HALDERN POP Festival 2026 - Rückblick
Festival Report Haldern Pop 2026 von Ralph van Dellen
Das Haldern Pop Festival 2026 war ein Triumph seiner eigenen Philosophie. „Einer sich selbst kopierenden Welt gehen die Originale aus“ war bereits im Vorfeld die große Überschrift. Und an notwendigen Originalen mangelte es beileibe nicht. Der künstlerische Leiter Stefan Reichmann und sein Team haben in der Programmgestaltung dafür ganze Arbeit geleistet und sind damit die Counter Culture zum üblichen Festival. Nichts ist zwanghaft darauf ausgerichtet, kommerziellen Erfolg zu haben. Gelebt wird eine Willkommenskultur für das Unbekannte, gepaart mit einer Verweigerung des zerstörerischen Wunsches nach Anerkennung. Verbundensein (so wie Kae Tempest es in ihrem furiosen Essay erklärt) und Vertrauen sind zwei wichtige Säulen, die dieses Ausnahme-Festival stützen. Empathie, Gastfreundschaft und Gemeinsinn erfährt man in Haldern an jeder Ecke. Die seit über vierzig Jahren einbezogene Dorfgemeinschaft steht unumstößlich hinter der Idee, Haldern zu einer Insel der besonderen Kinder zu machen. Das, was Haldern gibt, kommt zurück, von BesucherInnen und KünstlerInnen. Eine Entdeckungsreise mit nahezu kindlicher Neugier ist also möglich, wenn man sich darauf einlässt. Das Vertrauen des Publikums, morgens um 11 Uhr schon Bands zu entdecken, die einem woanders möglicherweise suspekt vorkommen, ist grenzenlos vorhanden.
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Mit unserem Underground Online Radiosender 674 FM haben wir aus dem Backstage-Bereich des Spiegelzelts zahlreiche Bands live übertragen können. Die meisten haben wir auch zum Interview bei uns gehabt und da sich in den letzten Jahren die britischen Postpunk-Bands dort die Klinke in die Hand gegeben haben, kamen wir in diesen Gesprächen schnell darauf, dass das Spiegelzelt möglicherweise die Windmill oder George Tavern am Lower Rhine ist. Zumindestens einmal im Jahr. Das Spiegelzelt hat in der Tat eine faszinierende Aura und wird häufig als bester Auftrittsort überhaupt bezeichnet.
Iedereen (niederländisch für „alle“/“jeder“) sehen das genauso sind sozusagen die Nachbar-Jungs aus Emmerich, jetzt wohnhaft bei uns in Köln, die einst einen Jugendwettbewerb gewannen und eine Aufnahme im Halderner Tonstudio dafür bekamen. Sie erzählen, dass sie Haldern immer verbunden waren, nicht nur deshalb und bereits seit Jahren nicht als Künstler sondern als Fans zum Festival kommen. Auch in diesem Jahr sind sie mit einem Tross von 40 BesucherInnen angereist. Für die beiden Protagonisten Tom und Ron trennt sich ein Jahr in zwei Teile: „vor Haldern“ und „nach Haldern“. Das ist sehr schön ausgedrückt und trifft auf unsere Reisegruppe „Haldern Jugend“ sicher ebenso zu. Die Musik ist wild und tanzbar, auch im Kreis laufen gehört dazu, Wire und Gang of Four lassen herzlich grüßen, Iedereen erobern sich ein Publikum. Ihre einzige Ballade „Geht’s nur gut“ haben sie einst im Garten des Halderner Tonstudios geschrieben. Kreislauf eben.
