Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  16. Juli 2026, 09:56  -  #Haldern Pop Festival Line-Up, #647FM, #konzerte, #festivals

Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau

Unsere Radioformate MUSIKABEND, Recording Trips und Der Räuber und der Prinz präsentieren 674FM wie gewohnt auf dem Haldern Pop Festival 2026

Wir freuen uns sehr, wieder vom 6.–8. August 2026 (nunmehr bereits seit 2019) als das offizielle Festivalradio beim HALDERN POP zu sein und auch seitdem bei uns die monatliche Sendung der Festivalmacher LIEDGUT bei uns präsentieren zu können (jeden 1. Donnerstag im Monat um 16 Uhr).

In diesem Jahr streamen wir live zahlreiche Konzerte aus dem legendären Spiegelzelt. Hier wird in Haldern jedes Jahr die vermeintliche Nebenbühne zur Hauptbühne, weil es atmosphärisch nicht in Worte zu fassen ist.

Das Zelt aus dem 19. Jahrhundert wird dominiert von Holz, Spiegelglas, Samt und umlaufenden Buntglasfenstern, die es zu einem spektakulären Lichtspielhaus im besten Sinne machen, geprägt wird all das aber von den wunderbaren Menschen, die Haldern seit Jahrzehnten vertrauen.

Die Base für 674FM wird der Backstagebereich des Spiegelzelts sein, von dort berichten wir live und direkt auf einem Extra Channel. Hier ist der Link für den Stream: audio.674.fm/event

Das Programm wird hier aktualisiert, sobald es steht (Stand 16.07.2026).

Doch zunächst die sehr subjektive Vorschau von Alan Lomax (Oliver Jörns)

Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau

"Einer sich selbst kopierenden Welt gehen die Originale aus" (Haldern Pop Festival)

 

 

Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
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Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
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Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau

 

Diese Vorschau auf das geliebte Festival am Niederrhein ist wie immer etwas anders als die anderen. Das liegt zum einen daran, dass wir diese Veranstaltung seit 1999 mit Herz, Leidenschaft und einer gewissen irrationalen Treue besuchen. Zum anderen dürfen wir seit 2019 mit unserem kleinen, aber ziemlich feinen Undergroundradio 674FM das offizielle Festivalradio sein.

Diesmal reisen die 674FM-Formate Recording Trips, Der Räuber und der Prinz nd jenem legendären musikabend, mit dem wir alle auf die eine oder andere Weise verschwägert, verbrüdert oder zumindest musikalisch vorbestraft sind.

Das 43. Haldern Pop Festival findet vom 5. bis zum 8. August 2026 statt. Wir senden vom 6. bis zum 8. August live aus Haldern und freuen uns, nun schon seit 2019 Teil dieses eigensinnigen, liebenswerten und erstaunlich unabhängigen Organismus zu sein. Zusätzlich präsentieren die Festivalmacher seit Jahren ihre monatliche Sendung Liedgut bei 674FM – jeden ersten Donnerstag im Monat.

In diesem Jahr streamen wir zahlreiche Konzerte live aus dem legendären Spiegelzelt. Dieses Zelt ist in Haldern längst die eigentliche Hauptbühne, selbst wenn es auf den Lageplänen anders aussieht. Seine Atmosphäre ist kaum vernünftig zu beschreiben. Hier gibt es Menschen, die sich noch auf eine Band einlassen, deren Namen sie am Vormittag nicht kannten. Menschen, die tatsächlich zuhören, statt während des Konzertes fünfzehn verwackelte Hochkantfilme herzustellen.

Unsere 674FM-Base befindet sich im Backstagebereich des Spiegelzeltes. Näher kommt man dem Herzschlag des Festivals kaum. Wir berichten live und direkt auf einem eigenen Eventkanal. Das konkrete Programm wird dort aktualisiert, sobald unsere endgültigen Sendezeiten und Konzertübertragungen feststehen.

