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Haldern Pop Festival 2015 - Savages - Freitag Mainstage

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 17. August 2015, 19:27pm

Kategorien: #Konzerte

Foto by Alan Lomax Foundation

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Da steht sie endlich vor mir auf der Bühne. Eingetaucht in Nebel und konsequent schwarzweißen Licht. Es ist viertel vor Zehn, ich bin stark betrunken, euphorisch und habe bis zum zerreissen Lust auf exaltierte Post-Punk Musik. Ich werde ein unfassbares Konzert erleben, welches ich wahrscheinlich nicht vergessen werde, weil es diese magischen Momente haben wird, die es eben nur so auf dem Reitplatz am Niederrhein gibt.

 

Einige Meter entfernt steht Gemma Thompson, die ich bereits seit einige Jahre bewundere und deren Gitarrenspiel ich sehr aufmerksam verfolge.

 

„Mich fasziniert der Gedanke, dass in uns allen das Böse ruht, das von der sogenannten Zivilisation nur notdürftig überdeckt wird, aber theoretisch jeden Augenblick durchbrechen könnte. Ich wollte eine Band und ein Image kreieren, die diese Gedanken repräsentieren.“ 

 

Dieses Zitat von ihr hatte ich mir vor einigen Jahren nach dem Auftritt der Band Savages beim Primavera Sound in Barcelona notiert, als ich Gemma und ihre drei Bandmitstreiterinnen das erste Mal gesehen hatte und mir die ersten Platten von ihnen zulegte. Man neigt ja schnell dazu, einzuschätzen, dass der Frontpart einer Band der gleichzeitige Initiator der Unternehmung ist. Insbesondere bei den Savages mit der ultra-präsenten Frontfrau Jenny Beth, kommt man nicht auf den Gedanken, dass das Mastermind jemand anders ist.

 

Gemma Thompson ist keine durchschnittliche Gitarristen. Denn sie hat ein kluges Konzept. Kein neues, aber sie hat eins. Und zwar ein sehr finsteres. Mit Sicherheit hat sie in ihrem Pedalboard ein SPACE ECHO, sowie ein GIGADELAY. Ein paar DISTORTION und LIQUID EFFECTS dazu und fertig ist die Achtzigersuppe, mag der ein oder andere denken. Nicht so bei Gemma Thompson. Sie macht aus der musikalischen Rückbesinnung einen zeitgemässen Gitarrensound der nicht nur durch Härte das emanzipatorische Selbstbewusstsein der Frauenband darstellt, sondern auch eine instinktive Härte ausstrahlt.

 

Als 2013 das nur knapp 40 Minuten lange Album SILENCE YOURSELF rauskam, sah man natürlich kaum Chancen. Wütende Frauen kannten wir bereits. Schöne sowieso. Attitude allerdings fehlte dann oft. Nachhaltigkeit!

 

Die SAVAGES sind fast am Ende. Meine Kumpels versorgen mich mit Bier. Mit einem diskutiere ich kurz über die Tatsache, dass es normaler Weise die Bassisten sind die uns Kopfschwulen interessieren. Hier wäre es nicht anders, da er die Brachialität von Bassistin Ayse Hassan bewundert. Was ok ist! Wir werden unterbrochen. Jenny singt DONT LET THEM FUCKERS GET YOU DOWN. So viel zur Attitude. Oder zum Thema „einfach mal die Fresse“ halten.

 

An der Seite aber steht Gemma Thompson, die das alles nicht interessiert. Tiefversunken ist sie in ihren Sounds. Kaum einmal schaut sie auf, interessiert sich nicht fürs Publikum. Ihre Gitarre bearbeitet sie nicht im Sinne eines maskulinen Metaldreschers, sondern mit dem zarten Gefühl für den Moment wo ihre Spielkunst schmerzvoll und zu bitterem Hass wird. Gleich haut sie etwas kaputt, denke ich.

 

Man sieht ihr die Ehrlichkeit bei der Verabschiedung an. Denn Gemma Thompson ist unglaublich hübsch. Aber sie lächelt nicht einmal. Sie sieht böse, müde, aber auch instinktiv betont cool aus. Unglaublich gute Figur, sehr enge, schwarze Jeans. Sie ist wunderschön. Verliebt. Rock'n'Roll funktioniert noch immer. Heldin in meinem Herz.

 

Solche Bands müssen sich beweisen. Denn ihre krachende Musik, muss sich vielen Vergleichen aussetzen. Und Frauenbands habe es zu dem immer schwer. Man muss es nicht erklären, jeder weiß wovon ich spreche.

 

Das Konzert artete aus. Jenny Beth sprang ins verwunderte Publikum und bewies auch sonst ihre artifizielle Nähe zu Iggy Pop. Dabei allerdings glänzend, eben wie nur ein Popstar glänzen kann. Die Sängerin aber möchte gehört werden. Und sie hat etwas zu sagen. Nämlich, dass man sie angucken soll. Und man soll es ruhig laut sagen zu ihr: Postpunk ist out, es ist out. Und sie antwortet, nein, ist es nie. Denn wir kennen die üblichen epigonalen Posen und das Selbstbedauern der üblichen Vorbilder nicht. Wir sind nicht Gothic und ihr männerdominierenden selbstbedauernden, larmoyanten Arschlöscher haltet das Maul. Denn hier sind meine drei Freundinnen und Eure Klischees kotzen mich an. Ich bin wütend. Eine schöne radikale Frau, die viel vor hat. Und ich kann Euch nichts Neues mehr zeigen, aber ich kann Euch das, was ich kenne roh und aufbegehrend vortragen. Ähnlich geht es mir gerade, als ich versuche diesem Text hier eine authenthische Dichte zu geben.

 

Das alles ist unglaublich aufregend. Insbesondere wenn man die Band auf so einer großen Bühne sieht, die sie mühelos, unterhaltsam, roh und selbstverständlich bespielt.

 

Neben dem ganzen allgemeinen Absterben der Jugend, der Dummheit des Tages, den bunten quälenden Idioten vom Zeltplatz und der Ignoranz der Menschen gegenüber der Musik, ist es eine Wohltat, ja ein religiöses Fest, ein solch aufrüttelnden Anspruch zu verfolgen. Sehr schöne, wilde Frauen zu sehen, die etwas zusagen haben und eben wie Gemma Thompson eine Heldin des Pops wird.

 

Marcus Wiebusch sagte zu Beginn seines Konzertes am nächsten Tag: „Alte Lady Haldern!“ Damit hat er nicht recht! Denn Haldern ist keine alte Lady, sondern eine verkommene Oma, mit lichten Momenten, die vieles von dem vergessen hat, was sie sich einmal vorgenommen hat.

 

Alle paar Jahre muss sich aber eben nicht nur eine alte Dame neu erfinden, um zu überleben, sondern auch ein Festival. Ein Musikfestival welches den Begriff Pop im Namen trägt ist auch immer dazu verpflichtet diesen zu supporten und weiterzuführen. Mit dem Booking der Band SAVAGES ist dies gelungen. 

 

Denn zeitgemässe Popmusik muss wieder progressiv und fordernd sein. Die Zeit der Besserwisser mit ihrem Betroffenheit-Rock muss vorbei sein. Und so bleibt die Band aus England, mit der klugen GItarristen Gemma Thompson und ihren Freundinnen übrig und das wirklich erwähnenswerteste Konzert, eines wie immer sehr schönen Festivals.

 

Alan Lomax  

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