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Der Englische Garten – Bei Tag und Nacht - Neues Album

Veröffentlicht von Alan Lomax Blog auf 30. Januar 2020, 11:44am

Kategorien: #tapeterecords derenglischegarten merricks Popmusik DeutschePopMusik, #674.fm, #Album Review, #DLDGG, #Festivals

Plattencover "Bei Tag und Nacht" von Moritz R®

Plattencover "Bei Tag und Nacht" von Moritz R®

„Wann gibt es schon mal solche Lieder? …kann der Rest -ja so schlecht- auch nicht sein!“

(aus 2 Minuten 45; Der Englische Garten)

Weshalb denn eigentlich eine ausufernde Plattenbesprechung, wo es doch ohnehin schon so viele Platten und Plattenbesprechungen gibt? Nun… gerade deshalb! Und weil es sehr seltsam ist: Da gibt es zahllose Fußballfreunde, deren höchster Genuss es ist, einem Länderspiel beizuwohnen, einem Match im Cupfinale oder ganz einfach zwischen Mannschaften einer möglichst hohen Spielklasse. Der Grund liegt auf der Hand: Diese Fußballfans fordern höchste Qualität, und einem Spiel irgendeiner schlechten Lokalmannschaft beizuwohnen, hielten sie für verlorene Zeit.

Oder: Ein junger Mann kauft sich ein Paar Ski. Wenn schon neue, dann erstklassige, denkt er (und wenn das Geld reicht, hat er durchaus recht) und wählt Ski aus bestem Hickory und mit seltsamen, aber sehr nützlichen Schikanen. Und angesichts einfacher Ski und einer bescheidenen Riemenbindung rümpft er die Nase, weil sie nicht ganz den heutigen Qualitätsanforderungen entsprechen.

Kurzum: Für seltsam halte ich diese hohen Qualitätsansprüche auf allen möglichen Gebieten, wenn ich bedenke, wie wenig anspruchsvoll solche und viele Leute anderseits sind, wenn sie sich Musik aussuchen. Da werden oft überhaupt keine Anforderungen gestellt. Musik ist Musik, denken sie und wissen gar nicht, dass es sie nicht einmal mehr kostet, wenn sie statt „einfach ein Lied, das im Radio läuft“, ein gutes hören würden. Es gibt nämlich viele gute Lieder.

Aber um solche zu finden, sollte man einiges wissen. Und deshalb gibt es auch Menschen wie mich. Nicht um jemanden, der keine gute Musik hört, zu veranlassen, es zu tun. Sondern um jene, die es tun, anzuregen, aus dem großen Angebot das Gute zu wählen.

Das bringt mit sich, dass ein Song nicht einfach schon deshalb schlecht ist, weil es sich um einen Song handelt. Die Popmusik steht nämlich bei vielen Leuten deshalb in einem schlechten Ruf, weil es viele schlechte gibt. Aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Das gilt überall: Die Polizei ist nicht schlecht, weil es auch einige schlechte Polizisten gibt; die Lehrer sind nicht schlecht, weil es unter ihnen einige schlechte Pädagogen gibt.

Das Gute leidet immer auch ein wenig unter dem schlechten Ruf des Schlechten – nicht nur im Bereich der Popmusik.

„Ein sehr guter Song ist wie ein Märchen: Am Schluss sind die Guten gut und die Bösen böse. Eine gewisse Grenze der Unwahrscheinlichkeit darf dabei nicht überschritten werden…“

in Anlehnung an Dr. med. Walter Vogt; Geschichten über den Amateurkriminalisten Beno von Stürler

Früher oder später kommt die Frage nach der Stadt, aus der die Band Der Englische Garten kommt: München. Sänger Axel Koch beantwortet diese nach einer kurzen Korrespondenz so: „Wir lieben diese Stadt. Ich bin eher genervt, wenn ich Menschen aus anderen Städten begegne, die Vorurteile gegen München haben. München hat ein eigenes Lebensgefühl, es gibt sehr schöne Orte und viele gute Leute in der Stadt. Nicht umsonst wurde ein Film wie "Zur Sache Schätzchen" in München gedreht. Und Werner Enke ist ja auch geblieben.“

Überhaupt Werner Enke. Ein guter Orientierungspunkt. Wortgenie, Klosett-Popper, Schauspieler, Filmemacher, Autor und (ganz nebenbei) Ikone der Hamburger Band Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen um Carsten Friedrich. Das muss so erwähnt werden, da jegliche Auseinandersetzung mit diesen Bands irgendwann in einer speziellen algebraischen Struktur verläuft.

