BABYLON BERLIN – Deutschland, siehst du das nicht? Finale fünfte Staffel
BABYLON BERLIN
von Alan Lomax (Oliver Jörns) 19.09.2026
Als ich 2018 zum ersten Mal über Babylon Berlin schrieb, war die Serie vor allem ein Ereignis. Ein deutsches Fernsehereignis, wie es sie eigentlich nicht mehr gab. Groß, teuer, verschwenderisch, eigensinnig. Eine Serie, die sich traute, Berlin nicht als historische Kulisse zu benutzen, sondern als fiebrigen Organismus. Ein Berlin zwischen Rausch und Absturz, zwischen Avantgarde und Elend, Jazz, Kokain, Gewalt, sexueller Befreiung und politischer Radikalisierung.
Acht Jahre später ist Babylon Berlin an einem völlig anderen Punkt angekommen. Und wir vielleicht auch.
Die fünfte und letzte Staffel beginnt am 30. Januar 1933. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler. Nur vier Wochen später brennt der Reichstag. Dazwischen liegt nicht einfach ein weiterer historischer Abschnitt, sondern der Moment, in dem aus einer beschädigten Demokratie in atemberaubender Geschwindigkeit eine Diktatur wird. Genau diese wenigen Wochen legt die letzte Staffel unter das Brennglas.
Und vielleicht ist das die größte Qualität dieser Staffel: Wir kennen das Ende. Die Figuren nicht.
Charlotte Ritter weiß nicht, was wir wissen. Gereon Rath weiß es nicht. Elisabeth Behnke weiß es nicht. Menschen gehen zur Arbeit, verlieben sich, trinken, tanzen, streiten, machen Geschäfte, arrangieren sich. Das Leben hört nicht plötzlich auf, nur weil Geschichte geschieht.
Das ist der eigentliche Horror.
Denn Diktaturen beginnen eben nicht damit, dass morgens jemand aufsteht und feststellt: Ab heute leben wir in einer Diktatur. Sie kommen in Verordnungen, Personalentscheidungen, neuen Zuständigkeiten, veränderten Regeln und plötzlich möglichen Dingen. Am 1. Februar wird der Reichstag aufgelöst, am 4. Februar werden Versammlungs- und Pressefreiheit eingeschränkt, nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar setzt die Reichstagsbrandverordnung zentrale Grundrechte außer Kraft.
Babylon Berlin erzählt diesen Prozess nicht als Geschichtsunterricht. Zum Glück. Die Serie bleibt bei ihren Menschen.
Charlotte Ritter war dabei von Anfang an vielleicht ihre modernste Figur. Sie wollte hinaus aus dem Milieu, das ihr zugedacht war. Sie wollte arbeiten, unabhängig sein, ernst genommen werden. Und Liv Lisa Fries hat aus ihr über fünf Staffeln eine Figur gemacht, die fast alles verkörpert, was diese kurze Phase der Weimarer Republik möglich erscheinen ließ.
Gereon Rath dagegen war immer komplizierter. Traumatisiert, beschädigt, moralisch nicht eindeutig. Ein Mann, der sich durch Systeme bewegt und sich dabei selbst nicht immer versteht. Gerade deshalb funktioniert er als Figur für diese Zeit so gut. Denn die meisten Menschen erleben Geschichte eben nicht mit dem Wissen, auf welcher Seite sie später in einem Schulbuch stehen werden.
Und dann ist da Elisabeth Behnke. Eine dieser Figuren, die in anderen Serien vermutlich irgendwann zur Nebenhandlung geworden wäre. In Babylon Berlin steht sie für etwas anderes: für das Private, das plötzlich politisch wird. Für Menschen, deren Wohnungen, Freundschaften und Entscheidungen auf einmal Konsequenzen bekommen, die sie wenige Jahre zuvor nicht für möglich gehalten hätten.
Das Moka Efti, die Musik, die Bars und das alte Berlin stehen daneben inzwischen fast wie Erinnerungen an eine Welt, die noch existiert und gleichzeitig schon verschwindet. Früher war der Tanz bei Babylon Berlin Flucht vor der Wirklichkeit. Jetzt wissen wir: Die Wirklichkeit wartet bereits vor der Tür.
Und genau hier wird diese letzte Staffel unangenehm gegenwärtig.
Nicht, weil 2026 das Jahr 1933 wäre. Solche Gleichsetzungen sind historisch falsch und politisch meistens ziemlich billig. Aber Geschichte wiederholt sich ohnehin selten als Kopie. Interessanter sind ihre Mechanismen.