Die Sache mit den Originalen

Das Editorial des Festivals beschreibt das Line-up mit einem Satz, der hängen bleibt:

„Einer sich selbst kopierenden Welt gehen die Originale aus.“

Das ist kein leichtfertig dahingeschriebener kulturpessimistischer Kalenderspruch. Es ist eine ziemlich präzise Lagebeschreibung einer Zeit, in der Musik, Film, Medien und Kunst immer stärker nach bereits ausgewerteten Mustern organisiert werden. Datenbanken sagen voraus, welcher Song funktionieren könnte. Algorithmen erklären uns, was wir als Nächstes hören sollen. Veranstalter bauen ihre Programme aus denselben verfügbaren Namen zusammen, weil dieselben Namen vermeintlich dieselben Sicherheiten versprechen.

So entstehen Festivals, die aussehen, als seien sie von einer einzigen internationalen Bookingagentur mit Müdigkeitserscheinungen kuratiert worden. Dieselben Headliner, dieselben Logos, dieselbe häufig erschreckend männliche Hierarchie und dieselbe vorsichtige Vorstellung davon, was ein Publikum angeblich verkraften kann.

Stefan Reichmann stemmt sich mit seinen Möglichkeiten, seinen Argumenten und seiner beinahe unvernünftigen Leidenschaft dagegen. Nicht, weil Haldern in einem Wettbewerb mit den großen europäischen Festivals gewinnen müsste. Haldern nimmt an diesem Wettbewerb im Grunde gar nicht teil. Trotzdem ist ein fabelhaftes, vielseitiges und aufregend widersprüchliches musikalisches Tableau entstanden, das sich der Mutlosigkeit vieler Mainstreamprogramme verweigert.

Und das geschieht nicht erst jetzt als strategische Gegenmaßnahme. Es gehört seit der Erfindung dieses Musikfestes zu seiner DNA. In Haldern ging es immer darum, Momente zu schaffen – mit großen Namen, mit unbekannten Bands und sehr häufig mit Künstlerinnen und Künstlern, die erst Jahre später auf den Hauptbühnen der Welt auftauchten.

Muse, Franz Ferdinand, Kelis oder Kings of Leon waren irgendwann einmal keine sicheren Headliner, sondern eine Behauptung, eine Ahnung, ein vielleicht etwas riskanter Gedanke.

Genau damit wären wir wieder bei den Originalen.

Surfen wir also einmal durch dieses Line-up. Mit kleinen Gedankenspielen, persönlichen Vorlieben und der unvermeidlichen Gefahr, etwas Entscheidendes zu übersehen. Bei dieser Vielfalt ist es unmöglich, alles zu sehen. Und vielleicht ist genau das der Sinn. Ein Festival ist schließlich kein Netflix-Abo, das man bis zum Abspann vollständig abarbeiten muss.

Wiedersehen, Legenden und wahrscheinliche Wunder

Sportfreunde Stiller

Wir freuen uns sehr auf die Sportfreunde Stiller. Wer 1999 dabei war, wird sich erinnern – oder die Erinnerung zumindest etwas unzuverlässig aus der letzten Gehirnhälfte hervorholen. Die Münchner spielten damals nicht als Vorband der fabelhaften Beta Band, sondern mittags in einem ziemlich öden Schützenzelt. Das Spiegelzelt gab es noch nicht.

Die Sportfreunde wurden zu jener Zeit von einigen Jugendmusikzeitschriften als körperlicher, unverkrampfter Gegenentwurf zu den angeblich verkopften Tocotronic aufgebaut. Die Industrie wollte offenbar einen deutschen Blur-gegen-Oasis-Konflikt herstellen. Den Sportfreunden war das vermutlich egal. Tocotronic wahrscheinlich auch. Und allen Menschen, die bei gefühlten 40 Grad in diesem Zelt standen, erst recht.

Denn es war unglaublich. Die Kraft einer jungen Indieband im besten Sinne: positive Leidenschaft im Bein und im Herzen, die Wellenreiter-EP im Gepäck – eines der schönsten kleinen Geschenke einer deutschsprachigen Band an die Popkultur.

Nun kommen sie zurück. Und eines ist noch wie damals: Es ist egal, in welchem Team du spielst und welche Band du supportest. Hier geht es um Musik, Freundschaft und den kurzen Moment, in dem ein mäßig begabter Tänzer trotzdem glaubt, das Spiel seines Lebens zu machen.

