Highest 2 Lowest von Spike Lee

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  7. September 2025, 14:49

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In Showdown, dem entscheidenden Dialog zwischen Opfer Denzel Washington und Täter A$AP Rocky, kippt die Szene plötzlich. Rocky spricht nicht als Gangster, sondern als Fanboy, der sein Idol seit Jahrzehnten verfolgt – jedes Buch, jedes Interview, jedes Album. Die Story selbst ist hier nebensächlich. Entscheidend ist Washington, der ihm gegenüber sitzt. Dieses Gesicht, diese mimische Genialität – ein Blick, der mehr sagt als jede Zeile Drehbuch. Man spürt: Lee und Washington haben das geprobt, geformt, gefeilt.

 

Für das normale Publikum ist es Spannung. Für jemanden wie mich, der Spike Lee seit Beginn folgt, ist es eine Mahnung. Ein Schlag ins Herz, ins popkulturelle Gedächtnis. Keine Flucht in die ewigen Lamentos über KI, über das angebliche Ende der Kunst, über „es gibt keine guten Filme mehr“. Sondern ein Moment, der schreit: Nimm dir Zeit. Hör zu. Sieh hin. Verstehe. Kunst entsteht aus Kunst.

 

So habe ich Lees Botschaft verstanden. Und ich spüre sie so stark, wie ich sie bei kaum einem Film der letzten Jahre gespürt habe.

Highest 2 Lowest ist kein Thriller. Oder sagen wir: er ist mehr als ein Thriller. Verpackt für die Masse, ja, aber für uns – seine Jünger, seine Fans – ist es ein popkulturelles Meisterwerk. Weder Story noch klassische Dramaturgie sind der Star. Nicht einmal Denzel Washington, nicht New York – obwohl die Stadt hier so zentral ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

 

Spike Lee zeigt uns in jeder Einstellung, dass Liebe – zu Menschen, zu Kunst, zu sich selbst – nur durch Referenzen und Erinnerungen existieren kann. Geteilt wird sie erst dann real. Und das kann pures Glück sein.

 

Die Hauptrolle spielt das Apartment der Familie King in Brooklyn. Blick aus dem Olympia Dumbo, drei Stockwerke, Penthouse mit Skyline. Architektur wie ein Traum, Kunst wie ein Archiv der amerikanischen Seele: Basquiat, Warhol, Yankees, Basketball, Jazz, Hip-Hop. Für mich war es unmöglich, die erste Hälfte ohne Pause durchzusehen. Immer wieder musste ich stoppen, staunen, verweilen.

Und dann diese zweite Ebene: Lees ständige Erinnerung, dass das amerikanische Kino nur durch das europäische existiert. Zitate an Surrealismus, Nouvelle Vague, an Wenders, an Fassbinder. In einer Übergabesequenz am Yankee Stadium erklingt lateinamerikanische Musik, die im Finale in atonale Moll-Akkorde zerfällt. Großartig, weil sie unsere Erwartung dekonstruiert: Salsa ist nicht immer nur Freude.

 

Die Musik steht im Zentrum. Hip-Hop, Jazz, Stevie Wonder, Run DMC. Alles verwoben, alles kontextualisiert. Wer sich die deutsche Übersetzung gibt, verpasst das Wesentliche.

 

Und so sitze ich hier, mein Herz hüpft seit Tagen, Tränen laufen mir, wenn die Skyline auftaucht und das Label 40 Acres and a Mule eingeblendet wird. Lees Mahnung kam an.

 

Objektiv? Unmöglich. Aber das hier ist auch keine Kritik, sondern ein Geständnis. Ich habe diesen Film zweimal hintereinander gesehen und würde es wieder tun. Ich empfehle ihn jedem, der bereit ist zu begreifen: Hiphop existiert nicht ohne Jazz. Thriller nicht ohne Western. Truffaut nicht ohne amerikanisches Kino. Alles hängt zusammen.

Doch Spike Lee sagt auch: Es reicht nicht, ständig zu entschlüsseln. Wir brauchen neue Schlösser. Wir müssen zurück zu den Roots. Raus aus der grauen Zitatenhölle der digitalen Industrie. Apple, Amazon, Disney – niemandem ein Vorwurf, aber allen eine Erinnerung: Ihr seid verletzlich, wenn ihr vergesst, woher das alles kommt. Von uns Menschen. Von unserer Liebe zur Kunst.

 

Es gibt ein paar Fragen in diesem Film, zu denen ich keine Antwort finde und die mir vielleicht jemand erklären kann, der das verstanden hat: 

 

1.) Wehalb hat Spike Lee Howar Drossin als Komponist des Scores arrangiert, der zudem ein irisches Leitmotiv verwendet? Das erschliesst sich mir einfach nicht. 

2.) Zu Beginn sehen wir Trey ein grünes Stirnband tragen, welches eindeutig auf die Boston Celtics verweist. Spike Lee ist der grösste New York Knicks Fan der Welt. Wie ist diese Metapher zu verstehen?

 

Highest2Lowest ist ein Remake. Spike Lee greift Kurosawas High and Low – ein Werk, das den Kapitalismus und die postmoderne Gesellschaft Japans seziert.. Wirtschaft und Kriminalität, Macht und Moral, alles miteinander verwoben. Kurosawa erzählte von Gondo, einem Manager von National Shoes, der gegen die Logik der Profitmaximierung kämpft und dabei zwischen Anstand und ökonomischem Druck zermahlen wird. Als das Kind des Chauffeurs entführt wird, eskaliert alles zum ultimativen Klassenkonflikt. 

 

Spike Lee übersetzt das in die Gegenwart Amerikas. Brooklyn statt Yokohama, Hip-Hop statt Jazz-Kanonen, Denzel statt Mifune. Aber die Konflikte bleiben dieselben: Kapitalismus, Gier, Ungerechtigkeit, Klassenhass. Lee zitiert nicht, er transformiert. Er macht aus Kurosawas Kapitalismuskritik ein popkulturelles Mahnmal, das in seiner Energie und Wucht der Gegenwart ins Gesicht schlägt. Vielleicht das lang gesuchte Meisterwerk unserer Zeit. Ich bin gespannt, ob der Streifen nachhaltigkeit bei mir erweist. Erstmal aber ist enorm präsent.

Renovierend aus dem Olympia Dumbo - Brooklyn New York City

Alan Lomax

 

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