Joe Jackson – Hope and Fury (2026)

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  5. Mai 2026, 07:37  -  #Plattenkritik

Joe Jackson – Hope and Fury (2026)

Es gibt diese leisen Erkenntnisse, die nicht knallen, sondern eher so einsickern. Zum Beispiel die: Ein Album zu hören ist heute fast schon ein Akt der Verweigerung. Gegen den Swipe, gegen die Playlist, gegen dieses nervöse Dauer-Weiter. Früher war das kein Statement, sondern Standard. Album – Single – Tour. Aufbauarbeit. Heute eher: Song – Skip – nächster Song. Und dann kommt Joe Jackson um die Ecke und macht einfach… ein Album. So richtig. Mit Anfang, Mitte, Ende. Mit der fast schon unverschämten, zynischen Erwartung, dass zugehört wird. Hope and Fury ist dabei kein loses Sammelsurium, sondern – man kann es ruhig so sagen – eine Zustandsbeschreibung. Ein Werk über Wut, Müdigkeit, Klarheit im Alter. Über den Blick zurück, ohne nostalgisch zu werden. Das Cover sagt eigentlich schon alles: Ein bekanntes Seebad im Hintergrund, dieses leicht ausgebleichte Küstengefühl, Pier, Wind, ein bisschen Melancholie. Kein Glamour, eher Realität. Und genau da bewegt sich die Platte.
 

Dass Jackson seit Jahrzehnten in Berlin-Kreuzberg lebt, passt da erstaunlich gut rein. Nicht nur wegen der alten Geschichte mit den britischen Rauchverboten – auch wenn das natürlich wunderbar trocken zu ihm passt. Sondern weil Kreuzberg genau dieser Ort ist: ein bisschen rau, ein bisschen klug, ein bisschen egal gegenüber Trends. Konsequenz statt Pose. Das zieht sich durch. Ich höre diese Platte als jemand, der seit Night and Day dabei ist. Seitdem läuft dieser Typ irgendwo im Hintergrund meines Lebens mit. Soundtrack, im besten Sinne. Und genau deshalb stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum fühlt sich das heute anders an? Warum sind diese neuen Songs nicht mehr diese großen, alles überragenden Dinger? Die Antwort ist unangenehm einfach. Es waren die Liebeslieder.
 

Diese frühen Songs hatten diesen völlig ungebremsten Herzschlag. Verliebt wie ein junger Hund, wie man so sagt. Und das ist keine Pose, das ist ein Zustand. Der lässt sich nicht reproduzieren. Nicht mit 30 Jahren Abstand, nicht mit einem anderen Leben im Rücken. Der innere Herd brennt nicht mehr lichterloh, sondern eher auf kleiner Flamme. Und ja, das betrifft nicht nur Jackson, sondern ziemlich viele große Künstler:innen. Das ist kein Vorwurf. Es ist ein Fakt. Und trotzdem – oder genau deshalb – funktioniert Hope and Fury.
 

„After All This Time“ ist so ein Moment. Beim ersten Hören denkt man: ganz schön geschniegelt, fast schon zu geschniegelt. Diese Gitarrenfigur hat etwas Pomadiges, etwas, das man heute schnell als „zu viel“ abtun würde. Aber dann setzt die Bridge ein, und plötzlich ergibt das alles Sinn. Die Melodie kippt, bekommt Tiefe, wird zur Gegenbewegung. Das ist kein Zufall, das ist Handwerk. Und ja, vielleicht auch ein bisschen Trotz. Überhaupt hat die Platte etwas Trotziges. Nicht laut, eher so ein stilles: Ich weiß schon, was ich mache.
 

„The Face in the Crowd“ geht noch einen Schritt weiter. Dieses Pianointerlude im Mittelteil – fast schon unangenehm schön. Dann wieder diese Gitarre, die sich erst querstellt und dann einlässt. Geige dazu, plötzlich schiebt sich das Ganze in eine fast irische Richtung. Und am Ende diese übereinandergelegten Vocals: „I’m gonna be free“. Kurz denkt man tatsächlich wieder an alte Momente, an diese Größe von früher. An „Slow Song“. Aber nur kurz. Dann ist man wieder im Jetzt.
Und das Jetzt heißt hier: Aufmerksamkeit oder gar nichts. Das Interessante ist, dass auch andere Stimmen genau das aufgreifen. In einer Besprechung wurde sinngemäß angemerkt, Jackson schreibe hier „kein Album für Playlists, sondern gegen sie“. Ein Satz, der hängen bleibt, weil er den Kern trifft. Diese Platte will nicht funktionieren. Sie will bestehen.
„End of the Pier“ ist für mich der emotionale Mittelpunkt. Die Basslinie von Graham Maby – trocken, präzise, fast lakonisch. Darüber Jackson, der singt, als hätte er nichts mehr zu beweisen. Die Bridge zieht sich, dehnt sich, nervt fast ein bisschen – und genau deshalb wirkt sie. Es ist dieser unaufgelöste Zustand, der hängen bleibt. Kein sauberer Abschluss, eher ein offenes Ende. Und dann kommt „See You in September“. Groß, orchestral, fast schon musicalhaft. Handwerklich über jeden Zweifel erhaben. Aber auch der Moment, an dem ich kurz raus bin. Vielleicht ist es mir zu viel Bühne, zu viel Weihnachten, zu viel „jetzt kommt das große Finale“. Oder vielleicht bin ich einfach nicht mehr empfänglich für diese Art von Pathos. Schwer zu sagen.

 

Was bleibt, ist eine Platte, die sich nicht anbiedert. Die nicht versucht, jünger zu wirken, als sie ist. Und die vor allem eines nicht macht: sich erklären. Jackson war nie jemand, der um Zustimmung gebeten hat. Diese Mischung aus Arroganz, Intelligenz und latentem Punk-Reflex zieht sich durch alles, was er macht. Früher war das ein Angriff. Heute ist es eher eine Einladung mit Bedingungen.
Hör zu. Oder lass es.

 

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus in 2026. Nicht der perfekte Song für jede Situation, sondern ein Werk, das verlangt, dass man sich darauf einlässt. Ohne Skip-Button im Kopf. Hope and Fury ist kein perfektes Album. Aber ein notwendiges. Und eines, das bleibt – nicht weil es laut ist, sondern weil es sich weigert, leise im Hintergrund zu verschwinden.

Joe Jackson ist im Herbst auf Deutschland Tour. Wir sehen und in Essen, in der umwerfenden Lichtburg..

Alan Lomax

 

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