Eben diese Orte spielen in Haldern immer eine große Rolle, und in den vergangenen Jahren gab es auch häufig Diskussionen, warum, welche Band an welchem Ort spielt. In diesem Jahr war das weniger der Fall, ich denke, die Zufriedenheit mit dem Placement war sehr groß, und ich kann nur sagen, dass die Orte dafür sorgen, ein Konzert mit einer gewissen Sinnlichkeit zu erleben. Besonders gelungen ist das bei dem spektakulären Konzert von Andre de Ridder, der sich mit den SängerInnen, Susan O'Neal und Loney Dear, das Album „The Colour of spring“ von Talk Talk vorgeknöpft und in seiner vollen Länge vorgetragen hat. Dieses rauschhafte Erlebnis gab es in der Dorfkirche. Ebenso phänomenal muss das Konzert von Will Oldham aka Bonnie Prince Billy gewesen sein. Ich verehre sein neues Album sehr und es wird ganz sicher in meinen Bestenlisten des Jahres 2026 auftauchen, aber durch ein Interview hatte ich keine Gelegenheit dorthin zu gehen. Ich weiß aber sehr sicher, dass es umwerfend war. Gleiches gilt für Lucy Kruger and the Lost Boys, ebenfalls ein Favorit des Jahres bei mir, und aus gleichen Gründen war leider kein Besuch möglich. Der Auftritt fand im Jugendheim statt und wurde wie im vergangenen Jahr von Andreas und den anderen Kollegen aus dem Kinett in Kusel betreut.
Machen wir also weiter mit den inhaltlichen Highlights des Festivals. Vor einigen Jahren sind uns Black Midi, unter anderem in Haldern über den Weg gelaufen, eine Band die wir mit unserem Radio-Team kollektiv sehr verehrt haben. Nach dem Split der Band sind in diesem Jahr, deren Chef-Protagonisten Geordie Greep und Cameron Picton mit seinem neuen Projekt, „My New Band Believe“ und einem zauberhaften Debütalbum im Gepäck zu Gast in Haldern. Live ist das bei „My New Band Believe“ zurückgenommener melancholischer Folk, angereichert mit gepflegtem Kammerpop, Cameron ist in seiner Ausstrahlung konservativ und mittelsympathisch. Insbesondere aber Greep versetzt das Publikum mit einem improvisierten Jazz-Feuerwerk in eine Art Hypnose-Zustand. Ein Wunderwerk der Mixturen, gespickt mit Mut, Virtuosität und der Nutzung aller denkbaren künstlerischen Freiheit. Erwartungen werden hier ganz bewusst nicht erfüllt. Es wird überrascht, man pflegt die Auseinandersetzung und das tut gut und ist bewusstseinserweiternd. Geordie ist zweifellos einer der bemerkenswertesten Künstler unserer Zeit, auch sein neues Projekt KNATS ist spektakulär gut, es ist ein großes Glück ihn hier zu haben.
Westside Cowboy aus Manchester genießen gerade die wilden Umstände eines Hypes und sind nahezu euphorisiert in unserem Interview. Ihnen ist ein wunderbares Album gelungen, da spricht man schon von goldenen Songs für eine neue Generation. Sie sind sehr klar und ausgesprochen fein damit, eine Kategorisierung wie Britainicana anzunehmen, da sie als britische Band doch eine Menge an US-Stoff getankt haben. Ihr größter Einfluss ist auf Nachfrage „echter amerikanischer Rock’n’Roll, also The Velvet Underground“. Was für eine sympathische und schlaue Antwort. Das Konzert ist die größte Entdeckung auf dieser Festivalreise für mich und das nehme ich dankbar mit.
Durch den Radio Stream, das damit verbundene An- und Abmoderieren sowie die Interviews schafft man leider doch nicht so viele Konzerte, wie man eigentlich gern sehen würde. Meine Freunde El Hombro und DJ Simsalabim berichten mir von einer Band namens „The Erotic Secrets of Pompeji“. Sie wären wahnsinnig gut, haben zum Frühstück in der Popbar gespielt und ich müsse mir den zweiten Gig am Nachmittag unbedingt ansehen. Recht hatten Sie! Artrock, Glam Rock, Call it, what you want, da kann man bei 30° schon mal spitze silberne Stiefel tragen. Insgesamt ist die Band und ist auch das Konzert ein wilder Ausbruch, später auch im Interview. I like.
