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Spike Lee's Buffalo Soldiers '44 - Das Wunder von St. Anna

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 3. April 2011, 11:18am

Kategorien: #Filme

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Erste Bildeinstellung! Wir sehen einen Hausflur. Die Kamera ruht. Dann fährt sie langsam den Flur entlang, endet auf dem Fußabtreter. Wir lesen das Wort „Welcome“. Die Wohnungstür öffnet sich. In dem kleinen Appartement sehen wir einen alten afro-amerikanischen Mann sitzen. Er sieht sich einen Kriegsfilm an... 

Spike Lee macht seit fast 30 Jahren Filme. Dabei hat er wie wenige amerikanische Regisseure eine eigene Handschrift entwickelt. Meist sind seine Charaktere überzeichnet, meist haben seine Filme eine politische Botschaft, meist handeln sie von der Thematik „latenter bis offensichtlicher Rassimus“, immer haben sie einen humanitären Hintergrund. Dabei geht er filmerisch meist plakativ, intensiv und progressiv vor. Viele seiner offenbar unterhaltsamen Filme, haben einen ernsthaften Hintergrund, einige seiner ernsthaften Filme, unterhalten im Hintergrund. Spike Lee ist ein Filou. Einer der genau weiß, wie das Kino funktioniert, was für eine Macht es hat und wie man diese beiden Attribute an den Zuschauer vermittelt. 

Dabei geht er konsequent strategisch vor, überlegt sehr genau, warum das eine passieren muss, damit etwas späteres einen Sinn ergibt. 

Sein Hauptdarsteller sind überwiegend schwarz. Seine Sprache und sein subkultureller Bezug, ist eigentlich immer Harlem, New York. Daher ist es auch immer ratsam, sich Spike Lee Filme in der Originalsprache anzusehen. 

Warum muss man das alles wissen? Mit „Buffalo Soldiers ‚44“ bringt er dies alles erneut zusammen und überfordert definitiv ein mögliches neues Publikum, fordert sein Altes dabei heraus, so dass es sich entweder abdreht und geht oder bleibt und überlegt. 

Buffalo Soldiers 44 hat Momente die nicht gut sind. Allerdings auch Sequenzen die unvergesslich bleiben. 

Basierend auf dem Buch „Das Wunder von St. Anna“ erzählt Lee die Geschichte eines farbigen Postbeamten, der von einer Sekunde zur nächsten einen Mann mit einer deutschen Luga aus dem zweiten Weltkrieg am Postschalter erschießt. Dabei findet man in seiner Wohnung einen antiken Steinkopf. In den darauf folgenden Rückblick erfahren wir, wie es dazu kam. Den Verlauf der Geschichte nutzt Lee gekonnt, um zu zeigen, dass schwarze Amerikaner sehr wohl ihr Leben im zweiten Weltkrieg riskierten, um Europa von den Nazi zu befreien. Warum sehr wohl? Nun ich habe selten Afro-Amerikaner in amerikanischen Filmen gesehen, ganz einfach! 

Die vier G.I.s um die es im Film dann geht, werden in einer Schlacht in der Toskana von ihrer Einheit abgeschnitten, retten einen rätselhaften kleinen Jungen und landen schließlich in dem kleinen Bergdorf St. Anna. Welches Spike Lee letztendlich als Schmelzpunkt der gesamten, im Prinzip völlig absurden Geschichte des zweiten Weltkriegs nutzt. 

Italiener, Deutsche, schwarze Amerikaner, Rassenkonflikte, Religion, kulturelle Unterschiede, ein Kammerspiel entsteht. Die angefangen Haupthandlung und den Grund des Mordes, führt er am Ende in der Gegenwart wieder zusammen. 