 

Asaf Avidan

Auch Asaf Avidan war bereits 2009 in Haldern. Seitdem hat sich viel verändert: in seiner Heimat Israel, in der Weltpolitik und vermutlich auch in jedem Menschen, der seine Stimme einmal ernsthaft gehört hat.

Er schreibt Lieder mit der Melancholie eines alten Geschichtenerzählers und singt mit einer Stimme, bei der man zunächst nicht versteht, aus welchem Körper sie eigentlich kommt. Ein Künstler, der Leonard Cohen, Robert Plant und einen ziemlich gefährlichen Cabarettänzer in einer Person zusammenbringen kann (New York Times).

Ein echter Star, wie er im Buche steht – aber eben in einem Buch, das in den vergangenen Jahren kaum noch jemand zu schreiben wagte.

 

The Notwist

Mit Bands, die wir lange kennen, und Liedern, die wir sehr oft gehört haben, passiert nach einer gewissen Zeit etwas Besonderes. Sie verändern ihre Wirkung. Mal werden sie größer, mal faszinierender, manchmal leider auch langweiliger.

Bei The Notwist verändert sich meistens der ganze Raum. Ihre Konzerte besitzen diese seltene Fähigkeit, gleichzeitig konzentriert, fragil und körperlich zu sein. Vielleicht ist das die bedeutendste deutsche Gegenwartsband, die sich selbst nie wichtig genug genommen hat, um sich als solche ausrufen zu lassen.

The Notwist verändern alles. Manchmal sogar Menschen.

 

Bonnie „Prince“ Billy

Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy ist eine Legende, ein kauziger Anti-Star und musikalisch kaum vernünftig zusammenzufassen. Dass er nach Haldern kommt, ist für mich eine kleine Sensation.

Er spielt in der Kirche. Das ist famos und wird zugleich einige Menschen traurig machen, weil sie nicht hineinkommen werden. Für diejenigen, die einen Platz finden, könnte es unvergesslich werden. So weit lege ich mich schon einmal auf den Altar.

Dieser Mann kann in einem miserablen Clownskostüm auftreten und trotzdem die schönsten und dunkelsten emotionalen Momente erzeugen.

Vielleicht sogar gerade deshalb.

 

Black Country, New Road

Bei Black Country, New Road ist die erste Geschichte längst erzählt worden: der rasante Aufstieg, ein Album, das ganze Indie-Jahrgänge in kollektive Verzückung versetzte, der Abschied des Sängers Isaac Wood und die Entscheidung der verbleibenden Band, nicht einfach so weiterzumachen wie zuvor.

In ihrer neuen Form klingt die Gruppe nicht wie die notdürftig reparierte Version ihrer Vergangenheit, sondern wie eine Band, die sich selbst noch einmal erfunden hat.

Wir Älteren warten schließlich nicht nur auf Wiederholungen unserer Lieblingsgeschichten. Wir warten auf neue.

 

Geordie Greep

Geordie Greep war Frontmann von Black Midi und hat mit seinem Soloalbum The New Sound eine überdrehte Mischung aus Prog, Jazz, brasilianischer Musik, Lounge und groteskem Musiktheater erschaffen.

Das kann brillant, anstrengend, komisch und vollkommen wahnsinnig zugleich sein. Also eigentlich genau die Art von Konzert, nach der man sich mit fremden Menschen darüber streitet, ob man gerade ein Meisterwerk oder einen musikalischen Nervenzusammenbruch gesehen hat.

 

My New Band Believe

Und damit kommen wir zwangsläufig zu My New Band Believe, dem neuen Projekt von Cameron Picton, der bei Black Midi Bass spielte, sang und neben Geordie Greep einen wesentlichen Teil dieser einzigartigen Bandgeschichte schrieb.

Pictons selbst betiteltes Debütalbum erschien im April 2026 bei Rough Trade und geht einen deutlich akustischeren, melodischeren und trotzdem eigensinnig verschachtelten Weg. Wo Greep das große, überdrehte Musiktheater sucht, zieht Picton die Musik zurück auf Gitarren, Streicher, Klavier, Stimmen und seltsame kleine Geschichten.

