NÜRNBERG (2026) – Ein schlechter Film, den wir trotzdem brauchen

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  22. August 2026, 09:24  -  #ALS FILME NOCH WAS BEDEUTETEN

NÜRNBERG (2026) – Ein schlechter Film, den wir trotzdem brauchen

von Oliver Jörns (Alan Lomax)

 

Diese Kritik ist schwer zu schreiben, weil sie eigentlich mit einem Widerspruch beginnt und mit demselben Widerspruch enden wird: Nürnberg von James Vanderbilt ist cinematisch einer der schlechtesten Filme, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Gleichzeitig ist er ein Film, den möglichst viele Menschen sehen sollten.

 

Wie soll man einen Film empfehlen, dessen Inszenierung man ablehnt? Wie soll man seine gesellschaftliche Bedeutung verteidigen, ohne seine künstlerischen Defizite kleinzureden? Und darf die politische Dringlichkeit eines Stoffes überhaupt als Entschuldigung dafür herhalten, dass er schlecht erzählt wird?

 

Die kurze Antwort lautet: Nein. Die längere ist komplizierter.

 

Nürnberg erzählt von dem amerikanischen Militärpsychiater Douglas Kelley, gespielt von Rami Malek, der 1945 die inhaftierten nationalsozialistischen Hauptkriegsverbrecher auf ihre Prozessfähigkeit untersuchen soll. Im Zentrum steht Hermann Göring, gespielt von Russell Crowe: Hitlers zeitweiliger Stellvertreter, Mitorganisator des Holocaust, skrupelloser Machtmensch, eitler Selbstdarsteller und einer der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts. Zwischen Kelley und Göring entwickelt der Film ein psychologisches Duell, das als historisches Drama beginnt, sich als True-Crime-Thriller verkleidet und zwischendurch so tut, als habe es die emotionale Mechanik einer modernen Streamingserie. Genau dort beginnt sein Problem.

 

Bevor man über dieses Problem spricht, muss man jedoch über unsere Gegenwart sprechen. Denn kein Film über den Nationalsozialismus erscheint heute in einem politisch neutralen Raum. Nicht in einer Zeit, in der die AfD demokratische Institutionen delegitimiert, den gesellschaftlichen Diskurs mit kalkulierten Grenzüberschreitungen verschiebt und aus Ressentiments ein Geschäftsmodell macht. Nicht in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offen auftritt, Rassismus als vermeintlicher Realismus verkauft und historische Wahrheit zur beliebig verhandelbaren Meinung erklärt wird.

 

Nein, die Bundesrepublik des Jahres 2026 ist nicht die Weimarer Republik. Und die AfD ist nicht einfach die NSDAP in blauen Anzügen. Wer Geschichte ernst nimmt, darf Unterschiede nicht verwischen. Aber wer die Methoden nicht erkennt, hat aus der Geschichte ebenso wenig gelernt: die Erfindung einer nationalen Demütigung, die Konstruktion innerer und äußerer Feinde, die permanente Wiederholung von Lügen, die Verachtung parlamentarischer Verfahren und der Versuch, Demokratie mit ihren eigenen Mitteln auszuhöhlen. Damals wurde der Versailler Vertrag zum Treibstoff einer nationalistischen Opfererzählung. Heute werden Migration, Europa, Klimapolitik oder gesellschaftliche Vielfalt zu Chiffren eines angeblichen Untergangs umgedeutet. Der Inhalt verändert sich. Die Dramaturgie bleibt erschreckend vertraut.

 

Geschichte wiederholt sich nicht wie ein Remake. Sie übernimmt Motive, modernisiert das Kostüm und nennt den alten Hass plötzlich „Mut zur Wahrheit“. History will teach us nothing – wenn wir ihr nicht zuhören wollen.

 

Deshalb müssen Geschichten über das „Dritte Reich“ immer wieder erzählt werden. Nicht als historische Pflichtübung, sondern als politische Gegenwartskunde. Die Verantwortung dafür endet nicht mit einer Generation. Sie wird nicht vererbt wie persönliche Schuld, aber sie bleibt als Wissen, als Haltung und als Verpflichtung bestehen. Wir Deutschen müssen uns zu dem bekennen, was in unserem Namen geschehen ist. Nicht, um uns in ewiger Selbstanklage einzurichten, sondern um zu verhindern, dass aus Verdrängung erneut Verachtung und aus Verachtung wieder Gewalt wird.

