Neil Young — 04.07.2025 Mönchengladbach

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  9. Juli 2025, 06:23  -  #Konzertbereicht

Neil Young — 04.07.2025 Mönchengladbach

Ich glaube, Neil Young ist es völlig egal, dass er an diesem Abend in Mönchengladbach spielt. Er sieht das Universelle: die Sehnsucht, den Asphalt, das Wetter, irgendein rostiges Auto, irgendeine lokale Band mit Leidenschaft. Vielleicht inspiriert ihn diese Industrietristesse sogar mehr als das Glastonbury Festival oder das Montreux Jazz Festival, wo er direkt vor und nach Mönchengladbach aufgetreten ist.

So wie Kerouac in seinem On the Road am liebsten dort Halt machte, wo der Highway schon wieder zu Ende war, scheinen Neil Youngs Songs genau an solchen Orten am tiefsten zu atmen.

Dieses Konzert war packend, ohne Glitter, von einer Intensität, die später wahrscheinlich als legendär erzählt werden wird. Der Fokus lag einzig auf dem Klang. Was bei den gegebenen Bedingungen eines Sommerabends natürlich ein Parforceritt für Technik und Crew ist. Young bringt sein eigenes Tonteam und Soundsystem mit. Lokale Empfehlungen? Interessieren ihn nicht. Er vertraut seiner Crew, seiner jahrzehntelangen Erfahrung.

Ungewöhnlich in einer Welt, in der das Publikum wie bei Hornby’s High Fidelity am liebsten immer dieselbe perfekte Setlist im selben Sound hören würde. Hier passiert stattdessen etwas Eigensinniges, nicht planbares.

Spotbedingt bekommt hier nicht jeder die gleiche akustische Dröhnung. Wind, Entfernung – Parameter, die nicht lieferbar sind. Wir standen gut. Mich hat mehr als alles andere der Gitarrensound ergriffen. Dazu später.

Neil Young verzichtet bewusst auf Video-Screens, auf visuelle Effekte. Der Musikgenuss steht im Zentrum. Visuelle Vergrößerungen? Ganz bewusst ausgeschlossen. Neil spielt den ehrlichsten Ton, den er findet. Punkt.

Sein Gitarrensound ist radikal simpel, extrem eigenwillig. Nicht kopierbar. Seine Old Black, diese abgewetzte Les Paul von 1953, ist allein schon die über 150 Euro Ticketpreis wert. Ihr wilder Charakter steht vielleicht am besten als Platzhalter für Neil Young selbst, der mit fast 80 Jahren immer noch rüstig wirkt. Sein zerfetztes T-Shirt, diese bullige kanadische Lumberjack-Mentalität – ewige Jugend, irgendwo zwischen Jack London und Charles Bukowski.

Der Gain seiner Amps ist immer jenseits des Anschlags, der Volume-Poti oft runtergedreht. Besonders die cleanen Sounds sind es diesmal, die einen einlullen. Auch die eher ruhigen Klassiker wie „Harvest Moon“ und „Heart of Gold“ tragen an diesem wundervollen Sommerabend, mit epischem Sonnenuntergang, dazu bei. Young weiß das. Und niemand soll mir erzählen, dass ihm eine gute Show egal wäre. Der ist Profi.

Der gesamte Sound war eher schneidend, fast rustikal, als fett. Es war erfrischend, endlich wieder so einen analogen Sound zu hören, der nicht durch Sub-Bässe und tausend Filter weichgebügelt wurde. Genau in diesem Ungeglätteten lag die Schönheit und Erhabenheit dieser zweistündigen, unvergesslichen Show.

Ein Statement gegen die digitalen Gitarrensounds, die man leider immer öfter auch bei kleineren Bands hört. Was natürlich an diesen furchtbaren digitalen Amp-Modeler liegt.

Bitte — kurzer Exkurs: Ich habe absolut nichts gegen Fortschritt. Was ich bemängele, ist diese Jahrmarktsmentalität bei großen Acts: schnell aufbauen, Line-Check, Show, Build-Off, alles rein in den Truck, nächste Stadt. Minutiös geplant, ohne jede Seele.

Neil Young ist das Gegenteil davon. Und irgendwann werden wir sagen: „Ich durfte das noch erleben.“ Was für mich unbedingt zu diesem roughen, beißenden Sound gehört: der Verzicht auf In-Ears. Floor Wedges, direkter Amp. Heilend, klagend, spirituell. An diesem Abend ist mir das von der technischen Seite noch einmal glasklar geworden.

Neil Young ist das Urbild des kompromisslosen Künstlers. Das gute Gewissen der Rockmusik. Er glättet nicht, er ist der Störfaktor. Ein Archetyp. Nicht umsonst wird er von Pearl Jam bis Conor Oberst zitiert. Aber er ist kein Revoluzzer, wie es vielleicht 80 % des Publikums gern hätte. Er ist ein melancholischer Beobachter, wütend, und er kann diese Wut in poetische Bilder übersetzen. „Ohio“ (nach dem Kent-State-Massaker) oder „Southern Man“ sind dafür wohl die besten Belege.

Kein Bombast, keine LED-Wände, kein Pyro-Overkill. Stattdessen dieser unplanbare Zauber — die, die brennen. In einer Zeit, in der Popkonzerte oft auf Click-Tracks und Content-Strategien gebaut sind, wirkt Neil Young wie ein Relikt. Oder besser: wie ein Mahnmal dafür, was Musik einmal war und immer sein sollte.

Fehler? Teil des Kunstwerks. Atmen, stolpern, explodieren. Das macht solche Abende unsterblich. Die Band durchlebt das alles mit ihm. Anthony LoGerfo ist treibend am Schlagzeug, aber nie fordernd. Eine eher „leichtere“ Aufgabe im Vergleich zu den beiden jüngeren Kollegen: Micah Nelson an der Gitarre, Sohn von Willie Nelson, und Corey McCormick am Bass.

Etwas abseits sitzt Spooner Oldham — Legende, Muscle-Shoals-Urgestein. Ihr kennt „When a Man Loves a Woman“ von Percy Sledge oder „Mustang Sally“ von Wilson Pickett? Dann kennt ihr auch diese wabbernde Hammond B-3, die diese Songs unsterblich gemacht hat. Mit Spooner an den Drawbars, neben dem Leslie. Er ist lange bei Neil Young. Leider sind seine erdigen, sanften Harmonien an diesem Abend dem rauen Klag geopfert worden.

Der Auftritt in Mönchengladbach war nach meinem Gefühl etwas roher als der in Glastonbury. The Times schrieb von „tender and ferocious“, also zurückhaltend und zugleich wild. Zusammengefasst ist diese „Chrome Hearts Tour 2025“ wohl die Vorbereitung für die nächste Tour — wenn wir unsere Kinder und Freunde mitnehmen müssen, damit sie diese Erinnerung bewahren.

Hoffen wir, dass diese Tour die Brücke ist, die viele verstehen lässt: Neils Vergangenheit (Crazy Horse, Soul-Vibes) und das Moderne (Garage-Fuzz, soziale Statements). Ungekünstelte Musik für eine ungeschönte Welt — live, analog, fordernd. Und vielleicht irgendwann der Satz im Kopf: „Ich war da. Als es das noch gab.“

Alan Lomax

 

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