Jazzrock gegen die Schublade: Geordie Greep Trio live in Köln
von Alan Lomax
Es gibt Momente, in denen man merkt, dass schwierige politische Zeiten wenigstens einen Nebeneffekt haben: Kunst bekommt wieder Gewicht. Nicht als Deko, nicht als Hintergrundrauschen, sondern als Haltung. Als Ventil für Stress. Als Guerilla-Akt für alle, die mit dem Zustand der Welt nicht einverstanden sind. Das ist keine neue Beobachtung, das ist Popkulturgeschichte. Und genau hier beginnt dieser Abend im Kölner Buhmann & Sohn – auch wenn es zunächst nur nach einem Jazz-Trio-Konzert aussieht.
Wenn man das Wort Avantgarde ernst nimmt – also: vorneweg gehen – dann klingt das automatisch nach Demonstration. Und ja, genau so ist es gemeint. Green Day als gealterte Punkrock-Stars, die immer noch Haltung zeigen. Bad Bunny beim Super Bowl 2026 als kalkulierter Schlag ins Gesicht all jener, die Kunst gerne traditionell, brav und politisch unauffällig hätten. Vorneweg gehen heißt auch: Protest anzetteln, sich befreien, sich neu erfinden. Im Jazz war das immer selbstverständlich.
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Gerade erst habe ich in meiner Radiosendung auf 674FM – Recording Trips #26 – den 100. Geburtstag von Miles Davis gefeiert. Und wenn wir ehrlich sind: Ohne Miles gäbe es diesen Abend hier nicht. In a Silent Way und vor allem Bitches Brew waren keine Genre-Spielereien, sondern tektonische Verschiebungen. Elektrische Pianos, doppelte Drums, Rock-Grooves, Improvisation als kollektiver Rausch. Fusion Jazz – Jazzrock, Rockjazz, nenn es wie du willst – war kein Stiltrend. Es war eine politische, ästhetische und ökonomische Entscheidung.
Miles hatte verstanden, dass es nichts bringt, wenn schwarze Musik nur für weiße Hörerschaften gespielt wird, während weiße Rockmusiker improvisatorische Musik für ein ebenfalls weißes Publikum produzieren, an der wiederum kaum Schwarze teilhaben. Die Lösung war nicht Rückzug. Die Lösung war Fusion. Neu denken. Grenzen überschreiten. Bitches Brew erschien in einer Zeit voller Paranoia, Rassismus, Weltmachtfantasien – und reagierte nicht mit Parolen, sondern mit Sound.
Fast sechzig Jahre später sitzt Geordie Greep im Trio auf einer Bühne in einer ehemaligen Autowerkstatt in Köln. Bekannt geworden mit Black Midi aus dem Windmill-Umfeld in Brixton, gefeiert als Post-Punk-Hoffnungsträger, als Hype-Ikone einer Generation, die Schubladen liebt, um sie ironisch zu brechen. Vor zwei Jahren erschien The New Sound – ein Monstrum aus Jazzharmonik, Art-Pop, progressiven Strukturen. Viele kamen wohl genau deshalb.
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Und dann passiert etwas Entscheidendes: Er spielt keinen einzigen dieser Songs.
Keine Ansage.
Kein Crooner-Moment.
Kein „Holy, Holy“ als identitätsstiftendes Zitat.
Stattdessen zwei Stunden Jazzrock. Radikal, dialogisch, improvisiert. Die drei Musiker arbeiten sich von Solo zu Solo, sprechen mit ihren Instrumenten, suchen Bridges, Breaks, melodische Wendungen, die nur im Moment entstehen können. Das ist kein nostalgischer Fusion-Revivalismus, sondern Gegenwartsmusik mit offener Struktur. Man hört das Suchen. Man hört das Risiko. Man hört, dass das hier erst der Anfang einer Tour ist, ein Prozess.
Bemerkenswert ist das Publikum. Jung. Konzentriert. Viele dürften Greep als Post-Punk-Held kennengelernt haben – nicht als sitzenden Gitarristen, der Jazz spielt, ohne Kompromiss. Und doch bleibt niemand demonstrativ unzufrieden. Niemand fordert Hits. Ich erinnere mich an Helge Schneider, der in der Philharmonie auf Hit-Rufe mit „Und nun spiele ich Strafjazz“ reagierte. Hier wird kein Strafjazz gespielt. Hier wird Ernst gemacht.
Die These ist gewagt, aber ich halte sie für plausibel: Für viele war das gestern das erste echte Jazzkonzert ihres Lebens. Und sie sind geblieben. Haben sich dem Rausch hingegeben. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist kulturell relevant.
Was Greep hier tut, ist im Kern konservativer Jazz. Aber er macht eben das, was ihn interessiert. Er nimmt sich die Freiheit, mit einem Trio um die Welt zu fahren und jeden Abend radikaler zu werden. Mit der Band Knapst im Rücken – einer geschmeidigen Bass-und-Drum-Maschine – wird das Projekt wachsen. Man spürt, dass die drei sich erst noch vollständig finden werden. Dass am Ende des Jahres alles flüssiger, tiefer, telepathischer sein wird. Gestern war die Hybrid-Phase. Das Vorstellen der Idee. Und genau das macht solche Abende so wichtig.
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Früher hätten mehrere Tageszeitungen und Musikmagazine diesen Zustand festgehalten. Nicht aus Nostalgie, sondern um Entwicklung zu dokumentieren. Um später nachvollziehen zu können, wann etwas kippte. Wann aus Post-Punk-Hype Jazzrock-Konsequenz wurde. Warum ein Konzert in Köln plötzlich im selben Atemzug mit einem globalen TV-Moment wie dem Super Bowl genannt werden kann.
Weil es um Aufbruch geht.
Um Widerstand gegen Vereinfachung.
Um Musik, die sich nicht kopieren lässt.
Und hier liegt vielleicht der eigentliche Kern: Jazz – insbesondere in seiner Fusion-Form – ist nahezu unkalkulierbar. Keine KI wird diese Improvisationen reproduzieren können. Kein Algorithmus wird diese Dialoge planen. Kein System wird diese Momente einfrieren und wieder ausspucken können, ohne dass sie ihren Kern verlieren.
Von Bitches Brew bis hier und hier verläuft eine Linie. Nicht gerade, nicht planbar, aber spürbar. Avantgarde heißt nicht Pose. Avantgarde heißt: Risiko. Und genau das hat Geordie Greep an diesem Abend geliefert.
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Zeitgeist Festival Nijmegen, December 7, 2024 - www.lomax-deckard.de
Zeitgeist Festival Nijmegen, December 7, 2024 "Every artist stands on the shoulders of those who came before them." * *German short Version The Zeitgeist Festival 2024 wasn't just a festival-it was
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Recording Trips (01.01.2026) #25
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