Wie zerstritten Picton und Greep tatsächlich sind, wissen vermutlich nur die beiden selbst. Fest steht, dass Picton von Greeps öffentlicher Erklärung über das vorläufige Ende von Black Midi ziemlich überrumpelt wurde. Freundschaftlich und abgestimmt klang das alles jedenfalls nicht.

Hoffen wir also, dass die Festivalplanung zwischen Geordie Greep und My New Band Believe genügend Bühnen, Spiegel, Kirchenmauern und gegebenenfalls Sicherheitspersonal vorgesehen hat.

Oder sie laufen sich doch über den Weg, trinken ein Bier und gründen aus Versehen Black Midi neu.

Haldern hat schon unwahrscheinlichere Dinge möglich gemacht.

 

Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
Haldern Pop Festival 2026 – Vorschau
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Der Sirenengesang

In Homers Odyssee lässt Odysseus seinen Männern die Ohren mit Wachs verschließen, damit sie dem Gesang der Sirenen nicht verfallen. Sich selbst lässt er an den Mast seines Schiffes binden. Er möchte den Gesang hören, ohne seiner Schönheit und seiner tödlichen Gefahr ausgeliefert zu sein.

Er bestimmt damit das Schicksal seiner Mannschaft und kontrolliert zugleich seine eigene Freiheit. Auf den Moment der Wahrheit will er dennoch nicht verzichten.

Das ist eine wunderbare Metapher für Konzerte, Kuration und künstlerische Freiheit vor einem Publikum, das sich häufig kaum gegen das wehren kann, was ihm vorsortiert wird.

Manche hören nichts, weil ihre Ohren längst mit den immer gleichen Empfehlungen verschlossen wurden. Andere hören zwar alles, können sich aber nicht mehr bewegen, weil sie an die Erwartungen ihrer eigenen musikalischen Vergangenheit gefesselt sind.

Haldern versucht zumindest, das Wachs herauszunehmen.

Stimmen, Gitarren und kommende Geschichten

 

Heidi Curtis

Heidi Curtis wird bereits als neue Stevie Nicks gehandelt, was für eine junge Musikerin vermutlich zugleich Kompliment und unnötige Belastung ist.

Ihre Stimme besitzt jedenfalls diese seltene Mischung aus klassischem Rockpathos, Folk-Zartheit und einer Dringlichkeit, die nicht aus dem Marketinghandbuch kommt. Sie singt über Liebe, Verlust und das Erwachsenwerden, ohne dabei wie eine Motivationskarte aus einem Buchladen zu klingen.

 

The 113

The 113 haben wir nicht erst auf irgendeiner Playlist entdeckt. Wir sahen sie bereits vor einigen Wochen in der Haldern Pop Bar – dort, wo Bands noch unmittelbar vor einem stehen und man sich nicht hinter einem strategisch hochgehaltenen Smartphone verstecken kann.

Sie haben uns sehr gut gefallen.

Ihr dunkler, nervöser Post-Punk erzählt von Überwachung, Daten, Kontrolle und dem diffusen Unbehagen eines Lebens, das längst von Systemen beobachtet wird, die angeblich nur unseren Komfort verbessern möchten.

In der Pop Bar funktionierte diese Mischung bereits hervorragend. Auf dem Festival dürfte sie noch bedrohlicher, größer und körperlicher werden.

 

Cardinals

Die aus Cork kommenden Cardinals verbinden Post-Punk, große Melodien und eine beinahe sakrale Düsternis.

Das Akkordeon ist bei ihnen kein folkloristisches Dekor, sondern ein seltsam melancholisches Störgeräusch. Genau deshalb könnte diese Band im Spiegelzelt besonders gut funktionieren.

 

Westside Cowboy

Westside Cowboy aus Manchester nennen ihre Mischung aus britischem Indie, Folk, Americana und gemeinschaftlichem Gesang „Britainicana“.

Solche Wortschöpfungen können furchtbar sein. Hier trifft sie die Sache aber ziemlich gut. Die Songs wirken noch nicht wie der sauber geplante Beginn einer Karriere, sondern wie vier Menschen, die gemeinsam herausfinden wollen, wie weit sie ihren eigenen Sound treiben können.

