Lit.Cologne 2026 - Gegenwart machen – Als Texte über Pop und Musik noch die Welt verändern wollten

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  11. März 2026, 16:25  -  #popjournalismus, #erikathomalla, #popkultur, #moritzvonuslar

Lit.Cologne 2026 - Gegenwart machen – Als Texte über Pop und Musik noch die Welt verändern wollten

Gegenwart machen – Als Texte über Pop und Musik noch die Welt verändern wollten
 

lit.COLOGNE mit Erika Thomalla, Jochen Distelmeyer, Thomas Meinecke und Moritz von Uslar

Köln, 11. März 2026

Alan Lomax

 

Gehen wir jetzt alle noch ins Six Pack?

 

Jochen Distelmeyer stellt diese Frage zum Abschluss des Abends. Halb ironisch, halb ernst. Ein Satz wie aus einer anderen Zeit. Wer in den neunziger Jahren in Köln unterwegs war, weiß sofort, was gemeint ist: das Six Pack, diese legendäre Bar mit ihren gefühlt hunderten Sorten Flaschenbier. Ein Treffpunkt für Musiker, Autoren, Redakteure und Nachtmenschen – ein Ort, an dem Popkultur nicht nur besprochen, sondern gelebt wurde.

 

Natürlich gehen an diesem Abend nicht mehr alle ins Six Pack. Aber für einen Moment liegt etwas in der Luft. Eine Erinnerung daran, dass Pop einmal ein sozialer Raum war. Ein Gespräch. Eine Szene. Eine Haltung. Und genau darum ging es auch an diesem Abend bei der lit.COLOGNE.

 

Die Idee zur Veranstaltung stammt von Ralf Niemczyk, einer der prägenden Figuren des deutschen Popjournalismus. Moderiert wurde der Abend von Erika Thomalla, deren Buch „Gegenwart machen – Eine Oral History des Popjournalismus“ den Anlass lieferte. Neben ihr saßen Thomas Meinecke, Moritz von Uslar und eben Jochen Distelmeyer.

 

Eine Konstellation, die fast wie eine kleine Supergroup des Popjournalismus wirkte. Jochen Distelmeyer beschrieb dieses Milieu im Laufe des Abends als „Kerngebiet Aachener Straße“ – ein paar Straßenzüge Köln, die in den neunziger Jahren zu einer Art inoffizieller Hauptstadt des deutschen Popdenkens wurden. Hier lagen Bars, Redaktionen, Plattenläden und Küchen, in denen nachts über Musik, Literatur und Stil gestritten wurde. Ganz in der Nähe saß damals die Spex-Redaktion, fast direkt gegenüber der Volksbühne am Rudolfplatz. Ein erstaunlich kleines urbanes Biotop, aus dem eine ganze Generation von Poptexten hervorging – Texte, die nicht nur über Musik schrieben, sondern versuchten, Gegenwart zu formulieren.

 

In den siebziger und achtziger Jahren begannen junge Autorinnen und Autoren, die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur zu sprengen. Magazine wie Spex, Tempo oder Elaste behandelten Pop nicht mehr als Unterhaltung, sondern als kulturelle Sprache. Popstars sprachen über Politik, Sex oder Zähneputzen. Politiker versuchten plötzlich cool zu wirken. Und Texte wollten mehr sein als Beobachtung.

 

Sie wollten Teil der Gegenwart werden

 

Genau diese Aufbruchsstimmung rekonstruiert Erika Thomalla in ihrem Buch. „Gegenwart machen“ versammelt Stimmen aus rund 25 Jahren deutscher Popjournalismusgeschichte – eine Oral History einer Epoche, in der Schreiben zum Experiment wurde.

 

Oder, um es im Ton jener Jahre zu sagen: Sprache wurde zur Axt.

 

 

Der Abend bewegte sich zwischen kluger Erinnerung und lebendiger Selbstreflexion. Immer wieder sprang das Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Denn eine der zentralen Fragen des Abends war erstaunlich simpel: Gibt es heute noch Popjournalismus?

