Haldern Pop Festival 2025 – Einer musste es tun – jetzt sind die Unken still

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  12. August 2025, 12:42  -  #Haldern Pop

Haldern Pop Spiegelzelt - Foto by Alan Lomax Foundation

Haldern Pop Spiegelzelt - Foto by Alan Lomax Foundation

Von Alan Lomax

 

Die Unkenrufe waren dieses Jahr wieder pünktlich da. Dieselben Stimmen, die seit Jahren behaupten, Haldern sei inhaltsleer geworden, das Narrativ erschöpft, die Magie vergangen. Stimmen, die den Abgesang auf die gesamte Festivalwelt predigen – und jedes Jahr recht behalten, wenn wieder ein Name verschwindet. 2026 trifft es z. B. das Rocco Del Schlacko und das Maifeld Derby.

Haldern hätte bequem in diese Todesliste einrücken können. Stattdessen tat es, was kaum noch jemand wagt: Kuratieren aus Überzeugung, nicht aus Kalkül. Keine Spotify-kompatible Playlist-Architektur, keine Booking-Software-Mechanik, kein Reißbrett-Genre-Mix für Sponsoren. Stattdessen eine Dramaturgie, die an den Geist von Montreux, Glastonbury oder den frühen Roskilde-Ausgaben erinnert – Orte, an denen Programm nicht nur Unterhaltung, sondern kulturelle Verdichtung ist.

Das Ergebnis: ein Festival, das aus Sequenzen besteht, die einen verschlucken, hochspülen, irritieren, euphorisieren. Dieses Jahr war kein höflicher Dialog mit den Kritikern. Es war eine klare Ansage. Danach: Stille. Ungewöhnliche, befriedigende Stille.

 

Haldern denkt in Gleichwertigkeit

 

Während andere Festivals zwischen Instagram-Kompatibilität, Herkunftsquoten und Algorithmus-Kurven navigieren, denkt Haldern in einer fast altmodischen Radikalität: Jede Bühne ist gleichwertig. Ein Weltstar wie Hauschka spielt um zwölf Uhr mittags in der Kirche, weil der Raum atmet, nicht weil es der Kalender sagt. In dieser Logik könnte auch eine Band wie The Cure eines Tages in einer Waldlichtung vor 400 Menschen spielen – und niemand würde sich beschweren.

Diese Haltung ist kein romantisches Hobby. Sie ist Antwort auf den tektonischen Umbruch der Festivalkultur. Festivals sind keine reinen Durchlauferhitzer für Ticketumsatz. Sie sind kulturelle Infrastruktur, Katalysatoren für ästhetische Verschiebungen. Dass diese Funktion oft ignoriert wird, liegt daran, dass sich viele Festivals in seelenlose Eventmodule verwandelt haben.

Haldern macht es anders. Als Innovator, nicht Bewahrer. Als Erzähler, nicht Dienstleister. Stefan Reichmann weiß seit jeher, wie sich eine Geschichte auflädt – „In der Küche brennt noch Licht“ ist keine sentimentale Floskel, sondern eine Zustandsbeschreibung. Hier wird noch gearbeitet, gedacht, komponiert.

 

Das Bild von Andrea Fontanari

 

Über allem lag in diesem Jahr ein Bild – nicht als Marketing, sondern als Haltung. Andrea Fontanaris Arbeit, mit ihren verschwimmenden Konturen und Zwischenräumen, liest sich wie eine visuelle Partitur: Andeutung statt Ausruf, Intimität statt Pose. Haldern hat dieses Bild verinnerlicht und in Musik übersetzt.

Die Festivalarchitektur folgte diesem Dazwischen – den Pausen zwischen den Songs, den Blicken zwischen Bühne und Publikum, den Momenten, die nicht auf YouTube landen.

 

 

Generationen unter Zeltdach

 

Zum Glück waren sie auch wieder da – die Jüngeren. Keine verzweifelte Werbeagentur-Maßnahme, kein künstliches Zielgruppenmarketing. Einfach da. Millennials, die wissen, was eine gute Band ist, ohne die Pose ihrer musikverliebten Eltern zu imitieren, aber deren Haltung auf eigene Weise fortführen.

Ich erinnere mich an die Nullerjahre, als der Campingplatz oft in feindliche Musikterritorien zersplitterte. Die einen hörten nur jene Band, die anderen nur diese – jede Gruppe identifizierte sich mit bisweilen haarsträubend trashigen Ikonen. „Dorfjugend“ nannten manche das, nicht böse, eher als beiläufige Geografie-Notiz.

Heute sehe ich 22-Jährige, die erst Tocotronic hören, dann Piano Man von Billy Joel mitsingen – zusammen mit ihrem väterlichen, graumelierten Campingnachbarn. Diese Szenen sind keine PR-Inszenierung, sie passieren einfach.

Haldern muss sich keine Sorgen um Zielgruppenanalysen machen. Hier entwickelt sich die Zielgruppe selbst, generisch, frei, zu einer Ausnahmeerscheinung mit hoher kultureller Dichte. So war es vor 20 Jahren. So war es vor 30 Jahren. Und so ist es noch immer.

 

Donnerstagmittag: Richard Foster & Rats on Rafts im Jugendheim

Donnerstag, 13:00 Uhr, Jugendheim Sankt Georg: Richard Foster – ewiger Haldern-Chronist, Punk-Rock-Flaneur, musikalischer Mittler zwischen Kontinenten – tritt ans Mikrofon. Neben ihm: Rats on Rafts, Rotterdams unberechenbare Bastarde aus Neuer Welle, Pop und Punk. 

