Indie.Cologne.Festival Subway 03.12.2025 - Der Nachholtermin, der eigentlich keiner sein müsste.

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  4. Dezember 2025, 09:27  -  #Indiependentmusik

Indie.Cologne.Festival Subway 03.12.2025 - Der Nachholtermin, der eigentlich keiner sein müsste.Indie.Cologne.Festival Subway 03.12.2025 - Der Nachholtermin, der eigentlich keiner sein müsste.
Indie.Cologne.Festival Subway 03.12.2025 - Der Nachholtermin, der eigentlich keiner sein müsste.Indie.Cologne.Festival Subway 03.12.2025 - Der Nachholtermin, der eigentlich keiner sein müsste.

Indie.Cologne.Festival Subway 03.12.2025 - Der Nachholtermin, der eigentlich keiner sein müsste.

 

Von Alan Lomax

 

Gestern Abend im Subway auf der Aachener Straße (Köln), an jenem Ort, der seit Jahrzehnten so tut, als würde er sich nicht verändern, obwohl sich alles um ihn herum permanent wandelt, fand der erste Nachholtermin des ausgefallenen Odonien-Sonntags statt. Diese Verlegung in den Untergrund – physisch wie symbolisch – war mehr als eine Notlösung. Sie war eine Momentaufnahme des Ist-Zustands der Kölner Independent-Szene: hart arbeitend, kompromisslos, leidenschaftlich – und gleichzeitig existierend in einer Stadt, die ihre subkulturellen Schätze manchmal mit einer fast schon schmerzhaften Gleichgültigkeit behandelt. Denn obwohl der Abend musikalisch alles bot, was modernen Underground ausmacht, kamen zu wenige Menschen. Zu wenige für die Bands, zu wenige für die Veranstalter, zu wenige für eine Szene, die eigentlich ein ganzes Viertel tragen müsste. Das macht etwas mit einem – und stellt die alten Fragen neu. Woran liegt es? Und warum wird es eher schwerer als leichter?

 

Die einfachste Antwort, und damit auch die dümmste, lautet: am Booking oder an den Bands. Eine klassische Ausrede, so bequem wie falsch. Wer gestern im Subway stand, weiß, dass es nicht daran lag. Die tieferliegende Wahrheit ist ungleich komplexer, denn wir leben in einer Zeit, in der die Lust am Unbekannten erschöpft scheint. Im digitalen Dauerregen, in dem uns Plattformen im Sekundentakt vorsortieren, filtern und vorspielen, ist das Risiko des Neuen unattraktiv geworden. Die Live-Kultur, gerade die unbequeme, unkommerzielle, verdichtet sich auf eine kleine, tapfere Gruppe Menschen, die den Wert des Moments noch kennt. Die Masse bewegt sich dorthin, wo die Gewissheit auf Erfolg garantiert ist – und es ist kein Zufall, dass die Bands, die beim Indie.Cologne.Fest auftreten, keine Instagram-Granaten oder algorithmische Spotify-Wunderkinder sind. Sie kommen aus einer Welt, in der man Songs schreibt, statt sie optimiert. Aus einer analogen Tradition, die paradoxerweise radikaler und moderner ist als die digitale Normästhetik von 2025. Und das führt in ein altes, aber immer wieder übersehenes Paradox: Der Avantgardist sieht alt aus, weil der Zeitgeist stehen geblieben ist.

 

Avantgarde heißt nicht abgehoben oder akademisch. Avantgarde heißt: den Mut zu haben, den Schritt vor der Gegenwart zu gehen. Das Terrain zu betreten, bevor es kartiert wurde. Ein Suchender zu sein. Und genau das, was früher eine Selbstverständlichkeit für Subkultur war, hat heute einen schweren Stand. Denn das Neue kommt ohne Garantien – und Garantien sind das Zahlungsmittel des digitalen Publikums. Während Zartmann & Konsorten (deren Erfolg man ihnen durchaus gönnt) gefällige, kalkulierbare Räume betreten und damit die Portemonnaies der sogenannten Zielgruppen öffnen, scheitert der Underground nicht an seiner Qualität, sondern an seiner Weigerung, sich anzubiedern. Die Kultur, die gestern im Subway stattfand, war relevant. Und sie ist wichtig. Aber sie funktioniert nur, wenn genug Menschen den Schritt in die Dunkelheit wagen, ohne vorher zu wissen, was sie erwartet.

