Elvis Costello & WDR Big Band – Forum Leverkusen, 5. November 2025

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  6. November 2025, 10:53  -  #Konzerte

Elvis Costello & WDR Big Band – Forum Leverkusen, 5. November 2025

Elvis Costello & WDR Big Band – Forum Leverkusen, 5. November 2025
Ein Abend zwischen Popgeschichte, Jazzästhetik und orchestraler Ekstase

Es gibt Nächte, in denen alles stimmt. Klang, Haltung, Geschichte. Leverkusen, Forum, Mittwoch. Elvis Costello trifft auf die WDR Big Band – und plötzlich scheint alles, was Popmusik je versucht hat zu sein, in einer großen, funkelnden Bewegung zusammenzufließen.

Die WDR Big Band, dieses orchestrale Wunder aus Köln, ist längst kein Begleitinstrument mehr, sondern ein Weltkörper aus Präzision, Seele und dem seltenen Talent, Musik nicht zu interpretieren, sondern zu transformieren. Was sonst als nostalgische Hommage enden könnte, wird hier zur großen Feier des musikalischen Denkens. Unter der Leitung von Michael Leonhart – einem Arrangeur, der in seinem Verständnis von Harmonie, Dynamik und Ironie längst auf Augenhöhe mit Gil Evans oder Quincy Jones steht – verschmilzt Costellos Werk mit dem orchestralen Kosmos, ohne sich zu verlieren.

Leonhart, der schon Steely Dan in orchestrale Höhen geführt hat, denkt diese Musik neu. Seine Arrangements sind keine dekorativen Ergänzungen, sondern Erweiterungen des Materials. Ein Stück wie “Watching the Detectives” wird zum Noir-Epos – eine Collage aus Jazz, Suspense und Funk. “Accidents Will Happen” bekommt die ironische Leichtigkeit eines späten Sinatra-Stücks, während “Radio Is Everything” klingt, als hätten Brian Eno und Charles Mingus gemeinsam eine Nachrichtensendung komponiert.

Costello selbst wirkt konzentriert, fast demütig vor dieser Band, die ihn trägt und zugleich herausfordert. Die WDR Big Band spielt, als ginge es um nichts weniger als den Erhalt musikalischer Intelligenz im 21. Jahrhundert. Simon Oslenders elegante Keyboard-Linien, Wolfgang Haffners federnder Groove, Bruno Müllers Gitarrenarchitektur, Thomas Stiegers präziser Bass – alles greift ineinander, als wäre diese Konstellation seit Jahrzehnten aufeinander eingeschworen.

Die Setlist ist eine Zeitreise durch Costellos Leben. “Shipbuilding” bleibt der stille Kern, jener Song, der wie kein anderer die Poesie von Politik und Melancholie verbindet. Wenn die Bläser hier einsetzen, klingt es wie das letzte Aufbäumen der Menschlichkeit in einer Welt, die gerade auseinanderfällt. “Almost Ideal Eyes” und “We Are All Cowards Now” bilden das aktuelle Rückgrat, Songs, die zeigen, dass Costello nie aufgehört hat, Fragen zu stellen. Und dann “Pump It Up” – das ewige Popmanifest, diesmal in Jazzform, swingend, dekonstruiert, neu geboren.

Was bleibt, ist der Eindruck, dass die WDR Big Band derzeit vielleicht die beste Big Band der Welt ist. Nicht, weil sie perfekt spielt, sondern weil sie sich traut, groß zu denken. Sie agiert mit der Präzision eines Orchesters und der Freiheit eines Jazzquartetts. Keine Note zu viel, keine Phrase, die sich anbiedert.

Und Leonhart? Er ist der Architekt dieses Abends. Ein Musiker, der Costello nicht in Jazz verwandelt, sondern Jazz in Costello. Ein Alchemist der Arrangements. Einer, der Pop ernst nimmt – als Kunstform, als Sprache, als Haltung.

Leider wurden keine Songs von dem Elvis Costello Burt Bacharach "Painted From Memories" gespielt. Vielleicht ist es den schwierigen Gesangspassagen geschuldet gewesen, die Costello nach langer furchtbarer Krankheit einfach nicht mehr singen kann. Oder es ist Leonhart der die Songs nicht so einschätzt wie andere. Leider werden wir das nie erfahren..

Am Ende verlässt man das Forum Leverkusen mit dem Gefühl, Zeuge eines historischen Moments gewesen zu sein. Kein Retroabend, kein Festival der Eitelkeiten, sondern eine Erinnerung daran, dass Musik, wenn sie richtig gemacht ist, grenzenlos bleibt.

Fazit:
Elvis Costello & WDR Big Band – ein Zusammentreffen von Genie und Institution. Und vielleicht der Beweis, dass Popkultur dann am stärksten ist, wenn sie sich der Kunst zuwendet.

(Alan Lomax, 2025)

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