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Toni Collette und der Film Hereditary – Das Vermächtnis von Ari Aster

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 12. Oktober 2020, 10:42am

Kategorien: #Filme, #Feuilleton

Toni Collette und der Film Hereditary – Das Vermächtnis von Ari AsterToni Collette und der Film Hereditary – Das Vermächtnis von Ari Aster
Toni Collette und der Film Hereditary – Das Vermächtnis von Ari Aster

Toni Collette – Die unbekannte, wichtigste Filmschauspielerin der Gegenwart und der beste Film des Jahres HEREDITARY mit einigen Umschweifen…

In dem Horrormeisterwerk HEREDITARY – DAS VERMÄCHTNIS (USA 2018) erreicht die australischen Schauspielerin Toni Collette eine darstellerische Kraft und künstlerische Nachhaltigkeit, die wir früher in den Zeiten des Golden Age Kinos, bei anderen Darstellerinnen und Darsteller, als unsterblich bezeichnet haben.

Kinoschauspieler und –schauspielerinnen, hinterlassen in unseren Köpfen ein vielfach tieferes Bild, als wir es häufig annehmen. Oftmals sehen wir eine Darstellerin oder Darsteller innerhalb eines kurzes Zeitraums in vielen Produktionen, kennen aber gar nicht deren Namen oder deren kompositorischen Prozess bzw. deren zur Verfügung stehende Mittel. Das Verhältnis welches wir zwischen der Art der Rollen und der soziokulturellen Wahrnehmungen entwickeln, reflektieren wir häufig erst bei einer näheren Betrachtung  der Entwicklungslinien des Künstlers oder bei der Wahrnehmung der Sichtweise des Schauspielers auf seine Verhältnis zu Figur und Rolle.

Toni Collete ist mir das erste Mal in ABOUT A BOY oder: DER TAG DER TOTEN ENTE (2002) aufgefallen. In der Nick Hornby Vorlage spielt sie die unerträgliche Mutter des armen Nicolas Hoult, Fiona. Fiona ist eine Hippie-Mutter im besten Sinne. Obwohl sie höchst depressiv ist, sagt, sie ihrem Sohn ständig, sie sei glücklich und singt ihr Lieblingslied KILLING ME SOFTLY. Kein Lob des Tiefsinns, aber eine bleibende Darstellung mit einigen pophistorischen großen Momenten.

Aufgrund von Zeit und Länge des Artikels muss ich mich auf einige Beispiele beschränken, den Collette’s Filmvitae ist atemberaubend lang. In LITTLE MISS SUNSHINE (2006) spielt sie die Mutter der ziemlich grotesken und nicht funktionierenden Familie Hoover. Die bewusst aufdringlichen Klischees sind natürlich Karikaturen und insbesondere die liebevolle Mutterrolle der Sheryl Hoover -zwischen dem unkonventionellen Großvater (Alan Arkin), dem suizidgefährdeten, homosexuellen Onkel Frank (genial Steve Carell), dem schweigsamen Sohn Dwayne (Paul Dano) und der unglaublich positiven Olive (Abigail Breslin) - ist grandios angelegt von Toni Collette‘ Fähigkeit, scheinbar mühelos die großen Gefühle zwischen Liebe, Wahnsinn und Aufgabe darzustellen.

In Sascha Gervasi‘s gar nicht mal so schlechter Filmbiografie HITCHCOCK (2012) spielt sie dann Petty Robertson, bevor sie 2014 als Maureen Thompson in LONG WAY DOWN zu einem weiteren Nick Hornby Stoff zurückkehrt.

Im Umfeld der großen US-Serien brilliert Collette dann als Dr. Ellen Sanders in dem sehr guten Mehrteiler HOSTAGES als Chirurgin des Präsidenten. Die nächste wirkliche Ausnahmedarstellung erleben wir in der True-Crime-Serie UNBELIEVABLE, in dem die Collette, die Detektivin Grase Rasmussen spielt und sich bleibende in unseren Köpfen und Herzen spielt und manifestiert.

