit seinen Musikern auf die Bühne und spielte aus den Siebziger und Achtziger Jahren. Das Publikum hielt es nicht mehr auf den Stühlen, unter Beifall und Jubel sangen seine Freunde 'Happy Birthday' und ein gerührter Hancock verliess am Ende die Bühne. Was für ein Leben! Was für eine Musik!

Passender und wunderbarer als Bob Belden im Programm-Heft kann man es nicht umschreiben:

'A birthday is a turn of a page of the evolving encyclopedia of life'.

Ein unvergesslicher Abend.

Wieder draussen auf den Strassen der Stadt die wirklich NIE schläft die Suche nach einem Yellow Cab, was zum Geduldsspiel werden kann. Ich frage mich sowieso immer wie überhaupt der Verkehr noch fliessen kann. Ein Wahnsinn. Ich kurbelte die Scheibe herunter und beobachtete den Trubel auf den Strassen, die Menschen, die Skyskraper und war glücklich. Das Taxi fuhr vorbei am Times Square, vorbei an riesigen Reklamen, Lichtgewitter und einer sagenhaften Ansammlung von Menschen auf den Strassen. Was für eine Stadt!

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Beseelt von dem Augenblick und noch ungemein beeindruckt vom Konzert verliess ich den Wagen wieder an der Penn Station und fand mich wieder in der Situation oben beschrieben. Track 10! Noch wenige Minuten bis zur Abfahrt. Ich rannte los nur um unterwegs festzustellen, dass zum einen meine Hose rutschte, weil ich den Gürtel nicht eng genug geschnallt hatte und um festzustellen, dass ich wie von Sinnen in eine vollkommen falsche Richtung unterwegs war. Haken schlagend erreichte ich den Bahnsteig, mir schlug eine Welle ofenheisser Luft ins Gesicht. Ich sank in den Sitz und der Zug verliess N.Y. im gemächlichen Tempo in Richtung Princeton-Junction. An mir vorüber gingen Afro-Amerikaner, Latinos, Italiener, Iren und eine vollkommen übermüdete Schaffnerin, die mit letzter Kraft in den Wagen, fast weinerlich-zärtlich rief:"All tickets out please!"

Mit den vielen Pendlern stieg ich in einer warmen lauen Sommernacht aus dem Zug, fuhr ins Appartment, trank ein eiskaltes Samuel Adams und sank in einen wohligen Schlaf.

Ich liebe New York.

Ich liebe Jazz.

Happy Birthday Mr. Hancock!

Greetings from NJ,

Rick Deckard

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