 

Adult DVD

Adult DVD sind uns bereits beim Zeitgeist Festival in Nijmegen aufgefallen. Eine Band aus Leeds, die Dance-Punk, Synthesizer, Euphorie und trockenen britischen Humor so verbindet, dass selbst Müdigkeit irgendwann wie eine freiwillige Entscheidung aussieht.

Wer nachlesen möchte, wie das damals war, findet die ausführliche Zeitgeist-Review selbstverständlich auf dem Alan-Lomax-Blog.

Adult DVD gehören zu jener Sorte Band, bei der man nur für zwei Lieder bleiben möchte und anschließend vollständig verschwitzt darüber diskutiert, weshalb eigentlich nicht jedes Konzert gleichzeitig Indie-Disco sein darf.

Vielleicht können LCD Soundsystem irgendwann beruhigt in Rente gehen.

Noch nicht. Aber irgendwann.

 

Friko

Das Chicagoer Duo Friko spielt Indie-Rock, der gleichzeitig vertraut und gefährlich instabil wirkt. Ihre Songs können innerhalb weniger Minuten vom beinahe klassischen Popstück in einen emotionalen Kontrollverlust kippen.

Man hört darin die große amerikanische College-Rock-Geschichte, aber eben nicht als nostalgisches Kostüm. Eher wie einen alten Film, der plötzlich eine neue Schlussszene bekommen hat.

 

Tyler Ballgame

Tyler Ballgame heißt eigentlich Tyler Perry, stammt aus Rhode Island und hat sich vom jahrelang zweifelnden Songwriter in eine große, beinahe altmodische Bühnenfigur verwandelt.

Seine Stimme bewegt sich zwischen tiefem Bariton, Falsett, Roy Orbison, Harry Nilsson und einem Opernsänger, der aus Versehen in einem amerikanischen Indieclub aufgewacht ist.

In einem Interview beschrieb er, wie ihn die Bühne aus einer langen persönlichen und kreativen Erstarrung befreite. Das amerikanische Magazin FLOOD schildert seine Stimme als gleichzeitig unbeschreiblich und unvergesslich. Die US-amerikanische Presse bringt es an anderer Stelle noch direkter auf den Punkt:

„There is simply no one like this dude in music.“

Das ist natürlich eine große Behauptung. Aber Tyler Ballgame wirkt tatsächlich wie jemand aus einer anderen Zeit, der versehentlich in unserer gelandet ist.

Pathos ohne Ironie, Entertainment ohne Zynismus und ein Sänger, der noch daran glaubt, dass eine Bühne nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Ort der Verwandlung ist.

 

Frankie and the Witch Fingers

Frankie and the Witch Fingers sind eine psychedelische Garage-Rock-Maschine aus Kalifornien.

Das klingt nach langen Haaren und noch längeren Gitarrensoli, ist aber deutlich hektischer, schmutziger und moderner. Eine Band, die vermutlich keine komplizierte Einladung zum Tanzen verschickt.

Sie tritt einfach die Tür ein.

 

Horse Lords

Die amerikanischen Horse Lords bauen aus Polyrhythmen, Gitarren, Minimal Music und mathematischer Präzision einen Sound, der theoretisch kühl wirken müsste, live aber erstaunlich körperlich wird.

Musik für Menschen, die gleichzeitig tanzen und darüber nachdenken möchten, warum der Takt gerade an einer Stelle vorbeigelaufen ist, an der er eigentlich hätte stehen bleiben müssen.

 

Hex Girlfriend

Hinter Hex Girlfriend stehen James Knott und Noah Yorke – Letzterer ist tatsächlich der Sohn von Radiohead-Sänger Thom Yorke.

Das ist biografisch interessant und wird vermutlich in jeder zweiten Ankündigung erwähnt werden. Musikalisch wird es nach wenigen Minuten ziemlich nebensächlich. Gemeinsam verbinden sie Rave, Elektronik, Punk und Heavy Rock zu einer überdrehten Parallelwelt, die eher nach Kontrollverlust als nach väterlicher Traditionspflege klingt.

