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Musik, Kino, Kultur, Radio


SWANS PORTO June 09 2017 NOS PRIMAVERA SOUND

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 14. Juni 2017, 15:28pm

Kategorien: #Populäre Musik, #Konzerte

Copyright: Alan Lomax Foundation

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Die SWANS genießen im PRIMAVERA FESTIVAL UNIVERSUM einen Sonderstatus. Dieser Auftritt am Freitagabend in Porto war nicht der Erste und mein persönlich letztes Erlebnis mit der Band aus New York ist denkwürdig genug. Folgen Sie dem Link, im Link, der sie erst nach Köln und dann nach Spanien führen wird...

Mich führt das Universum zurück vor die PALCO. Bühne in Porto. Der Vollmond steht über einem kleinen Wäldchen vor der Bühne warten ca. 15.000 Menschen andächtig in religiöser Erwartungshaltung.

Es mag sich im Laufe der Jahre herum gesprochen haben, dass das Leben, nach einem gehörten und gesehen SWANS Konzert, nicht mehr das Gleiche ist, wie vorher. Und es wird sich wieder mal bestätigen, dass es sich hier nicht um ein „normales“ Konzert handelt, aber eben auch nicht um eine Performance.

Die aktuelle Formation spielt seit 2010 zusammen. Mastermind MICHAEL GIRA löste die Band bereits 1997 auf. Zum Ende des Jahres soll es wieder mal soweit sein. Abschiedskonzerte in Berlin und seiner Heimatstadt New York sind bereits geplant. Danach will der schwerhörige („der dreht die Monitorboxen so entsetzlich laut auf, dass alle anderen Musiker sich was in die Ohren stecken müssen“, sagt sein deutscher Gitarrist Hahn) sechzig jährige sich erstmal um seine Familie kümmern, dann das Projekt SWANS weiterführen, mit freien Mitarbeitern.

Darauf darf man gespannt sein! Obwohl es auch ein schmaler Grat ist den GIRA da anstrebt, denn mit Kristof Hahn (dem wohl besten deutschen Avantgarde Gitarristen, der inzwischen aussieht, wie eine parodistische Heldenrolle aus einem Tarantino Film), Norman Westberg (der inzwischen aussieht wie ein ehemaliger Erdkundelehrer), Phil Puleo an den Drums (der aussieht als wenn er inzwischen in einer schwedischen Doom-Metal-Band spielt, Chris Pravdica Bass (der aussieht wie der nette Comicverkäufer um die Ecke) und einem Keyborder (dem man den Stress angesehen hat, aber dessen Namen ich nicht kenne!) hat MICHAEL GIRA eine Band um sich formiert, die ihm gehorcht, die auf die Millisekunde funktioniert und verstanden hat was GIRA’s Idee von Klang, Krach und Dekonstruktivismus ist. Kurzum: Sie sind ihm hörig.

Nun hört es sich bei Texten über die SWANS immer so an, als wenn GIRA etwas Gottgleiches hat. Was natürlich Blödsinn ist. Denn es geht bei der Musik der SWANS ja nicht um Huldigung oder Verehrung, auch nicht um die Synthese der Zerstörung, sondern auf die Konzentration explizit mitgeteilter Informationen in Form von dynamisch unterschiedlichen Abläufen und einem kompromisslosen laut und leise Schema.

Die epischen Steigerungen in den fast ausschließlich mindestens 15 Minuten langen Nummern werden stets von GIRAS Schamanen gleichen Gesang unterbrochen, die von ihm auch körperlich zelebriert werden, in dem er seine Arme ausbreitet und mit geringfügigen Bewegung in den Fingern mehr Angst bei den Zuschauern verbreitet, als der im Hintergrund wütende Keyborder, dessen Monitorboxen gerade kaputt gegangen sind und sich fürchterlich über die Langsamkeit der Bühnentechniker aufregt.