The Sick Man Of Europe ist ein spannendes Projekt aus London, das sich stark an alten Helden wie Joy Division oder Suicide orientiert, live beginnen fünf Songs wie Joy Division Stücke, um dann im nächsten Moment mit Front 242 oder den Swans zu flirten. So entsteht eine eindrückliche Mischung, die unter Berücksichtigung der Texte einen unterkühlten Soundtrack zum Untergang manifestiert. Sequencer und Bass sezieren gesellschaftliche und politische Missstände ebenso wie die eingesetzte dunkle Stimme. Das Projekt verbittet sich den Bezug auf Personalien und will bewusst als artifizieller Container wahrgenommen werden, der Ideen und Kunst entwickelt. Das hat mir sehr gut gefallen.
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Sehen konnte ich zum Glück den ganz überragenden, und von vielen als absolutes Highlight des Festivals benannten Auftritt der Weilheimer Band The Notwist. Das neue Album hat mich im Vorfeld noch nicht so überzeugt (mittlerweile mag ich es sehr), aber live war es wieder ein fulminantes Spektakel. The Notwist sind sicherlich eine der besten Live-Bands Deutschlands. Niemals wird vermutlich ein Album die Größe von "Neon golden" wieder erreichen aber das ist vermutlich auch nicht notwendig. Wenn eine Band einmal einen solchen Meilenstein geschaffen hat dann reicht das für ein ganzes Leben. Sobald die recht hohe Stimme von Marcus Acher "Pick up the Phone" oder "Pilot" angestimmt kullern Freudentränen. Das Konzert begann erst um 0:00 Uhr und die Angst, dass man müde werden könnte, war völlig unbegründet, weil die Euphorie doch so groß war. Es war ein Konzert voller Experimente mit dem Wagnis des Live -Mixens und der wilden Instrumentierung des neuen Albums. Es ist so schön bei The Notwist, dass sie sich trotz ihrer Erfahrung weiter ausprobieren, kollaborieren, Einflüsse zulassen und sich neue Stimmen ins Haus holen. Ich glaube, es gibt wenig so zugewandte und begegnungsoffene Musik. Träumerei, Zugewandtheit und Außerirdische als Metapher sind das sehr gut funktionierende Stilmittel in menschlicher und künstlerischer Hinsicht. Die kluge Antwort auf die Dystopie der Neuzeit und die kriegerischen Auswüchse dieser Welt.
Wenig Konsens gibt es in den letzten Jahren zu den Auftritten und zur Entwicklung von Black Country, New Road. Ich persönlich bin fasziniert von der Bandentwicklung, die ein positiver Dauerzustand scheint. Mit dem Ausfall von Isaac Wood drohte der Band ein Identitätsverlust, viele trauern dieser Zeit nach. Aber den Umständen zum Trotze entwickelten die übrigen Bandmitglieder neue Musik im Stile von Art- und Kammerpop mit starken Melodien und wuchtigen Streicher-Arrangements und spielen auch die alten Stücke nicht mehr. Nieder mit den Umständen! Und in Haldern sind BC,NR immer sehr gerne, sie haben ein sogar Stück namens „Haldern“ geschrieben. Lewis Evans, Saxophonist der Band, erzählte mir vor einigen Jahren (Das Festival war 2020 pandemiebedingt abgesagt, BC,NR spielten aber in der Kirche und es wurde in die Pop Bar und nach Irland gestreamt) im Gespräch vor der Pop Bar wie sehr er persönlich mit dem Gesang fremdelt, den er zwischenzeitlich übernommen hatte. Alle in der Band waren auf diesem Terrain noch unsicher und mittlerweile ist es phänomenal, Tyler, Georgia und May haben das Ruder selbstsicher übernommen und es entstehen tolle Platten und Live-Momente. So auch am Donnerstagabend auf der Halderner Hauptbühne am alten Reitplatz, es war entzückend.