 

Die Nürnberger Prozesse waren deshalb weit mehr als die Abrechnung der Sieger mit den Besiegten. Vertreter der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion versuchten erstmals, führende Vertreter eines Staates persönlich für Angriffskrieg, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Verantwortung zu ziehen. Chefankläger Robert H. Jackson und die Alliierten wollten nicht nur Schuld feststellen. Sie wollten ein historisches Beweisarchiv schaffen, damit die Verbrechen des NS-Regimes weder geleugnet noch vergessen werden konnten. Genau diese doppelte Aufgabe – Recht zu sprechen und Erinnerung zu sichern – gehörte zum Fundament der Prozesse. 

Jackson formulierte es in seiner Eröffnungsrede so: Eine Zivilisation könne es sich nicht leisten, solche Verbrechen zu ignorieren, weil sie ihre Wiederholung nicht überleben würde.

 

Damit ist eigentlich schon erklärt, weshalb Nürnberg trotz allem wichtig ist.

 

Denn es gibt Menschen, die wissen, was Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald und Dachau bedeuten. Menschen, die gelesen, zugehört, Dokumentationen gesehen, Gedenkstätten besucht oder mit ihren Familien über die deutsche Geschichte gesprochen haben. Und es gibt Menschen, denen dieses Wissen fehlt oder die sich ihm bewusst verweigern. Diese Trennlinie verläuft nicht sauber zwischen akademisch Gebildeten und vermeintlich einfachen Leuten. Auch Hochgebildete können Antisemiten, Rassisten und Faschisten sein. Dummheit besitzt keinen Bildungsabschluss. Entscheidend ist die Bereitschaft, Tatsachen anzuerkennen und andere Menschen nicht nach Herkunft, Religion, Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Identität in wertvoll und weniger wertvoll zu sortieren.

 

In seiner viel beachteten Rede bei den Bayreuther Festspielen hat Michel Friedman kürzlich einen entscheidenden Satz gesagt: Man könne die Festspiele ohne schlechtes Gewissen besuchen – „aber nur mit Wissen“. Aus Wissen könne Verständigung entstehen, aus Verdrängung nicht. Später sprach er über die AfD, über den Angriff auf die Demokratie und über eine Gesellschaft, in der Juden, Muslime, Schwule und Frauen erneut auf eine Gruppenzugehörigkeit reduziert und ihnen daraus Rechte abgesprochen werden. Seine Antwort darauf war keine wohltemperierte Sonntagsrede, sondern eine klare Entscheidung für die Vielfalt. Friedmans vielleicht stärkster Satz lautete: „Wenn ich vor etwas Angst habe, dann vor der Einfalt.“

Genau hier treffen sich Bayreuth und Nürnberg, Wagner und Vanderbilt, Kultur und Verantwortung. Kunst darf alles. Aber Kulturschaffende können nicht so tun, als hätte das, was sie erzählen, keine politische Wirkung. Gerade bei einem Stoff wie diesem reicht es nicht, die richtige Botschaft irgendwo unterzubringen. Auch die Form trägt Verantwortung.

 

Und an dieser Form scheitert Nürnberg beinahe vollständig.

 

James Vanderbilt inszeniert einen der bedeutendsten juristischen und humanistischen Momente der Menschheitsgeschichte mit den Routinen eines konventionellen Studiothrillers. Göring wird als überlebensgroßer Gegenspieler aufgebaut, Kelley als zunehmend besessener Ermittler und ihre Beziehung als toxisches Duell zweier außergewöhnlicher Männer. Das soll Spannung erzeugen, führt aber zu einer fatalen Verschiebung: Der Film interessiert sich irgendwann mehr für Görings Charisma als für die Folgen seiner Verbrechen.

 

Russell Crowe ist selbstverständlich ein grandioser Schauspieler. Aber ein großer Schauspieler ergibt nicht automatisch eine große Darstellung. Vanderbilt gibt seinem Göring Raum, Witz, Souveränität, Schlagfertigkeit und Star-Aura. Crowe füllt diesen Raum mit enormer Präsenz. Doch das Ergebnis ist weniger Erkenntnis als Faszination. Der Film zeigt uns, wie verführerisch Göring gewesen sein soll, ohne diese Verführung wirklich zu analysieren. Er rekonstruiert seine Wirkung und hält das bereits für Täterpsychologie.