 

Moritz von Uslar bemerkte im Laufe der Diskussion sinngemäß, dass heute im Grunde alles Popjournalismus sein könne – auch Texte im Spiegel oder anderen großen Medien. Pop habe längst die gesamte kulturelle Öffentlichkeit durchdrungen.

 

Und doch entstand im Raum ein anderes Gefühl. Dass etwas von der damaligen Energie verloren gegangen ist. Diese Mischung aus Größenwahn, Stilbewusstsein und dem festen Glauben daran, dass ein guter Text tatsächlich etwas verändern kann.

 

Jochen Distelmeyer brachte irgendwann Balzac ins Spiel. Verlorene Illusionen. Ein Roman über Ehrgeiz, Literatur und die Mechanik des kulturellen Betriebs. Ein erstaunlich passender Bezug, wenn man über Popjournalismus spricht. Denn auch dort ging es immer um die Spannung zwischen Leidenschaft und Markt, zwischen subjektiver Begeisterung und objektivem Betriebssystem Kultur. Und irgendwo zwischen diesen Polen bewegt sich auch Erika Thomalla selbst.

 

Ihr eigener Weg ist dafür ein gutes Beispiel. Ausgangspunkt ist eine klassische Popsozialisation: Leidenschaft für Musik, Magazine und Texte. Irgendwann wird daraus Forschung. Wissenschaft. Buchwissenschaft und digitale Buchkultur an der LMU München. Oder anders gesagt: Aus Leidenschaft wird Analyse.

 

Gerade diese Spannung macht ihre Arbeit interessant. Zwischen Subjektivität und Objektivität. Zwischen Wissen und Nicht-Wissen. Zwischen Begeisterung und Distanz. Eine andere Frage schwebte den ganzen Abend über dem Saal: Ist Popkultur vielleicht längst vorbei? Oder zumindest in einer anderen Form angekommen?

 

Heute dominieren Plattformen, Streams und Algorithmen. Musik erscheint im Minutentakt. Aufmerksamkeit wird in Sekunden gemessen. Während früher eine Handvoll Magazine darüber entschied, was kulturell relevant sein könnte.

 

Gleichzeitig stellte sich eine weitere Frage: Wie selbstkritisch ist eigentlich die Generation Gen Z im Umgang mit Pop? Auch darauf gab es keine endgültige Antwort. Vielleicht, weil jede Generation ihre eigene Form von Gegenwart erfinden muss. Auffällig war jedoch, dass im Verlauf des Abends die Musik selbst immer stärker in den Hintergrund rückte. Statt über Songs zu sprechen, ging es um Strukturen, Diskurse und Medienlogiken. Auch das ist vielleicht ein Zeichen unserer Zeit. Und doch bleibt etwas von dieser alten Idee übrig. Dass Popkultur mehr sein kann als Unterhaltung. Dass Texte über Musik manchmal mehr erzählen als nur über Musik. Und dass Schreiben – wenn es gut ist – tatsächlich ein kleines Stück Wirklichkeit verändern kann. Oder zumindest den Blick darauf.

 

Die Geschichte des Popjournalismus ist deshalb weniger eine nostalgische Erinnerung als eine offene Frage an die Gegenwart. Wer erzählt heute unsere kulturellen Geschichten? Eine mögliche Antwort gibt es übrigens bald im Radio.

 

Heute hatte ich Erika Thomalla im Studio von 674FM zu Gast. Für die Sendung Recording Trips #28 sprechen wir noch einmal ausführlicher über ihr Buch, über Popjournalismus, über Gegenwart – und darüber, warum die Leidenschaft für Musik und Schreiben vielleicht doch noch nicht ganz verschwunden ist.

 

Sendetermin: 02. April 2026. Denn wenn man Moritz von Uslar folgen möchte, gilt vielleicht tatsächlich: Popjournalismus existiert noch. Man muss nur genau hinschauen. Manchmal reicht es sogar, einfach das Radio einzuschalten.

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