Das könnte spät in der Nacht einer jener Haldern-Auftritte werden, bei denen niemand mehr genau weiß, ob gerade ein Konzert, eine Clubnacht oder die Kernschmelze einer Playstation stattfindet.

Noah Yorke muss hier nicht beweisen, dass er der Sohn von irgendjemandem ist. Es reicht vollkommen, wenn Hex Girlfriend uns für eine knappe Stunde vergessen lassen, wer wir selbst sind.

 

The Sick Man of Europe

Schon der Name The Sick Man of Europe klingt wie eine Band, die nicht für den vergnüglichen Nachmittagstee gegründet wurde.

Ihr minimalistischer, kalter Post-Punk erinnert daran, dass Wiederholung nicht automatisch Ideenlosigkeit bedeutet, sondern auch Hypnose erzeugen kann.

Sie spielen Musik wie ein schlecht beleuchteter Flur, an dessen Ende garantiert nichts Beruhigendes wartet.

 

1000 Rabbits

1000 Rabbits sollten auf keiner persönlichen Haldern-Liste irgendwo im Kleingedruckten auftauchen.

Die britische Band bewegt sich zwischen verspieltem Art-Pop, Geige, Rhythmuswechseln und explosivem Post-Punk. Ihre erste offizielle Veröffentlichung Virgin Soil erschien 2026 über Young – jenes Labelumfeld, das immer wieder Künstlerinnen und Künstler entdeckt, bevor aus einer interessanten Idee eine größere Geschichte wird.

Virgin Soil beginnt beinahe vorsichtig und wächst langsam zu einem heulenden, taumelnden Finale heran.

Genau diese Mischung aus Groove, kontrolliertem Chaos und jugendlichem Größenwahn macht 1000 Rabbits zu einer der Bands, die man jetzt sehen sollte – bevor später wieder alle behaupten, sie hätten natürlich schon immer von ihnen gewusst.

 

GANS

GANS reduzieren Rockmusik auf Rhythmus, Spannung und eine ziemlich effektive Form von Aggression. Kein überflüssiges Ornament, keine musikalische Tapete, kein freundliches „Schön, dass ihr alle da seid“. Vermutlich eine Band, die im Spiegelzelt nicht auftreten, sondern kurzzeitig die Statik überprüfen wird.

 

Horsegirl

Horsegirl haben Noise-Rock, Post-Punk und die beschädigte Schönheit früher Indieplatten verstanden, ohne daraus ein Museum zu machen.

Ihre Musik klingt, als würden Sonic Youth und The Raincoats gemeinsam in einer Garage proben, während draußen niemand auf die Idee kommt, sie dabei zu stören.

Das könnte tagsüber faszinierend sein. Nachts dürfte es großartig werden.

 

Silver Gore

Silver Gore sind das Londoner Popduo Ava Gore und Ethan P. Flynn. Wir kennen sie bereits aus dem Vorprogramm von Water From Your Eyes, wo sie bei 674FM gespielt haben.

Schon damals war zu hören, dass hier keine gewöhnliche Supportband auf der Bühne stand, sondern ein Projekt mit einer ziemlich klaren Vorstellung davon, wie eigenwilliger Pop im besten Fall funktionieren kann.

Ihre Musik wechselt zwischen akustischer Zerbrechlichkeit, Elektronik, merkwürdigen Geräuschen und erstaunlich großen Melodien. Silver Gore besitzen enormes Hitpotenzial, ohne so zu klingen, als hätten sie ihr Leben einem Streamingalgorithmus geopfert. Die Songs sind zugänglich, aber nie glatt, verspielt, aber nicht albern.

Und Ava Gore hat genau jene schwer erklärbare Präsenz, aus der später Popstars entstehen könnten.

 

Naïka

Naïka verbindet haitianische, französische und amerikanische Einflüsse zu Popmusik, die sich nicht dafür entschuldigt, unmittelbar und zugänglich zu sein.

Ihre Mehrsprachigkeit wirkt nicht wie ein cleveres Konzept, sondern wie eine selbstverständliche Biografie.

Haldern braucht solche Momente: Musik, die keine Szenezugehörigkeit abfragt, bevor sie einen berührt.

