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Musik, Kino, Kultur, Radio


THE GET DOWN – Über die Serie, mein Buch und meine ewige Liebe zum Hip-Hop!

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 24. Oktober 2016, 17:12pm

Kategorien: #Fernsehen

THE GET DOWN – Über die Serie, mein Buch und meine ewige Liebe zum Hip-Hop!

Am 13. Juli 1977 legten Blitzschläge in New York City das komplette Stromnetz lahm. Lange bevor die erste Hip-Hop-Schallplatte veröffentlicht wird, gilt diese Nacht, in diesem Sommer, als der Sommer in dem diese -neben dem Jazz- einzige amerikanische Kunstform erfunden wurde. 

DJs die längst keine Lust mehr auf DISCO hatten montierten, erste Beats zusammen und ließen zwei Plattenspieler parallel laufen. Kool Herc, Afrika Bambaataa und Grandmaster Flash müssen als wichtigste Pioniere genannt werden. Wann der Rap hinzukam ist schwieriger zu belegen…

Der Regisseur & Produzent Baz Luhrmann kann das alles in seiner NETFLIX-Serie THE GET DOWN nicht so wichtig nehmen. Und natürlich muss er auch einige Jahre zusammenfassen, die für HipHop-Puristen nicht trennbar sind. Aber Luhrmann macht es richtig. In der Nacht als in New York der Strom fehlte, es zu Unruhen kam und afroamerikanische Jugendliche die Chance ergriffen, teures Equipment aus den Elektroläden zu plündern, wurde aus Baz Luhrmanns cineastischer Sicht der HipHop geboren.

Eingebettet in eine hübsche Coming-of-Age und Liebesgeschichte lernen wir in der Serie über die Entstehung des Hip-Hops Ezekiel (Justice Smith) kennen. Einen ziemlich intelligenten und worttalentierten jungen Mann, der seine Lebenserfahrungen als Waise in Gedichten verfasst und zur rechten Zeit mit seiner Crew, den DJ Shaolin Fantastic kennenlernt. Shaolin hat Verbindung zur Unterwelt, kennt aber auch Grandmasterflash und will als DJ groß werden. Schnell stellt sich heraus, dass Ezekiels Lyrics bestens zu seinen Beats passen.

Dieser heißer Sommer 1977 steht für den HipHop. Der sich aus Unruhen, politischen Missständen, guter Musik und vielen Talenten in einem arg segregierten Viertel New Yorks einfach entwickeln musste.

Noch heute gibt es viele die damals dabei waren. Sogar ein paar weiße Menschen meinen mehr zu wissen, als z. B. ein Grandmaster Caz, der heute Touristen in der Bronx erklärt, wie diese Musikkultur erfunden wurde. Und wenn man mit zeitgenössischen Hip-Hop Enthusiasten über den Ursprung diskutieren würde, gäbe es bestimmt ein herrliches Wordpuzzle, wie im besten aller HipHop-Filme DO THE RIGHT THING von Spike Lee (1989). 

Bis heute gilt dieser Film als der intelligenteste, ehrlichste und stylischste Film zum Thema Rassismus, der bisher gedreht wurde (Filmzentrale). 

Im Gegensatz zu Luhrmann, macht Spike Lee bei DO THE RIGHT THING im Sinne von Hip-Hop, New York, Gesellschaft, Politik und Film alles richtig und inszeniert eine Gewaltstudie mit treibenden Dynamik. Wobei Spike Lee natürlich ehr ein Beobachter seines Viertels ist und seine Zuschauer verstören will und nicht wie Luhmann unterhaltsam, romantisierend erklären will, wie der Hip-Hop entstanden ist. Und da muss man die Serie THE GET DOWN vielleicht auch ehr ein wenig in Schutz nehmen als sie fertig zu machen.

Denn wer Luhrmann‘s Filme MOULIN ROUGE und DER GROßE GATSBY gesehen hat, weiß das der australische Regisseur zum großen ausufernden Bild und visuell durchdrehenden Gewalten steht. Sich dabei manchmal etwas zu viel rausnimmt, aber auch immer innovativ und fast durchgeknallt, mit seinen Projekten daher kommt. 

