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www.lomax-deckard.de

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Jet Lag

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 26. Juli 2009, 03:24am

Kategorien: #Kommunikation



Es ist Sonntag, 04:27 Uhr morgens und ich kann nicht schlafen, was zu erwarten war.

Es gibt schon merkwürdige "Berufe" auf diesem Planeten. Einer von Ihnen ist z.B. 'Flight Attendant' oder auch 'Flugbegleiter', früher 'Steward' oder 'Stewardess'. Was reizt die Menschen auf den grossen Interkontinentalflügen so viele Zeitzonen zu überqueren, von einem Hotel ins andere zu jagen und dazwischen aufgezogen wie eine Uhr nach dem immer gleichen Rhythmus Passagiere mit aufgesetztem Grinsen, Drinks und eingepacktem Essen zu versorgen? Und das Jahr für Jahr? Sicherlich machen die meisten das nur übergangsweise um die Welt zu erkunden, Sprachen zu lernen oder einfach nur um in der Weltgeschichte herumzufliegen.

Michael van der K. war einer von Ihnen und begleitete mich von München nach Bremen. Auf dem gesamten Flug zeigte er nur eine Miene, war vollkommen genervt und vielleicht auch frustriert. Widerwillig und leidenschaftslos zeigte er uns die Handhabung der Sauerstoffmaske und die Notausgänge alles mit dem gleichen Gesichtsausdruck, kein Lachen, kein schmunzeln. Später ging er mit seiner Kollegin den Gang hinunter und servierte Drinks. Auch hier keinerlei Ausschläge im Gesicht und eine fürwahr zeitlose Monotonie in der Stimme. Ich beobachtete Ihn wie er kurz vor der Landung hinten im Flieger sass und gelangweilt auf den Boden sah. Michael van der K.'s Gesicht zierte ein Minibart von der Unterlippe bis zum Kinn, ca. 0.8 cm breit, die Frisur kurz, recht stylisch und mit blonden Strähnen. Alter schwer zu schätzen, vielleicht 40-45? Breites Kreuz. Kein Ohrring. Ich glaube Michael war bestimmt eine zeitlang ein Hot Shot unter den Attendants und eine ehemalige Legende, bis ihn irgendein Malheur unterlief und er fortan auf die City Line Route ausgemustert wurde. Zu gerne hätte ich ihn gefragt.

Überall, sowohl im Flugzeug als auch in den Wartehallen waren die Menschen damit beschäftigt an einem kleinen Gerät herumzuspielen, nämlich dieser kleine berühmte mp3 Player mit den weissen Kopfhörern. Unfreiwillig konnte ich sie dabei beobachten: Keiner hörte ein Stück ganz, sondern alle, wirklich alle waren damit beschäftigt an dem Rad herumzudrehen und sich durch die Tracks zu zappen und diese und jene Einstellung zu verändern. Ich erinnere mich: Zu meiner Jugendzeit gab es diese tragbaren Kassettenspieler auch Walkman (Copyright) genannt. Man war gezwungen ein Stück oder die Kassette zu hören, die einzigen Möglichkeiten an dem Ding herum zu spielen waren Bass und Treble Einstellung bei den etwas komfortableren Geräten. Aber heute wird gedreht, geklickt und hin- und her geschoben bis die Finger glühen. Der Mensch ist so leicht manipulierbar. Und was ist schon Musik in heutigen Tagen?

Ich kann gut verstehen, warum sich Phillip K. Dick u.a. mit der menschlichen Erinnerung beschäftigt hat. Nach diesen so ereignisreichen Wochen muss man betrübt feststellen, dass sie Vergangenheit sind und trotz aller Bilder die man gemacht hat, ist das was im Gehirn gespeichert und verarbeitet wurde kostbarer als alles digitale. Ohne Equipment kann man sich die Bilder auf der körpereigenen Festplatte so oft man will an die Oberfläche holen und das ohne Datenverlust, oder doch? Was sind Erinnerungen wert?

Ich war gestern nachmittag wieder bei dem Händler der 'Lebensmittel liebt'. An meiner geliebten Fleischtheke wurde ich mit regungslosem Gesicht nach einer monotonen Begrüssung gefragt was ich haben wolle. Ich war geschockt, fing mich aber schnell. Mein Blick wanderte auf ein Holztablett in der Auslage auf dem vermutlich Mettwurst in Scheiben und verschiedenen Farben und Formen angerichtet war:

"Was ist das da für Wurst, bzw. Mettwurst, gibt es da Unterschiede?"

Ungeduldig fuchtelte die Verkäuferin mit der Gabel über dem Brett herum und meinte barsch und genervt:

"Das ist alles Mettwurst, was wollen Sie denn jetzt haben ...?"

Ich war zu müde um mich mit denen, die "vor" gesetzt sind auseinander zu setzen, bestellte, packte in den Wagen und ging ohne ein weiteres Wort.

Welcome back in town.

Da fällt mir noch ein:"Lieselotte Pulver" erzählte mir am letzten Tag, dass Sie aus St. Petersburg käme und mit der Freundlichkeit der Amerikaner absolut nichts anfangen könne, es sei alles oberflächlich und künstlich, sowie aufgesetzt ... .

R.D.

Bildquelle: businessweek.com 

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