Am Freitagmittag tritt die eklektische Londoner Indie Pop Band Silver Gore auf die Hauptbühne. Wir kennen sie, seit sie bei uns im 674FM-Konzertraum als Vorband der New Yorker „Water From Your Eyes“ aufgetreten sind und schätzen sie seitdem sehr. Die Sängerin Ava Gore beherrscht die große Bühne vom ersten Moment an und nutzt die Länge zum ekstatischen Herumhüpfen, derweil erzählt sie uns, dass alle guten Männer auf dem Kontinent gestorben sind. Sie warten neben der ersten EP mit einigen interessanten neuen Stücken auf, welche die Erwartungshaltung auf das Album massiv steigern.
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Vor dem Festival fragten sich manche Besucher, wie gut die Sportfreunde Stiller zum eher entdeckungsorientierten Haldern Pop passen würden. Rückblickend ist es für nahezu alle ein großes Highlight, a big hug, dem entzieht sich keine/r. Warum das so ist, erfahrt Ihr im ausführlichen Interview mit Flo und Rüde von den Sportfreunden, welches wir im Vorfeld des Konzerts geführt haben.
22.8., ab 18 Uhr im Rahmen der Haldern Nachlese beim Musikabend - 674FM
Bei aller Euphorie gab es auch ein paar kleine musikalische Enttäuschungen: Horsegirl, überall gefeiert, haben mich letztes Jahr beim Primaverasound schon gelangweilt und das auch in Haldern wiederholt, die Band hat die Ausstrahlung eines Kühlschranks, auch wenn ich einige Songs sehr gut finde. Die Cardinals konnten die Vorschußlorbeeren auch nicht ganz bestätigen, da denkt man so ganz Merricks/Larry Chesky-mäßig „das Akkordeon wartet schon“, aber der Flow entsteht nicht. Auch Frankie & the Witchfingers waren mir etwas zu plump und mich konnten sie auch mit Hexenhänden nicht bekommen.
Ein wahnsinnig interessantes Konzert hingegen haben wir dann aus dem Spiegelzelt übertragen können: Horse Lords. Ein Bandname, der mich zunächst abgeschreckt hat, aber musikalisch ist das Quartett aus Baltimore, voller Finessen. Uns erwartet eine aufregende Mischung aus Jazz, Postrock, Kraut und vielem mehr. Die Band bestätigt im Interview, die heraus gehörten Einflüsse von Tortoise, Can, Neu oder Harmonia. Die Band wartet mit zwei Schlagzeugern auf und präsentiert eine hingebungsvolle Liebezeitsche Präzision und zieht damit das Publikum in den Bann. Auch die in den vergangenen Jahren von mir so geliebte Chicago-Scene um das International Athem Label findet seine Einflüsse auf diese Musik. Eine wahnsinnig schöne Melange, die uns in einen gewissen Rhythmusrausch versetzt. Das Interview mit den inzwischen in Deutschlang lebenden US-Musikern könnt ihr ebenfalls am 22.8. beim Musikabend hören.
Das Leipziger Fuzz Club Signing „Flying Moon In Space“ ist live eine der spannendsten deutschen Psychedelic/Krautrock-Bands. Ihr treibender Mix aus Krautrock, Post-Punk, Shoegaze und elektronischen Elementen ist so energetisch, dass man wegfliegt. Wir hatten sie auch schon bei uns im 674FM Konzertraum und lieben diese Variabilität, auch auf dem neuen Album. Es war uns wieder ein Fest.
Obwohl zwei enge Freunde leider nicht dabei sein konnten und uns sehr gefehlt haben, war es eines der schönsten Haldern Pop Festivals. Ich habe das Gefühl, dass sich das Halderner Füllhorn an guten Absichten gegen alle Widerstände durchsetzen wird. Danke an alle Menschen in Haldern. Keep on moving! Nirgendwo anders sind sich Artists und Publikum so nah, es gab viele Originale zu sehen, wir alle sind Haldern.
Ralph van Dellen aka John Ross Ewing
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