 

KABEAUSHÉ

Der kenianische Künstler KABEAUSHÉ verbindet Pop, Rap, Elektronik und Performance zu einer Kunstfigur, die sich bewusst jeder vernünftigen Schublade entzieht.

Das kann bunt, übertrieben, politisch und vollkommen entgrenzt werden. Vermutlich wird es Menschen geben, die sich wundern.

Das ist grundsätzlich schon einmal ein gutes Zeichen.

 

Deki Alem

Die schwedischen Zwillingsbrüder Deki Alem lassen Hip-Hop, Punk, Grunge und elektronische Musik frontal aufeinanderprallen.

Das klingt nicht nach gepflegtem Genre-Crossover, sondern nach einer Band, die sämtliche Türen gleichzeitig öffnen möchte.

Wahrscheinlich einer der Auftritte, bei denen man am nächsten Morgen merkt, dass der eigene Körper doch noch anwesend war.

 

Boko Yout

Boko Yout macht Musik zwischen Afro-Grunge, Punk und rhythmischer Unruhe. Schon dieser Begriff klingt nach einer kleinen kulturellen Explosion, und genau danach hört es sich auch an.

Das ist keine Weltmusik für Menschen, die beim Hören gern sitzen bleiben.

Das ist Weltmusik für Menschen, die verstehen, dass die Welt längst zurückschlägt.

 

Susan O’Neill

Die Irin Susan O’Neill besitzt eine Stimme, die gleichzeitig erdig, verletzlich und vollkommen unbeeindruckt von jeder Mode klingt.

Ihre Songs bewegen sich zwischen Folk, Soul und Blues, ohne sich in einem dieser Genres häuslich einzurichten.

In der Kirche dürfte das nicht einfach nur schön werden. Es könnte einer dieser stillen Haldern-Momente werden, über die später mehr gesprochen wird als über manchen Headliner.

 

Sara Parkman

Die schwedische Geigerin und Sängerin Sara Parkman verbindet traditionelle nordische Musik mit politischen, feministischen und spirituellen Gedanken.

Bei ihr klingt Folk nicht nach konservierter Vergangenheit, sondern nach einer Tradition, die sich dagegen wehrt, musealisiert zu werden.

Musik kann Erinnerung sein.

Sie kann aber auch eine sehr alte Waffe sein. Und ganz bestimmt wird diese Waffe scharf, wenn sie mit ihrem Landeskollegen, eine super tolle alte Platte von Talk Talk neu interpretiert...

 

Loney Dear

Loney Dear, das Projekt des Schweden Emil Svanängen, baut aus leisen Melodien, elektronischen Details und vorsichtigem Pathos kleine emotionale Architekturen.

Seine Musik wirkt oft zerbrechlich, ist aber stabiler, als sie zunächst erscheint. Wie ein Mensch, der sehr leise spricht und trotzdem den ganzen Raum zum Schweigen bringt.

 

Abel Ghekiere

Der belgische Multiinstrumentalist Abel Ghekiere verbindet Jazz, Folk und kammermusikalische Melancholie.

Seine Musik scheint nicht auf einen Höhepunkt zuzulaufen, sondern vorsichtig durch Erinnerungen zu wandern.

Das passt hervorragend in eine Kirche am Vormittag, wenn das Festival noch nicht ganz wach ist und die Nacht trotzdem nicht vollständig verschwunden ist.

 

Jacob Alon

Jacob Alon schreibt fragile, poetische Songs und besitzt eine Stimme, die gleichzeitig Nähe und eine seltsame zeitlose Ferne erzeugt.

Man sollte bei solchen Künstlern mit Vergleichen vorsichtig sein. Aber manchmal denkt man an Jeff Buckley, ohne dass daraus sofort eine billige Kopie entsteht.

 

Wallners

Die österreichischen Wallners machen schwebenden, dunklen Dream-Pop, der sich langsam in einen Raum legt. Ihre Musik kommt nicht auf einen zu, sondern wartet, bis man selbst einen Schritt näher tritt. Im Spiegelzelt könnte daraus ein wunderschöner Zustand zwischen Konzert, Traum und leichter Orientierungslosigkeit entstehen.

