Isahia Collier & The Parallel Universe – Cologne Jazzweek, Club Bahnhof Ehrenfeld, 04.09.
Es ist bezeichnend für den Zustand des zeitgenössischen Jazz, dass man eine Band wie Isahia Collier & The Parallel Universe zwischen Genie und Schlamperei oszillieren sieht – und trotzdem (oder gerade deshalb) von Größe sprechen muss.
Collier selbst? Er verzichtete weitgehend auf das selbstverliebte Dauer-Solo, das so viele seiner Kollegen in der zweiten Reihe der Jazzgeschichte für unverzichtbar halten. Stattdessen: ein orchestraler Ansatz, ein Kollektivgedanke. Die achtköpfige Band spielte Jazz als soziale Skulptur – manchmal monumental, manchmal brüchig, immer ernsthaft.
Das Programm? Tief verankert in den Roots. Ein P-Funk-Medley, das die Frage provozierte, warum die Popkultur bis heute nicht verstanden hat, dass dieser Kosmos längst wieder aufbrechen müsste. Schöne Soul-Balladen, die an die große amerikanische Tradition erinnerten – nicht ironisch, sondern ehrlich gespielt. Und weniger der übliche, ausufernde Saxophon-Egotrip, als vielmehr ein Abenteuer in Form von Songideen, die wirklich als Songs gemeint waren (Eggun).
Doch die Ambivalenz blieb. Manches wirkte schlicht nicht geprobt, das Zusammenspiel unsauber, die Arrangements hakten. Aber wer wollte hier über Musikalität richten? Jeder einzelne der acht Musiker ist ein Solist von Rang, jeder ein Universum für sich. Dass sich diese Klasse zeigte, bewies der Moment, in dem der Stage Sound für zehn Minuten komplett ausfiel. Was geschah? Kein Chaos, kein Abbruch. Die Band spielte perkussiv weiter, als wäre es so geplant. Ein Schlag ins Gesicht aller glattgebügelten Festival-Acts, die an solchen Stellen jämmerlich gescheitert wären.
Das Publikum schwankte zwischen ehrfürchtiger Stille und ungläubigem Grinsen. Manche wirkten überfordert – vielleicht, weil diese Musik nichts erklären will, sondern schlicht existiert. Man fragt sich, warum junge Jazzmusiker heute so gehetzt sind, als müssten sie sich permanent legitimieren. Collier & Co. brauchen das nicht. Sie sind zu groß, zu roh, zu direkt.
Fazit: Ein Abend von hoher Relevanz. Nicht makellos, nicht gefällig, sondern fordernd. Ein Konzert, das zeigte, dass in den Metropolen der USA – und vielleicht auch in London – noch immer etwas wachsen kann, das mehr ist als „zeitgenössischer Jazz“. Hier steht eine Band, die den Begriff wieder gefährlich macht.
–– Alan Lomax
Besetzung
Isaiah Collier – sax/voc/keys
Corey Wilkes – trp/perc
Jimetta Rose – voc
Sonny Daze – emcree/perc
Conway Campbell – b
Fly Guy Byrd – gtr
Richard Gibbs III – keys
Trea – dr
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Isaiah Collier Parallel Universe - Cologne Jazzweek
Als Isaiah Collier 2022 mit The Chosen Few zum ersten Mal zur Cologne Jazzweek kam, war der 1998 in Chicago geborene Saxofonist in Europa nahezu unbekannt. Doch Collier hat sein Publikum in Köln im
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