Foster liest aus seinem neuen Buch The Punk Rock Birdwatching Club, halb Lesung, halb Spoken-Word-Performance, und die Band ummantelt jedes Wort mit einer „halbschweren“ Mischung aus schneidenden Gitarren, nervösen Bassläufen und unvorhersehbaren Tempowechseln. Das ist kein Support-Act, das ist eine Symbiose. Nach einer knappen Stunde verschmilzt das Ganze nahtlos zu einem vollen Rats-on-Rafts-Konzert, das am Abend im Ton Studio seine Fortsetzung findet – ein Bogen, der vor einem Jahrzehnt in London gespannt wurde und in Haldern 2025 zurückschnappt. 

 

Freitagmittag: FOVOS ALIF im Jugendheim

Freitag, kurz vor zwölf. Vor dem Jugendheim zieht sich die Schlange bis zum Bäcker Jansen. Drinnen: FOVOS ALIF, Kölner Noise-Rock im Minimalformat – nur zu zweit, aber mit einem Sound, der bereits jetzt eine architektonische Wucht hat. Dreampop-Facetten, die aufbrechen wie Lichtflecken, und Wall-of-Sound-Passagen, die an frühe My Bloody Valentine erinnern.

Es gibt nicht viele Bands in Deutschland, die so kompromisslos, so würdevoll und so unbeirrbar über Jahre ihr eigenes Klangterritorium aufbauen. Das Publikum schwankt zwischen Faszination und Ratlosigkeit. Eine ältere Dame flüstert: „Schön, dass hier auch mal Schülerbands spielen dürfen.“ Wüsste sie, dass in dieser Band fünf Jahre Arbeit, Geld, Schweiß und Liebe stecken, würde sie vermutlich erröten.

Klaus Fiehe (1Live) nennt FOVOS ALIF „mutig, sehr mutig“. Aus seinem Mund ist das kein Etikett, sondern eine Auszeichnung, die er seit den Zeiten des real existierenden John Peel nur selten vergibt.

 

Politik auf der Bühne: Maruja aus Manchester

Am Abend dann Maruja: Manchester, aber nicht Britpop-Nostalgie, sondern politischer Crossover, der Jazz wie eine Waffe führt. „Free Palestine“, „Free Ukraine“ – keine Parolen für den Instagram-Post, sondern veritable Aufrufe, getragen von schneidenden Rhythmen und einem Sänger, der weiß, wie man aufrüttelt, ohne zu predigen.

Harry Wilkinson sagt nach einer Stunde: „Wir sind nicht aggressiv – unsere Message ist Liebe.“ Und meint es. Im fast tränenreichen Interview mit mir, nach dem Konzert (bald auf 674FM) spricht er über Bob Marley, John Coltrane, und die Idee, dass Musik keine Grenzen, wohl aber Haltung kennt.

 

 

 

 

 

 

 

 

New York im Abendlicht: Infinity Song

 

Donnerstag: Infinity Song aus New York. Vier Geschwister, von Jay-Z Roc Nation gesignt, begleitet von einer Studio-Band, die so präzise spielt, dass selbst Steely Dan wohlwollend nicken würde. Sie covern Dreams von Fleetwood Mac, als hätten sie den Song im Blut – keine Nostalgie, keine Kopie, nur Gegenwart.

Es erinnert an jenen Moment, als Kelis auf dem Reitplatz spielte und ein Teil des Publikums noch dachte, Hip-Hop sei nur „Fanta 4“. Solche Slots sind keine Stilübungen – sie sind Korrekturen am kulturellen Kompass.

 

 

Die kleinen Bühnen, die großen Momente

 

Und dann sind da noch die Bühnen, auf denen man Haldern am tiefsten versteht. Heavy Lungs mit einem bassgetriebenen, roh schreiendem Set, das mehr nach Bristol-Backroom als Festival klang. Man Woman Chainsaw, deren Energie eher aus einer Nacht im CBGB 1979 entlaufen schien als aus dem Niederrhein. Ellis D, unprätentiös, tight, und mit dem Gespür für den Punkt, an dem ein Song aufhört, statt auszufransen.

Und natürlich Joan As Policewoman – nicht das Konzert ihres Lebens, sicher nicht, aber eine Erinnerung daran, dass ein guter Song, ein stilvoller Auftritt und eine beeindruckende Vita immer noch eine Aura erzeugen können, die man nicht downloaden kann. Eine Größe, die sich nicht in Likes oder Streams übersetzt, sondern in diesen kurzen Moment, in dem ein Song den Raum hält.

 

Main Stage: Noch relevant?

 

Patrick Watson, Porridge Radio und z. B. Grandbrothers zeigen, dass die Hauptbühne noch funktionieren kann. Doch für den Veranstalter bleibt sie eine Hassliebe. Ihre Zukunft steht wie eine Schachfigur auf der Kippe: zu groß, um unwichtig zu sein, zu schwerfällig, um sich schnell zu drehen.

Und dann schleicht sich der Gedanke an Montreux ein – „Smoke on the Water“ entstand schließlich nicht im Studio, sondern aus einer Katastrophe. Zum Glück ist die niederrheinische Feuerwehr besser aufgestellt. Zum Glück?

 

Mehr als Musik – eine Verantwortung

Wir haben so viel gefilmt, aufgenommen, gesprochen – mit der japanischen Ausnahmeband Bo Ningen, mit dem omnipräsenten Richard Foster – dass eine vollständige Konzertauflistung hier gar nicht nötig ist. Wichtiger ist das Narrativ: Haldern ist nicht nur Festival, sondern kulturelle Infrastruktur.

Andrea Fontanaris Bild bleibt der Schlüssel: unscharf, zurückhaltend, voller Substanz. Genau wie Haldern 2025.

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren: