Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog

www.lomax-deckard.de

www.lomax-deckard.de

Musik, Kino, Kultur und Radiosendung musikabend 674.fm


Eine Nacht in Köln

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 4. November 2010, 19:55pm

Kategorien: #Kommunikation

trash.png

Die Devise war klar: berufliches mit privatem (Konzert) verbinden und ökonomisch haushalten. Dieses Mal wollte ich auf den gewohnten Standard bei der Übernachtung verzichten und buchte ein Billighotel. Die Bilder vom Hotel luden zum Übernachten ein, die Bewertungen von gut bis miserabel. Warum nicht?

Ich stieg aus dem Taxi und atmete Grossstadtluft, sah auf das Gebäude. Eine grosse Front mit Glastüren, hell erleuchtet, davor einige Typen die sich unterhielten. Über der Tür in grossen blauen Neonlettern der Name des Hotels. Ich ging durch die grosse Glastür und wurde von 3 Frauen Marke 'RTL II Zuschauerinnen' begutachtet. Ich befand mich inmitten eines Nagelstudios. Der Eingang zum Hotel befindet sich nebenan teilte man mir grinsend mit. Peinlich.

Die Tür nebenan war kleiner, weiss und führte mich in einen Flur. Sauber. Fussboden mit Schachbrettmuster. Bilder. Ich ging die knarzenden Treppen hoch. Es war still. An der "Rezeption" angekommen, die aus 2 Holzstühlen und einem Holztisch bestand war keiner. Dahinter führte eine offene Tür vermutlich in den Frühstücksraum. Ich blickte um mich. Rechts an der Wand ein alter Münzfernsprecher mit der Aufschrift: 'Wenn die Rezeption nicht besetzt ist und das Telefon klingelt gehen Sie bitte an den Apparat!' Praktisch, der Gast als Mitarbeiter.

In einer Nische neben dem Tisch ein Vertrauen erweckender Safe neben einer Glasvitrine mit Kunstobst und 2 Buddha Statuen. Ich ruhte in mir und wartete. Plötzlich ein weiterer Gast nervös mit seinem Schlüssel raschelnd links neben mir. Ah! Da kam jemand von hinten. Ich will ihn mal S. nennen. S. hatte rote Haare, Apfelbäckchen, eine piepsige Stimme, war untersetzt und trug eine Brille aus den 70'ern sowie einen akkurat getrimmten Oberlippenbart. S. und der Gast unterhielten sich in einer Sprache, die ich nie zuvor gehört habe in meinem Leben. Der Gast ging und S. fragte mich etwas in der gleichen Sprache. Ich verstand natürlich nichts und gab zu erkennen, dass ich ein Zimmer gebucht hätte.

Er entschuldigte sich und wir einigten uns auf Wörter mit indogermanischen Wurzeln. Er ging weg um die Unterlagen zu holen und machte mich darauf aufmerksam, dass die Stadt Köln jetzt eine Gebühr erheben würde für Übernachtungen. Es schien ihm sichtlich peinlich. Ich fragte was ich zu zahlen hätte, da ich dieses 'Check In Ritual' gerne schnell hinter mich bringe. Was dann folgt war bizarr. S. nannte mir die Summe, die ich sogleich erstatten wollte. "Nein, Nein! Ich muss erst den Netto Betrag ausrechnen. Setzen Sie sich!" S. holte einen Taschenrechner mit Papierrolle aus der Schublade und fing an Zahlen einzugeben, dabei verrechnete er sich mehrere male und alles ging von vorne los.

Mittlerweile war ich bereits 10 min an der "Rezeption". Auf einem Vordruck schliesslich wurde eine Summe unten links handschriftlich eingetragen. Sie entsprach exakt der Summe, die S. zu Anfang nannte. In Mathematik war ich schon immer schlecht, daher versuchte ich erst gar nicht den Rechenweg nachzuvollziehen. S. begleitete mich eine Treppe höher in mein Zimmer. Links im Flur, die Nummer 6. Die Klinke war lose und ich erkannte Kratzspuren an den Schrauben, die die Fassung der Klinke zusammenhielten. Angst kenne ich nicht, aber Respekt habe ich schon.