 

Rami Malek hat dagegen kaum eine Chance. Sein Douglas Kelley wird zur nervösen Dramaturgiemaschine degradiert. Er muss beobachten, reagieren, taumeln und schließlich psychisch an dem Mann zerbrechen, den das Drehbuch selbst immer größer macht. Maleks bekannte körperliche und mimische Eigenheiten werden dabei nicht in eine Figur übersetzt, sondern von der Inszenierung ausgestellt. Besonders unerträglich wird es, wenn Kelley eine emotionale Nähe zu Emmy Göring und ihrer Tochter Edda entwickelt. Was vermutlich Ambivalenz und Menschlichkeit zeigen soll, kippt in sentimentalen Klamauk. Nicht weil die Familien von Tätern keine menschlichen Beziehungen besitzen dürfen, sondern weil der Film weder das Wissen noch die künstlerische Präzision hat, diesen Widerspruch auszuhalten.

 

Dann kommen jene Rückblenden, die aussehen, als habe jemand Wes Andersons Bildsprache auf einer Pauschalreise durch das Nachkriegsdeutschland missverstanden. Künstliche Tableaus, schrullige Tonwechsel und dekorative Historienbilder: Onkel Dieters Urlaubsfilm, nur mit Weltgeschichte. Das ist nicht mutig, nicht modern und schon gar nicht subversiv. Es ist ein ästhetisches Missverständnis, das den Film endgültig ins cineastische Abseits befördert.

 

Etwas besser funktionieren die Gerichtsszenen. Das liegt vor allem an Michael Shannon als Robert H. Jackson. Shannon besitzt jene moralische Schwere, die der Film sonst nur behauptet. Sobald er spricht, wird aus dem psychologischen Budenzauber wenigstens für Momente ein Drama über Recht, Verantwortung und die Frage, ob organisierter Massenmord jemals angemessen verhandelt werden kann.

 

Und dann zeigt Vanderbilt mehrere Minuten lang die historischen Aufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern. Ohne Musik. Ohne schützenden Schnitt. Ohne die übliche emotionale Bedienungsanleitung. Leichenberge, ausgemergelte Körper, die industrielle Wirklichkeit der Vernichtung.

 

Plötzlich steht der Film still.

 

In diesem Moment erreicht Nürnberg seinen eigentlichen Auftrag. Die Bilder durchschlagen die Hochglanzdramaturgie und konfrontieren auch ein oberflächliches Mainstreampublikum mit dem, was diese Männer getan haben. Man kann den Einsatz solcher Aufnahmen in einem Unterhaltungsfilm problematisch finden. Man kann fragen, ob dokumentarisches Grauen hier zur emotionalen Beglaubigung einer ansonsten misslungenen Inszenierung benutzt wird. Aber man kann ihre Wirkung nicht leugnen.

 

Vielleicht sitzen dort tatsächlich Menschen, die Filme nur noch auf Skalen von eins bis zehn sortieren, Billy Wilder nicht von Adam Sandler unterscheiden und Geschichte für ein weiteres Content-Genre halten. Vielleicht raschelt das Nachopapier noch, während die Bilder beginnen. Danach hoffentlich nicht mehr.

 

Wenn diese Minuten auch nur einem Menschen begreiflich machen, was der Holocaust war und weshalb ein „Nie wieder“ keine leere Gedenkformel sein darf, hat der Film etwas erreicht. Das macht ihn nicht besser. Aber es macht ihn relevant.

 

Gerade deshalb wundert es mich, dass in vielen Besprechungen von Nürnberg auf alle möglichen Historienfilme und Gerichtsdramen verwiesen wird, aber nur selten auf Stanley Kramers Das Urteil von Nürnberg. Kramers Film entstand 1961 und behandelt nicht den Prozess gegen Göring, sondern eine fiktionalisierte Version des Nürnberger Juristenprozesses von 1947. Es geht um Richter und Staatsanwälte, die dem nationalsozialistischen Unrecht durch ihre Urteile den Anschein von Recht gegeben hatten.

 

Stanley Kramer stand damals vor derselben Herausforderung wie Vanderbilt: Wie macht man aus einem historischen, moralisch kaum zu bewältigenden Stoff großes Publikumskino? Kramer antwortete mit fast drei Stunden Laufzeit, Schwarz-Weiß-Bildern, einem der größten Ensembles der Filmgeschichte und dem Vertrauen darauf, dass Schauspiel, Dialog und moralischer Konflikt aufregender sein können als jede Thrillermechanik.

