03.02.2026 All her fault Megan Gallagher

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  3. Februar 2026, 09:08  -  #Serien

03.02.2026 All her fault Megan Gallagher03.02.2026 All her fault Megan Gallagher
03.02.2026 All her fault Megan Gallagher03.02.2026 All her fault Megan Gallagher

All Her Fault ist eine dieser Serien, bei denen sich sofort ein stiller, fast körperlicher Respekt einstellt. Nicht, weil sie laut ist. Sondern weil sie weiß, was sie tut. Acht Episoden, die sich wie ein präzise gespanntes Drahtseil anfühlen – jeder Schritt riskant, jeder Blick nach unten moralisch unangenehm, jeder Blick nach vorn zwingend.

Dass diese Miniserie bei HBO gelandet ist, überrascht nicht. HBO spielt seit Jahrzehnten in einer eigenen Liga: Serien nicht als Content, sondern als kulturelle Intervention. Familien-, Thriller- und Gesellschaftsdramen sind dort nie bloß Plotmaschinen, sondern Seismografen einer Zeit. All Her Fault ist genau das: ein Spiegel unserer Gegenwart, poliert mit Angst, Schuld, Neid und jener moralischen Gleichgültigkeit, die sich gern hinter Wohlstand versteckt.

Im Zentrum: Marissa Irvine, gespielt von der unfassbar präzisen Sarah Snook. Eine Mutter, deren fünfjähriger Sohn verschwindet – nicht spektakulär, nicht mit Explosionen oder Verfolgungsjagden, sondern leise. Ein Playdate. Eine falsche Adresse. Eine offene Tür. Und dann: Leere. Snook trägt diese Leere in ihrem Gesicht, ohne sie je zu erklären. Ihre Mimik ist ein Archiv aus Schuld, Kontrolle, Wut und dem verzweifelten Versuch, Haltung zu bewahren. Das ist großes Schauspiel. Bühnenreif. Zeitlos. Man kann sich vorstellen, dass diese Performance in jedem europäischen Schauspielhaus bestehen würde – gestern, heute, in hundert Jahren.

Formal erinnert der Auftakt an Otto Premingers Bunny Lake Is Missing – das Verschwinden eines Kindes als erzählerischer Schockmoment. Doch bereits nach zwei Episoden wird klar: All Her Fault will tiefer. Es kippt vom klassischen Who done it? in ein radikales Familiendrama, das die Frage nach Schuld nicht beantwortet, sondern vervielfacht. Episode 4 ist dabei der emotionale Kern: ein Kammerspiel, präzise inszeniert, Figuren wie auf einem Schachbrett positioniert, Dialoge als Endlosschleifen der Selbstanklage. Loop Drama, das sich in den Wahnsinn steigert – modern und gleichzeitig zutiefst klassisch.

Ein besonderes Gewicht bekommt die Serie durch ihre Nebenfiguren. Allen voran der Ermittler, gespielt von Michael Peña. Zweimal blickt seine Figur in den moralischen Abgrund – und wir als Zuschauer wissen: Ja, das ist okay. Nicht gerecht. Nicht sauber. Aber menschlich. Diese Ambivalenz ist selten geworden im Serienfernsehen, das sich allzu oft in klaren Positionen einrichtet. All Her Fault verweigert diese Bequemlichkeit.

Auch Dakota Fanning überzeugt als Jenny – eine Figur, die nicht Opfer oder Verdächtige bleibt, sondern sich unter Druck neu formt. Freundschaft unter Müttern, Schuldzuschreibungen, die gesellschaftliche Härte gegenüber arbeitenden Frauen: Die Serie seziert das alles ohne pädagogischen Zeigefinger. Sie zeigt. Und lässt stehen.

Dass diese australische Produktion in Chicago spielt, ist mehr als ein Setting-Trick. Es unterstreicht die Universalität des Stoffs: Wohlstand als Schutzbehauptung, Familie als ideologisches Rückzugsgebiet, das bei der kleinsten Erschütterung Risse bekommt. Thriller, Familiendrama, Gesellschaftsanalyse – hier greift alles ineinander, ohne jemals didaktisch zu werden.

Und ja, man muss es sagen: Das hier ist Kunst. Hochwertige, durchkomponierte Serienkunst. Die paar Euro für HBO sind kein Preis, sondern eine Investition. Wer Bücher liebt – echte Bücher, nicht Flughafenware – sollte verstehen, dass Qualität Geld kostet. Diese Serie ist ihr Geld wert. Jede Minute.

Im Kontext meines gerade erschienenen Buches Als Filme noch etwas bedeuteten fühlt sich All Her Fault wie ein Beweisstück an: dass audiovisuelle Erzählungen noch immer bohren können. In gesellschaftliche Wunden. In moralische Grauzonen. In die Angst, dass hinter der gepflegten Fassade alles kippen kann.

Man sitzt vor dem Bildschirm, schüttelt den Kopf, hält es kaum aus – und ist mit dem Herzen längst in der nächsten Folge. Genau so muss das sein.

 

 

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