 

La Sécurité

La Sécurité aus Montreal spielen kantigen Post-Punk mit Funk, feministischer Haltung und einer erfreulichen Portion Bewegungsdrang. Das ist politisch, ohne nach Podiumsdiskussion zu klingen. Und tanzbar, ohne seine Widerhaken abzugeben.

 

Lucy Kruger & The Lost Boys

Lucy Kruger & The Lost Boys erschaffen dunkle, repetitive Musik zwischen Artrock, Spoken Word und kontrollierter Intimität.

Ihre Songs wirken manchmal wie Gedanken, die man eigentlich nicht laut aussprechen wollte. Gerade deshalb hört man besonders genau hin.

 

Marta Del Grandi

Die Italienerin Marta Del Grandi verbindet Folk, Jazz, Elektronik und experimentellen Pop zu einer Musik, die eher Landschaften zeichnet als klassische Songs abliefert.

Das ist kein Soundtrack für den schnellen Weg zur nächsten Bühne.

Das ist Musik, bei der man kurz vergessen könnte, dass es überhaupt noch eine nächste Bühne gibt.

 

Woods of Birnam

Woods of Birnam um Schauspieler und Musiker Christian Friedel verbinden Indie-Pop mit Theater, Literatur und einer gewissen kontrollierten Dramatik.

Wer Friedel nur aus Film und Fernsehen kennt, könnte überrascht sein, wie selbstverständlich er eine Rockband anführt.

Wer die Band kennt, weiß längst, dass das hier kein prominentes Nebenprojekt ist.

 

Ugly

Und dann sind da Ugly.

Die Band aus Cambridge verbindet mehrstimmigen Gesang, britischen Folk, Artrock, sakrale Schönheit und jene Form von Schmerz, die nicht wehtut, weil sie laut ist, sondern weil sie etwas erkennt, das man selbst lieber übersehen hätte.

Mit Next to Die liefern Ugly für mich den Song des Jahres.

Einen schöneren, schmerzhafteren und wundervolleren Song wird es in diesem Jahr und auf diesem Festival nicht geben. Dafür lege ich meine Hand in das legendäre Haldern-Feuer, das irgendwo unter all den Erinnerungen immer noch glimmt.

Next to Die beginnt wie eine vorsichtige Hoffnung und endet wie die Erkenntnis, dass Schönheit und Verlust keine Gegensätze sind.

Vielleicht ist das ohnehin die wichtigste Aufgabe eines guten Liedes.

Es rettet nichts.

Aber es bleibt, wenn alles andere verschwunden ist.

 

Keine Vollständigkeit, sondern Vorfreude

 

Bitte seht mir nach, dass auch diese Vorschau nicht alle Künstlerinnen und Künstler ausführlich nennen kann. Die Auswahl ist ehrlich gesagt ziemlich willkürlich, geprägt von Vorlieben, Erinnerungen, spontaner Neugier und dem, was beim ersten Hören hängen geblieben ist.

Nenne ich jemanden nicht, stellt das weder Bedeutung noch Qualität infrage.

Im Gegenteil.

Vielleicht liegt der größte Haldern-Moment auch 2026 wieder bei einer Band, deren Namen wir heute noch falsch aussprechen und die wir nur deshalb sehen, weil es regnet, ein anderes Konzert überfüllt ist oder jemand sagt:

„Komm einfach mit, das könnte etwas sein.“

Genau daraus besteht dieses Festival.

Nicht aus dem vollständigen Abarbeiten eines Programms. Nicht aus der Frage, welcher Headliner seinen aktuellen Marktwert bestätigt hat. Nicht aus Reichweiten, Zielgruppen oder der perfekten Positionierung eines Logos.

Haldern besteht aus der Möglichkeit, dass zwischen einem alten Reitplatz, einer Kirche, einer kleinen Bühne und einem Spiegelzelt für kurze Zeit etwas entsteht, das vorher niemand berechnen konnte.

Vielleicht gehen einer sich selbst kopierenden Welt tatsächlich die Originale aus.

Vielleicht muss man nur an den Niederrhein fahren, um wieder einige zu finden.

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