Das geht interessanter Weise fast eine halbe Stunde so! Und es ist interessant, weil die Situation einfach komisch und unfreiwillig lustig ist: GIRA versucht sich in einen Rausch zu spielen, nimmt kleinste Nuancen wahr die ihm nicht gefallen und treibt nebenbei seine Band nach und nach zu Höchstleistungen an den Instrumenten an. Und im Hintergrund wütet der Keyborder, schmeißt mit Gegenständen und ruft so laut Schimpfwörter, dass er sogar gegen Giras, Hahns und Westbergs Distortionlärm ankommt. GIRA quittiert das Ganze mit einem mitleidigen lächeln zu seinem Musiker und einem grausamen Blick zu dem Stagemanager. Und wenn dann schon alles schief läuft, dann läuft es auch schief! Denn nachdem die Monitorbox des alten KORG Gerätes wieder funktionierte, bricht der Ständer zusammen auf dem das Teil liegt. Ich muss lachen…

Das passiert natürlich selten bei einem SWANS Konzert. Denn die Musik der SWANS entwickelt sich im Laufe eines Konzertes zu einem solch sakralen Pathos, dass man sich häufig selbst dabei erwischt, wie man in einen fast psychedelischen Wahn gerät.

Gegen Ende spielt die Formation das extremste Stück der aktuelle Platte, den Titelsong THE GLOWING MAN! Es ist fast 30 Minuten lang. Man muss schon von einer Komposition sprechen, vielleicht sogar von einer Mediation, den oberflächliche Strukturen sind nicht das Konzept.

Als Zuhörer changiert man irgendwo zwischen Geburt, Tod, Ekstase und tiefster Depression. Die immer wieder aufkeimenden Blastbeats holen einen zurück. Während eines Augenblicks öffne ich die Auge und sehe GIRA fast 10 m vor mir stehen. Wie ein Wahnsinniger rührt er einen imaginären Suppenlöffel in der Luft um jegliche Dunkelheit des Augenblicks, Brutalität des Klangs und Bedrohung der aufkeimenden „Wand des Krachs“ aus Feedbackgeräuschen und orgastischen Dissonanzen zusammen zu rühren. Man fürchtet selbst wahnsinnig zu werden. Fragt sich was das soll und warum man sich so etwas antut und was es ist, dass diese fast erhabene Stimmung in einem auslöst, wenn man bei dem Zeitpunkt eines SWANS Konzertes angelangt ist. Und ich habe die Antwort…

…es ist Glück! Ein pures, extrem, grandioses Glücksgefühl und zwar weil das was hier passiert auf allen Ebenen des Gehirns wirkt. Ungeahnte emotionale Bedürfnisse werden geweckt. Michael Gira beschreibt seine Musik selbst als eine Kraft, die größer ist als man selbst.

Klar, das hört sich völlig größenwahnsinnig an. Muss aber sein, denn wie will man sich selbst in Frage stellen, wenn man sich alles permanent erklären kann. Somit ist es einfach einen melodiösen Popsong zu beschreiben oder es auch sein zu lassen, weil er einfach nur positive Gefühle vermittelt. Oder einem Beat folgt, weil sich Körper und Geist an dem Rhythmus erfreut.

Falls Sie niemals etwas ähnliches gesehen oder gehört haben, empfehle ich Ihnen diese Therapie. Es ist schwer die SWANS auf einem Tonträger zu entdecken. Obwohl sich die Plattenfirma Young God Records um MICHAEL GIRA  bei der Veröffentlichung der letzten CDs extrem viel Mühe gegeben haben. Und die besseren Editionen immer mit DVDs ausgestattet haben, um eine Neugierde für die Band und ihr früheres Werk, welches etwas reduzierter ist, zu ermöglichen.

Ihre ganze Kunst entfalltet diese Band allerdings live! Und da kann man schon mal sagen, dass das in diesem Fall, sicherlich das aufregenste und beste Liveereignis ist, welches es derzeit auf diesem Planeten gibt.

Aus dem Monitor von MICHAEL GIRA

Alan Lomax

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