Dabei begeht Lee leider einige Fehler. Er verliert zwischendurch die Erzählstruktur, der Film gleitet ihm aus der Hand. Und dann sind wir auch bei Sequenzen die nicht gut sind. Zwei konkrete Beispiele: 

Der Dialog zwischen zwei führenden deutschen Soldaten in den Bergen der Toskana, werden wohl als einer der schlimmsten Dialoge in die Filmgeschichte eingehen. Waldemar Kobus gibt dabei eine unverständlich Schauspielleistung auf RTL-Nachmittagsniveau ab. Der eigentlich gute deutsche Schauspieler Christian Berkel, steht daneben und kann es kaum fassen. Der Zuschauer merkt es. Unnötig, man verbleibt mit Fragezeichen, genau wie bei einem seltsamen Auftritt von Alexandra Maria Lara. 

Weiterhin gibt es in dem Film eine schlimme, kaum zu ertragende Massenhinrichtung. Lee hat auch diese Sequenz in Hochglanz gedreht, hat keinen künstlerischen Weg gefunden, dem Zuschauer diese fürchterliche Szene zu ersparen. Trash trifft dann ganz schnell auf unfassbare Dramatik, der Film verliert seine Kompaktheit, es wird kurzweilig, unerträglich. 

Aber und dass ist wahrscheinlich auch der Grund, warum  man doch bleibt und überlegt, es gibt auch phantastische Ansätze. Einige grandiose Dialoge und Momente, die den Wahnsinn des Krieges, auf einer noch nie dargestellten Ebene zeigen. Siehe auch: http://lomax.over-blog.de/article-die-hbo-serie-the-pacific-sinn-oder-irrsinn-von-kriegsfilmen-63791674-comments.html#anchorComment 

Somit führt Spike Lee den Beweis an, dass es doch noch Themen gibt, die besprochen werden müssen und das wir mit dem Genre noch lange nicht am Ende sind. Insbesondere nicht, weil eben der Bezug auf den Bezug gefehlt hat. 

Persönlich gefällt mir an Spike Lee Filmen, dass er seine eigene Geschichte und seine Mahnungen nicht immer ernst nimmt, sondern bei einer gestellten Forderung an sein Publikum, auch immer alternativen Weg zum Nachdenken mitgibt. 

Denn die Wahrheit ist folgende: Erst im Juni 1941 wurde per Präsidentenerlass die Rassendiskriminierung, nicht aber die Rassentrennung, in allen US-Regierungsbehörden verboten. Erst ab diesem Zeitpunkt stand Schwarzen das US Marine Corps offen, das bis dahin als einzigen Teilstreitkräften Weißen vorbehalten war. Dieses Thema ist der eigentlich Grund für den neusten Spike Lee Film. Und genau darauf hätte Lee sich konzentrieren sollen. Somit sind auch alle Sequenzen, alle Handlungsstränge in dem Film sehr gut, die sich damit beschäftigen. 

Spike Lee kennt sich mit dieser Thematik am besten aus. Er hat oft genug bewiesen, dass er das Sprachrohr dieser amerikanischen Tragödie ist. Mit den europäischen Themen in dem Film, wirkt er dann auch oftmals überfordert oder legt sie bewusst fragwürdig an. Wer weiß es schon? 

Einer der größten Indianerhasser und latenten Rassisten des amerikanischen Kinos ist John Wayne gewesen. In sofern, ist es auch kein Zufall, dass der Afro-Amerikanische Mann am Anfang des Films den Film „Der längste Tag“ im Fernsehen sieht. 

„Trotz äußerlicher Detailgenauigkeit bietet der Film eher großes Starkino, als dass er zur historischen Klärung der Ereignisse beitragen kann. Vom humanitären Standpunkt liefert der Film kaum emotionale Berührungspunkte“. Das Lexikon des internationalen Films zu „Der längste Tag. 

Man könnte fast meinen, dass der Streifen 1962 der künstlerische Auslöser für „Buffalo Soldiers 44“ war bzw. sollte/muss man davon ausgehen. Und dann auf einmal, macht nicht nur der Film Sinn, sondern auch die Frage, was das alles soll, mit den Kriegsfilmen!?Spike Lee ist und bleibt ein besonders kluger und genialer Filmemacher. Für mich hat er eine Sonderstellung unter allen anderen amerikanischen Regisseuren und das beweist er mit diesem streitbaren großen, aber auch streckenweise diskutablen Film abermals. 

Alan Lomax

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