Wie reagieren Gesellschaften auf dauerhafte Krisen? Was passiert, wenn demokratische Institutionen zunehmend als störend empfunden werden? Wenn politische Gegner nicht mehr Gegner, sondern Feinde werden? Wenn einfache Antworten attraktiver werden als komplizierte Wirklichkeiten? Wenn eine ausreichende Zahl von Menschen glaubt, man könne radikale Kräfte schon irgendwie einhegen, benutzen oder kontrollieren?
Die Fragen wirken im Jahr 2026 nicht besonders museal.
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 erhielt die AfD 43,8 Prozent der Stimmen und wurde mit großem Abstand stärkste Kraft. Zwei Drittel der Deutschen gaben anschließend in einer ARD-Befragung an, mit Sorge auf dieses Ergebnis zu schauen.
Man muss daraus keine hysterische historische Parallelmontage basteln. Im Gegenteil. Gerade wenn Geschichte etwas lehren kann, sollte man genau bleiben.
Aber man sollte eben auch hinsehen.
Vielleicht ist das heute eine der wichtigsten Aufgaben von Kunst und Popkultur. Nicht politische Bildung zu ersetzen. Nicht Wahlprogramme zu erklären. Sondern Erfahrungsräume zu schaffen. Geschichte aus den Jahreszahlen herauszuholen und wieder zu Menschen zu machen.
Ich habe vieles von dem, was ich über Geschichte weiß oder irgendwann wissen wollte, nicht zuerst in der Schule gelernt. Sondern durch Bücher, Filme, Musik und Serien. Weil irgendwann eine Geschichte dafür sorgte, dass ich wissen wollte, was dahintersteckt.
Das ist kein Argument gegen Schule. Im Gegenteil. Es ist ein Argument dafür, Popkultur endlich als einen der stärksten Zugänge zu Bildung ernst zu nehmen.
Eine Serie wie Babylon Berlin kann einem jungen Menschen die Weimarer Republik vielleicht näherbringen als zwanzig Seiten Lehrbuch, weil plötzlich jemand durch diese Straßen läuft. Weil Musik spielt. Weil Menschen lachen. Weil man versteht, dass diese Welt nicht schwarzweiß war, nur weil unsere Fotografien von ihr schwarzweiß sind.
Und weil man begreift, dass die Menschen von damals nicht morgens in einer historischen Epoche aufgewacht sind.
Sie lebten einfach ihr Leben.
Genau deshalb passt Kurt Tucholsky so gut in diese Welt. 1930 erschien sein Text „Deutschland, erwache!“ – Jahre bevor die letzten demokratischen Sicherungen endgültig fielen. Tucholsky sah sehr klar, was sich vor seinen Augen entwickelte. Er schrieb dagegen an. Er warnte. Er spottete. Und trotzdem geschah es.
Das ist vielleicht das Verstörendste an Geschichte: Nicht immer fehlen die Warnungen.
Manchmal werden sie einfach nicht ernst genommen.
Babylon Berlin hat über fünf Staffeln etwas geschafft, das deutsche Film- und Fernsehproduktionen erstaunlich selten schaffen: deutsche Geschichte international, modern und ästhetisch selbstbewusst zu erzählen, ohne sie wie eine pädagogische Pflichtveranstaltung aussehen zu lassen.
Die Serie war Noir, Krimi, Politthriller, Melodram, Musical, Gesellschaftspanorama und manchmal hemmungslos überzogenes Kino fürs Fernsehen. Nicht alles daran funktionierte immer. Manche Handlungsstränge mäanderten, manche Wendungen waren größer als ihre Glaubwürdigkeit. Aber diese Serie hatte etwas, das viel wichtiger ist: eine eigene Welt.
Und Haltung.
Die letzte Staffel führt diese Welt nun an den Punkt, von dem wir wissen, dass es für sie keinen Weg zurück geben wird.
Für Charlotte, Gereon und die anderen ist das noch nicht sicher. Für uns schon. Und genau aus diesem Unterschied entsteht die eigentliche Spannung.
Wir sehen Menschen hoffen, während wir wissen, was kommt. Wir sehen sie Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen wir kennen. Vielleicht möchten wir ihnen manchmal beinahe zurufen: Seht ihr denn nicht, was passiert?
Aber genau darin liegt die unbequeme Gegenfrage dieser Serie.
Sehen wir es denn immer?
Große Kunst kennt das Datum, aber sie lässt ihre Figuren noch hoffen.
Vielleicht besteht auch deshalb der Wert von Babylon Berlin am Ende nicht darin, uns noch einmal zu zeigen, wie die Weimarer Republik unterging.
Sondern darin, uns daran zu erinnern, dass Demokratie für diejenigen, die in ihr leben, immer selbstverständlich wirken kann – bis sie es irgendwann nicht mehr ist.
Heute können wir jedenfalls nicht behaupten, wir wüssten nicht, wohin das Wegsehen führen kann.
Alan Lomax
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