 

Spencer Tracy, Burt Lancaster, Richard Widmark, Marlene Dietrich, Judy Garland, Montgomery Clift und Maximilian Schell spielen keine historischen Schaufensterfiguren. Sie machen Verantwortung sichtbar. Montgomery Clift benötigt als gebrochener Zeuge wenige Minuten, um ein ganzes zerstörtes Leben im Gerichtssaal entstehen zu lassen. Judy Garland zeigt die lebenslange Verwundung eines Menschen, den ein verbrecherisches System zum Werkzeug seiner Rassenpolitik gemacht hat. Burt Lancaster spielt Ernst Janning nicht als Monster, sondern als gebildeten Mann, der wusste, dass er Unrecht in Recht verwandelte. Und Maximilian Schell macht aus dem Verteidiger Hans Rolfe keinen dämonischen Wortakrobaten, sondern die intellektuelle Versuchung der Relativierung selbst.

 

Wer Schell und Clift in diesem Film gesehen hat, kann Crowe und Malek kaum noch für wirklich großes Schauspiel halten. Nicht weil beide schlechte Schauspieler wären. Sondern weil Kramer verstand, dass Größe nicht aus Lautstärke, Starpräsenz oder nervöser Exzentrik entsteht. Sie entsteht, wenn Schauspiel eine moralische Frage verkörpert, für die es keine bequeme Antwort gibt.

 

Das Urteil von Nürnberg ist Kunst. Nürnberg ist Content mit historischem Auftrag.

 

Und vielleicht ist das die eigentlich erschreckende Erkenntnis. Heute darf nahezu jeder die schwierigsten Stoffe der Menschheitsgeschichte verfilmen, solange er den Produktionsauftrag erfüllt, Stars organisiert und einen verwertbaren Trailer liefert. Ob die künstlerische Kraft, das dramaturgische Wissen oder überhaupt eine persönliche Haltung vorhanden sind, scheint zweitrangig. Hauptsache, das Ergebnis ist zugänglich, emotional und international vermarktbar.

 

Aber Erinnerungskultur darf kein Untergenre des True Crime werden. Der Holocaust ist keine IP. Göring ist kein faszinierender Superschurke. Und die Nürnberger Prozesse sind keine historische Kulisse für ein toxisches Buddy-Movie.

Soll man Nürnberg also sehen?

 

Ja. Wer wenig über die Prozesse, den Holocaust und die Mechanismen des Faschismus weiß, sollte ihn sehen. Wer viel darüber weiß, kann ihn sehen – sollte danach aber unbedingt Stanley Kramers Das Urteil von Nürnberg anschauen. Denn Aufklärung muss nicht schlecht gemacht sein, um ein großes Publikum zu erreichen. Das Gegenteil ist wahr: Die Größe der Kunst kann Menschen erreichen, die sich einem Vortrag, einer Unterrichtsstunde oder einer politischen Mahnung längst entzogen hätten.

 

Darin liegt die Verantwortung des Kinos. Nicht darin, Schulunterricht zu ersetzen. Nicht darin, ein pädagogisch wertvolles Sternchen zu verdienen. Sondern darin, Bilder und Figuren zu schaffen, die sich in unser moralisches Gedächtnis einbrennen. Ein bedeutender Film erzählt uns nicht nur, was geschehen ist. Er zwingt uns zu der Frage, wo unser eigener Anteil beginnen würde.

 

Stanley Kramer wusste das. James Vanderbilt weiß immerhin, dass die Bilder gezeigt werden müssen. Das ist zu wenig für einen guten Film – aber möglicherweise genug für einen notwendigen.

 

Am Ende von Das Urteil von Nürnberg behauptet Ernst Janning, er habe niemals gewusst, dass es zu Millionen Ermordeten kommen würde. Richter Haywood antwortet:

 

„Herr Janning, es kam dazu, als Sie zum ersten Mal einen Menschen zum Tode verurteilten, von dem Sie wussten, dass er unschuldig war.“

 

Genau dort beginnt Faschismus. Nicht erst in Auschwitz. Sondern bei der ersten akzeptierten Lüge, beim ersten entrechteten Menschen und beim ersten Schweigen, das sich für unpolitisch hält.

 

Und genau deshalb ist „Nie wieder“ keine Erinnerung an gestern.

 

Es ist eine Entscheidung für heute.

Oliver Jörns (Alan Lomax)

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