One Battle After Another - Paul Thomas Anderson (2025)

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  12. Januar 2026, 15:27

One Battle After Another - Paul Thomas Anderson (2025)

Ich saß nach One Battle After Another ungewöhnlich lange in meinem imaginären Kinosessel. Nicht aus Ehrfurcht, eher aus dem Gefühl heraus, dass man jetzt nicht sofort aufspringen sollte. Paul Thomas Anderson ist so ein Regisseur, der einem manchmal das Bedürfnis nimmt, sofort eine Meinung zu haben. Und genau deshalb ist dieser Film für mich sein vielleicht wichtigster seit sehr langer Zeit. Kein Rückblick, kein Spiel mit Nostalgie, kein „schaut mal, wie gut ich Kino kann“. Sondern ein Film, der sich anfühlt wie ein offenes Nervensystem.

Nach The Master und Licorice Pizza hatte ich ehrlich gesagt gehofft, dass Paul Thomas Anderson noch einmal dahin zurückgeht, wo seine Filme nicht nur schön, sondern unbequem sind. Wo sie Fragen stellen, ohne sie aufzulösen. One Battle After Another ist genau dieser Film. Er ist politisch, ohne Parolen zu brauchen. Er ist wütend, ohne laut zu werden. Und er ist erstaunlich lustig, ohne jemals harmlos zu sein. Dass er  gestern bei den Golden Globes 2025 so präsent war und jetzt als Oscar-Kandidat gehandelt wird, fühlt sich nicht nach Branchenlogik an, sondern nach einem dieser seltenen Momente, in denen ein Film einfach nicht zu übersehen ist.

Was mich besonders gefallen hat: Anderson erzählt hier nicht von Politik, sondern von politischer Erschöpfung. Von Menschen, die einmal an etwas geglaubt haben und nun versuchen, zwischen Ironie, Resignation und Resthoffnung irgendwie Haltung zu bewahren. Die Nähe zu Pynchons Vineland ist spürbar, aber PTA macht daraus keinen verkopften Literaturfilm. Er zieht alles runter auf die emotionale Ebene. Müdigkeit. Trotz. Dieses leise, bittere Lachen, wenn man merkt, dass die Welt nicht explodiert, sondern einfach weitermacht.

Der Film benutzt Genre wie ein Werkzeug, das jederzeit aus der Hand rutschen kann. Action, Humor, Gewalt, Absurdität – nichts davon ist Selbstzweck. Man lacht, und im selben Moment bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Genau das liebe ich an diesem Film. Er ist nie glatt, nie bequem, nie erklärend. Anderson vertraut darauf, dass Bilder, Pausen und Blicke reichen. Und er traut dem Publikum zu, mit diesen Leerstellen umzugehen.

Ein riesiger Teil dieser Wirkung hängt am Casting. Anderson besetzt keine Rollen, er findet Zustände. Leonardo DiCaprio spielt Pat „Ghetto Pat“ Calhoun nicht als Helden, sondern als Mann, der permanent einen halben Schritt neben sich steht. Und bei all der politischen Schwere ist DiCaprio hier etwas, womit ich nicht gerechnet habe: extrem komisch. Für mich ist das eine seiner lustigsten Rollen überhaupt – seit Brat Pitt als Chad Feldheimer in Burn After Reading von den Coen Brothers als Fitness Trainer und Geheimdetektiv brillierte. Diese Komik kommt nicht aus Pointen, sondern aus Körperlichkeit, Timing und dieser wunderbaren Ahnungslosigkeit, die gleichzeitig tragisch ist. Man lacht, weil man sich wiedererkennt – und erschrickt genau darüber.

Teyana Taylor hat eine Präsenz, die man nicht erklären kann. Sie trägt Wut und Zärtlichkeit gleichzeitig, ohne je symbolisch zu wirken. Sean Penn und Benicio del Toro fühlen sich nicht besetzt an, sondern wie Menschen, die schon immer in dieser Welt existiert haben. Das ist diese besondere Anderson-Qualität: Schauspieler wirken nicht wie Figuren, sondern wie Komplizen. Sean Penn kann man sich kaum ansehen, so unansehnlich ist er in diesem Film. Selten so eine Grimasse gesehen, unfassbar.

The Master war ein Film über Macht. Licorice Pizza einer über Jugend und Mythos. One Battle After Another ist ein Film über das Jetzt. Über das Gefühl, politisch wach zu sein und trotzdem ratlos. Über Humor als letzte Verteidigungslinie. Über Kino als Ort, an dem Widersprüche nicht aufgelöst, sondern ausgehalten werden dürfen.

Am Ende bleibt bei mir das Gefühl, dass Paul Thomas Anderson hier keinen Film gemacht hat, der gefallen will. Sondern einen, der etwas behauptet. Der sich nicht entschuldigt. Der lacht, zweifelt und wehtut. Für mich ist One Battle After Another genau deshalb der Film, an dem man nicht vorbeikommt. Nicht wegen der Preise. Sondern weil er sich ihnen eigentlich entzieht – und genau dadurch verdient.

Alan Lomax

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