Das Zimmer bestand aus einem Bett mit weicher, weisser sauberer Bettwäsche, einem Bonbon auf dem Laken und einer Dusche mit durchsichtigen Türen in der Ecke, einem Stuhl, einem Schrank, einem Fernseher. Wo zum Teufel war das Waschbecken? S. machte mich darauf aufmerksam, es befände sich mit den Örtlichkeiten eine Etage tiefer auf dem Flur. Wow!

Auf dem Fernseher stand eine Flasche Piccolo Marke 'Trink und Du bekommst garantiert Kopfschmerzen!', sowie ein grüner Korb aus Plastik mit Obst von dem ich nicht so recht wusste, ob echt oder falsch. In der Dusche dann eine Fügung des Schicksals. Der Duschgelspender war (kein Scherz) betitelt mit 'Tricky Ricky'. Na also! 

Nach dem Konzert hatte ich Hunger und ging zum Bahnhof, es war zu spät für die Küche eines Restaurants. Ich kaufte ein Salami Brötchen, die neueste Ausgabe des Empire und ging zum Ausgang. Am Bahnhof in Köln gibt es diesen kleinen Kiosk zum Dom Ausgang hin gelegen. Ich kaufte eine Flasche Multivitaminsaft und bekam zu wenig Wechselgeld. Ausgehend von der Tatsache, er hätte sich verrechnet forderte ich, entgegen meiner sinnlosen Gewohnheit grosszügig auch an solchen Orten Trinkgeld zu lassen, den Rest und wurde angeschrien. "Moment noch!" Widerwillig landete ein paar 10 Cent Stücke in meiner Hand.

Ich hatte keine Lust zu laufen und fuhr mit dem Taxi zurück. Der Fahrer redete mit sich selbst als ich einstieg und das Ziel nannte und es hörte sich so an, als würde er schimpfen und fluchen ... .

Zurück im Hotel. Ich glaube ich war der einzige Gast. Stille. Überglücklich und beseelt vom Konzert schlief ich ein.

Am nächsten Morgen ging ich nach einer erstklassigen Dusche mit 'Trick Ricky' in den "Frühstückssaal". S. war weg, dafür stand M. hinter der Theke. Meine Zimmernummer wollte er gar nicht erst wissen. Alles was das Herz begehrt in kleinen Päckchen auf dem Tresen. Kontinentalfrühstück der Extraklasse. Auch hier war keiner ausser mir. Den Schlüssel schmiss ich wie aufgefordert in den Briefkasten und ging hinaus. Kein 'Auf Wiedersehen' etc., M. war plötzlich verschwunden.

Ich ging zu Fuss Richtung Bahnhof und dachte nach als ich die Berufstätigen auf dem Weg zur Arbeit beobachtete. Trotz Trash Elementen war das Hotel gar nicht übel. Ich hatte meine Ruhe, Frühstück war O.K. und auch der Schlaf wurde nicht gestört. Wenn man dann vergleicht, was man sonst für Preise in den Hotels bezahlt, kann einem schwindelig werden und fragt sich wofür? Ist der Komfort diese Differenz wirklich wert?

Am Bahnhof beobachtete wie ein Mann schreiend und fluchend eine Frau ihre Arme auf den Rücken verschränkend zur Polizei bei den Taxis brachte. Ein andere Frau fuhr mit ihrem Fahrrad hinterher und forderte die Polizei in Stadionlautstärke auf dem ein Ende zu bereiten.

Ich machte ein Bild vom Dom.

Williams klang noch immer in meinen Ohren.

Man muss immer etwas anderes versuchen dachte ich. Routine ist langweilig. Andererseits freue ich mich nächste Woche wieder auf mein gewohntes Hotel, obwohl ich da nie Fernsehen sehe, niemals das Schwimmbad benutze oder in die Chill-Abteilung gehe und jeden Morgen in etwa das gleiche frühstücke. Der Grund warum ich da doch wieder hingehe ist die Bar und das angegliederte Restaurant. Das ist etwas was ich am Abend niemals missen möchte: essen und danach einige Drinks in gepflegter Atmosphäre.

Gruss,

Tricky Ricky

Blogarchive

Soziale Netzwerke

Neueste Posts