Im besten Fall entwickelt sich sowas dann zu einem generischen Rausch bzw. Kunstwerk wie es MOULIN ROUGE geworden ist. Einem für sich selbst stehenden Film, der dies nach erneutem Sehen, tatsächlich bestätigt, obwohl es ein Musical ist.

Auch THE GET DOWN ist einzigartig!. Aber streitbar! Eben weil es hier um die wichtige Kunstform Hip-Hop geht, den vielen Menschen weltweit etwas bedeutet. Zudem gehört der Hip-Hop zu den wenigen zeitgenössischen Musikstilen und Popkulturen, die Menschen die zwischen 1960 – 1970 geboren sind, für sich selbst beanspruchen können und nicht auf mystische Geschichten der Vorgänger Generationen hören müssen.

 

 

Und ich finde man muss diese Tatsache respektieren, wenn man sich auf das Thema einlässt. Sich also die Frage stellen, wie bin ich selbst mit dem Hip-Hop konfrontiert worden, was bedeutet mir diese Popkultur heute noch nach 40 Jahren und wie kann ich mich als weißer Westeuropäer der mit dieser Kultur, gesellschaftlich gesehen wenig zu tun hat, trotzdem identifizieren, aber immer mit dem notwendigen Respekt und der richtigen Distanz.

"You've exploited and stolen the music, the moment/The magic, the passion, the fashion, you toy with/The culture was never yours to make better/You're Miley, you're Elvis, you're Iggy Azalea/Fake and so plastic, you've heisted the magic"

Stellt so z. B. der weiße Rapstar Macklemore in seinem Bombastsong WHITE PRIVILEGE II fest und fragt sich ebenfalls wie ich, über die eigene Rolle in diesem Universum, ohne jemals deren Erfahrungen gemacht zu haben. Ein wenig  Selbstreflexion kann daher nicht schaden, bevor man wieder mal ins Fettnäpfchen tritt und sich unreal macht.

 

 

In meinem Buch, welches hoffentlich im Jahre 2017 das Licht der Welt erblickt, beschreibe ich in dem Kapitel 9 – Reggae Christian – Eine Gregory Abbott Platte zu besitzen ist keine Schande, meinen um sieben  Jahre verspäteten (also 1984) ersten Touchpoint zum Hip Hop mit allen denkbaren Problemen eines weißen kleinen Jungen in einer Welt zwischen Weißen, ohne Afroamerikanischer oder Afrikaner:

„In Klasse 8 entdeckte ich Rapmusik. Merkwürdiger Weise war es ein Junge aus meiner Klasse, der eines Tages mit einem Kassettenrecorder und weißen Handschuhen in die Schule kam und mich fragte, ob ich in der Pause mit ihm Breakdancen wolle! „Klar“, sagte ich, unwissend, wissend! Also, gingen wir gemeinsam auf den Schulhof, er stellte seinen Kassettenrecorder an und wir hörten: …die ersten Beats von Fab 5 Freddys „Cuckoo Clocking“, dann „Street Rap“ von Busy Bee. Es waren nur diese zwei Nummer die der Junge von dem Soundtrack zu dem Film WILD STYLE hatte. Bereits nach den letzten Beats, von STREET RAP mischte sich Paul Youngs „Come Back and Stay“ in das visionäre Tape. Wir mussten somit nach knapp 5 Minuten wieder zurückspulen. Das übernahm ich, da mir erst mal ansah, was der Junge tänzerisch zu bieten hatte: Er bewegte sich wie ein Roboter, hatte weiße Handschuhe an, um damit zu unterstreichen, dass er an einer imaginären Fensterscheibe rumkroch und ging dann in verschiedene Gymnastikübungen über, die ich aus dem Zirkeltraining des Sportunterrichts kannte.

Egal, ein paar Tage später hatte ich auch weiße Handschuhe und konnte immerhin schon „Den Frosch“ der nichts anderes war als eine Kniebeuge mit den Armen zwischen den Beinen. Und es machte Spaß. Von anderen wurden wir ausgelacht, einige aber machten auch mit und somit waren WiR die Pioniere des Breakdance. Zumindest an diesem Schulzentrum. 