 

Dissolver eröffnete den Abend – ein Solo-Projekt, das so viel Energie in sich trägt, dass man fast vergisst, dass dort nur ein einzelner Mensch mit Gitarre, Mikrofon und Loop-Strukturen steht. Funkige Momente mischen sich mit ruppigem Indie, deutsche Textfragmente schweben wie Gedankenfetzen durch den Raum. Nicht alles wirkt dramaturgisch gebaut, manches wirkt wie ein intuitiver Wurf, der erst noch sortiert werden will. Doch gerade darin liegt eine Faszination: ein Musiker, der etwas sucht, etwas ausprobiert, etwas wagt. Man spürt das Potenzial, man erkennt die Substanz, die darunter liegt. Vielleicht wäre weniger manchmal mehr – aber vielleicht ist genau dieses „Mehr“ der Punkt. Der Versuch, Grenzen nicht zu akzeptieren. Dissolver lässt jedenfalls keinen Zweifel daran, dass hier jemand eine Zukunft hat, wenn er sie weiter hartnäckig verfolgt.

 

Freda trat danach auf – und brachte jene Art Ruhe in den Raum, die sofort eine andere Form der Aufmerksamkeit erzeugt. Sie spielt deutsche Texte mit der Handschrift einer Songwriterin, die nicht gefallen will, sondern erzählen. Ein Hauch Grand Hotel van Cleef schwingt in ihrer musikalischen Sprache mit, nicht wegen der Attitüde, sondern wegen der sensiblen Klarheit, die ihre Songs transportieren. Dass sie The Weakerthans covert, spricht für das Maß an musikalischem Feingefühl, das sie besitzt. Ihr eigenes Material ist warm, unangestrengt, lebendig. Songs, die den Raum nicht dominieren wollen, sondern ihn einatmen. Keine Eitelkeit, keine Exzesse – sondern Haltung und Mut zur Zurücknahme. Eine musikalische Echtheit, die man nicht mehr oft erlebt.

 

Und dann Fovos Alif. Die Band, die sich längst über den Status des Kölner Geheimtipps hinausgearbeitet hat, ohne jemals einen Finger in Richtung Mainstream ausgestreckt zu haben. Rauschhaft, raumfüllend, kompromisslos. Ein Noise-Punk-Shoegaze-Post-Punk-Hybridsound, der die berühmte Subway-Anlage bis an ihre Grenzen brachte und gleichzeitig klar machte, dass die Bühne zu klein war – nicht physisch, sondern emotional. Die beiden wirken fokussierter, geschlossener und intensiver als je zuvor. Ihre Musik verdichtet sich, wird kantiger, schwerer, zielgerichteter. Fovos Alif sind nicht mehr auf dem Weg, eine wichtige Band zu werden. Sie sind es schon. Sie sind analog, sie sind avantgardistisch, sie sind authentisch, sie sind ambitioniert – und sie sind eines der interessantesten Role-Models der aktuellen deutschen Independent-Szene. Wer sie einmal live erlebt hat, erzählt davon weiter. Und das ist vielleicht die wichtigste Währung, die eine Band im Jahr 2025 besitzen kann.

 

Es bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die gestern da waren – und es waren wenige, aber es waren die richtigen – den Abend nicht einfach im Gedächtnis behalten, sondern davon erzählen. Denn Kultur entsteht nur dann, wenn sie geteilt wird, und Underground überlebt nur, wenn Menschen in ihn hineinlaufen, statt darauf zu warten, dass er zu ihnen kommt. Heute Abend findet die zweite Show statt. Vielleicht kommen mehr. Vielleicht auch nicht. Aber solange solche Abende stattfinden, solange Menschen wie Markus Sangermann sie möglich machen, solange Bands wie Dissolver, Freda und Fovos Alif sich auf eine Bühne stellen, solange lebt die Idee weiter – die Idee einer Stadt, die einmal berühmt dafür war, dass man nicht wissen musste, was man bekommt. Nur dass man wusste, dass es sich lohnen würde.

 

 
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