Toni Collette hat aber auch ein Faible für den Horrorfilm und ihr sehr ausdrucksstarkes, volles und charakterstarkes Gesicht, kann wirkliche Angst ausdrücken und an uns Zuschauer vermitteln. Wahrscheinlich lässt sich diese Theorie, auch für die bisherige einzige Oscar-Nominierung, den sie als beste Nebendarstellerin in SIX SENSE (1999) bekam, herleiten.

Aber Toni Collette ist kein Filmstar. Daher ist auch die Verwendung „die Collette“ oder die Nähe zur Golden Age Kino Zeit falsch und sollte sie bewusst in eine falsche Richtung leiten. Denn Toni Collette ist eine Schauspielerin, der es nicht um Ruhm und Ehre geht.  So sagt sie auch selbst: „…als Schauspielerin kannst Du unterschiedliche Personen spielen, ohne dass dein Rum davon ablenkt.“

Toni Collette ist eine instinktive Darstellerin, was sich eben ausgezeichnet für das Modell Angst, Horror und Furcht eignet. Im Umkehrschluss, aber in der eingangs erwähnten Relation Mensch – Rolle – Soziokulturelle Einordnung, auch viele Möglichkeiten zum surrealen bzw. für die Komödie zu lässt. Denn Toni Collette lässt sich immer sehr gut, gegen die Erwartung und gegen das Sujet besetzten und kann dann überraschen.

In dem unfassbar, angsteinflößenden und beunruhigenden Film HEREDITARY, spielt Toni Collette Annie Graham und steigt damit in die Liga der unsterblichen Schauspielerleistungen ein. Der Film von Ari Aster muss sich hinter den oftmals genutzten Vergleichen zu THE SHINING (Stanley Kubrick) und ROSEMARIES BABY (Roman Polanski) nicht verstecken. Insbesondere letztgenannter Streifen, wurde für HEREDITARY als exzellente Vorlage genutzt. Denn die völlig irrationalen okkulten Verschwörungstheorien passen natürlich nicht zu den famosen und tiefgehendem psychologischen Horror eines Stephen King, aber zu der kunstvollen Überdrehtheit eines Polanski und seines damaligen Superstar Mia Farrow als Rosemarie Woodhouse, die nun mit Toni Collette, eine ewig vergleichbare Adjutantin des Bildes „Angst im Gesicht“ bekommen hat. Kubricks maßlosen, klugen und visionären Bilder, sind dann natürlich nur gekonnt kopiert, aber von Kameramann Pawel Pogorzelski genüsslich und wissentlich, von dem Kameragenius eines John Alcott aufgearbeitet.

HEREDITARY ist für mich, obwohl aus dem Jahr 2018, der Film des Jahres 2020 und einer der drei besten Horrorfilme der letzten 20Jahre. Das liegt in erster Linie an der famosen hysterischen Darstellung der Toni Collette. Aber auch an dem grandiosen Filmspiels zwischen Ehefrau und dem sehr rational denkenden Ehemann (Gabriel Byrne). Denn allein in dieser scheinbar banal begründeten Tatsache, liegt die Genialität des Filmes: Ab einem gewissen Punkt in der Story, muss sich jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden, welcher Idee er folgen möchte: Wirklichkeit oder Wahn?

Der dritte Grund für die außerordentliche Qualität des Filmes ist die Inszenierung. Diese fängt an bei dem absolut zum nervenzerreißenden und breathtaking-taub-machenden-unerträglich-angsteinflössenden-Scores des Komponisten Colin Stetson, der für das Genre einen neuen Maßstab setzt. Und dann ist da eben die Atmosphäre; die dauerhafte Angst in unseren Köpfen und Körpern freisetzt, die weit über den Moment Film hinausgeht.

Toni Collette hat sich in diesem Film in eine unerreichbare Liga von Schauspielerinnen gespielt. Der Film HEREDITARY ist nicht überschätzt, sondern wichtig, visionär, mutig und überragend, bleibend und verstörend. Ein Wort: Meisterwerk!

Aus Utah

Alan Lomax

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