„Es gibt keine homogene Pop-Szene in München, die gab es nie. Aber sind Begriffe wie "Hamburger Schule" oder "Weilheim Sound", nicht sowieso in erster Linie Vermarktungs-Begriffe? The Notwist sind eine tolle Band, die berechtigt international bekannt ist, aber- "Weilheim Sound"...? Naja. Wir versuchen auch gar nicht ein Münchener Lebensgefühl wiederzugeben. Wenn wir das trotzdem auf gewisse Art tun, dann vielleicht, einfach, weil es unser Lebensgefühl ist. Für eine "Großstadt" ist München relativ unstressig, das schätze ich sehr. Die Mieten sind zu hoch, das stimmt. Das ist leider zum Kotzen. Es gibt Bands aus Hamburg, Berlin oder England, die hier in einem kleinen Laden namens "Schwarzer Hahn" spielen, und sagen, es war das schönste Konzert auf ihrer Tour. Zum Beispiel. Das sagt viel aus, finde ich“, so der Sänger weiter.

„Und dann kommt es dieses Saxofon Solo, wie immer an den Stellen dieser wunderbaren Band -Der Englische Garten- die auch Pre Chorus genannt wird, gefolgt von zu niederknienden Bläsersätzen und dem sofortigen Wunsch des Hörers noch vor Ende des Songs, den selben gleich nochmal zu hören.“ (aus Musikabend mit sich selbst; Alan Lomax)

Die Discografie Des Englischen Garten öffnet musikalische Universen. Die neue Platte „Bei Tag und Nacht“ (mit einem hinreißenden Plattencover von Moritz R®) ist eine bunte Folge von Bildern und eine kaleidoskopische Verbindung von perfekten Popsongs, die einen vor Kälte und schlechtem Umgang schützen (…und wenn Du mal verschwindest, tauchst Du darin selber auf.)

Einfach zu sagen, dass dies das deutsche Popalbum 2020 sein wird, wäre verschwenderisch und bestandslos. Denn es gibt viele Phänomene, die die einstige Ur-Band Merricks und die Nachfolgeband Der Englische Garten ausweist. Ein Attribut ist die Beständig- und Nachhaltigkeit des Songwritings und der dauerhaft bleibenden Melodien. Resümiert sollte ich aber dann auch von einem Lebensgefühl sprechen, was diese Band von vielen anderen unterscheidet.

„Ich will nicht an den Strand. Ich will nur in den Englischen Garten.“

(unbekannt)

Verschönerung und Erholung, eine idealisierte Landschaft. Keine einmaligen Blühpflanzen, sondern beständiger nördlicher Soul und Bossa Nova, das ist nicht nur ein englischer Landschaftsgarten. Eine gewisse mathematische Strenge der Bläsersätze und eine klassische Phase im Songwriting ist mehr als deutlich erkennbar. Eine Stadt in Deutschland, aber doch seltsam fremd. Parties in München, bring all Deine Freund mit.

Bands wie Der englische Garten halten das Ruder selbst und stellen immer wieder fest, dass das Meer groß ist.

„Ich bin der Steuermann, Du bist der Kapitän“, der Hafen München wurde von der Band selten verlassen. In einem Song des neuen Albums heißt es dann verheißungsvoll und radikal empathisch weiter: „Herzblut ist das, was Du geben musst, HERZBLUT IST DAS, WAS DU GEBEN MUSST!!“ Nehmen wir das als Zuhörer nicht nur selbst als Aufforderung und erklären dem Englischen Garten, dass nicht nur die Weite des Meeres eine große Verheißung ist -kurzes Trompeten-Interlude- sondern sich die Karte von Der Englische Garten genauer angesehen wird und sie zu uns kommen…

Alan Lomax (ich nehme alles zurück, was ich je über München gesagt habe)

Vorherige Artikel über die Münchener Band Der englische Garten vom Alan Lomax Blog:

http://www.lomax-deckard.de/article-27270144

http://www.lomax-deckard.de/article-der-englische-garten-die-aufgeraumte-stadt-122106087.html

http://www.lomax-deckard.de/article-die-perfekteste-popmusik-der-englische-garten-48115838.html

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