Zu dieser Zeit, die vielleicht 2 Wochen dauerte, ging ich auch mit dem Jungen ins Kino und wir sahen uns den Hip-Hop-Film WILD STYLE an. Ich war überrascht, dass dieser Film keine Handlung hatte und ehr ein Dokumentarfilm war, in dem die unterschiedlichen Communities New Yorks gezeigt wurden. Außerdem war das Thema Graffiti sehr dominant, welches mich später noch intensiver beschäftigen sollte. Da ich bereits 1986 mit einigen anderen großen Jungs und Sprayflaschen unsere Tags in Hannovers Tunneln hinterließen. Ein anderes Thema…

Die Euphorie für die Tanzstunden während den Schulpausen ebbte schnell ab. Ebenso wie meine kurze Freundschaft zu dem Jungen mit den weißen Handschuhen. Denn wenige Jahre später, als ich an einem Freitagabend mit lässiger Neo-Psychedelischer Frisur, roten Chucks und einer enorm coolen in Domestos aufgeweißter Jeanshose auf dem Weg in der Stadt war, und auf den „Jungen“ und seine Freunde traf, war dieser gar nicht mehr so neugierig auf fremde Musikbewegungen. Im Gegenteil: Er und seine Kumpels hatten Docs (Dr. Martens) an, die Haare rasiert und waren Skins. Als ich in den Bus einstieg, hörte ich sie schon von hinten grölen: „Psycho-Punk wir knallen Dich“, usw…

Zum Glück kannte ich die Jungs seit klein auf und so gingen wir unsere Wege in das nächtliche Hannover, ohne das schlimmeres passierte. Ich denke oft daran, wie es kommen konnte, dass er von diesem gelungen Start in ein facettenreiches Popkulturelles Leben, so früh aufgab und sich dem faschistischen Dreck eines Nazis hin gab! Egal, Faschos raus! Dafür gibt es bis heute keine Entschuldigung!“(Copyright Alan Lomax 2016)

 
 
THE GET DOWN – Über die Serie, mein Buch und meine ewige Liebe zum Hip-Hop!

 

Dies sind für mich keine nostalgischen Gedanken, sondern die Tatsache und Notwendigkeit der Sozialisierung von Musik und Lebensstilen bis heute. Für mich sehr wichtig!

Hip-Hop spielt seit diesem Initial eine große Rolle in meinem Leben, welches zwar durch einen „normalen“ Job gekennzeichnet ist, aber im Prinzip aus immer mehr kleinen, künstlerischen Projekten besteht und noch mehr Wissensdurst und Wille zum musikalischen Erlebnis Hip-Hop entwickelt.

Nun ist es noch nie in meinem Leben so gewesen, dass ich in einem imaginär festgelegten Zeitraum „nur“ diese oder jene Gattung von Musik gehört habe. Es liegt immer mehr daran, wie mich ein Genre von außen beeinflusst. Und ich muss sagen, dass 2016 wiedermal ein starkes Jahr für diese Musik ist.

Wenn Sie sich die TOP5-Listen meiner Lieblingsmusik der letzten Jahre ansehen, werden Sie feststellen, dass immer mindestens 2 Hip-Hop Alben dabei sind. Warum das so ist, ist schnell erklärt und auch nachlesbar bei Älteren Eintragen in der Kategorie Jazz. Einer Musikgattung die aus zeitgenössischer Sicht mehr und mehr ausstirbt, da ihre Protagonisten seit Jahren der Meinung sind, das man hier nichts neu erfinden muss und sich die Substanz von selbst trägt. Ein Sterben findet statt. Und trotz besten Gewissen und vielen Versuchen, scheitere ich immer wieder an aktuellen Aufnahmen und auch an Konzerten von verbliebenen Big Stars des Genre. Festivals sterben, Verkäufe gehen zurück, Talente bleiben aus. Es ist schlimm! Aber ich konnte nur davor warnen, mehr Macht habe ich nicht.

Im Hip-Hop habe ich seit je her einen Ersatz gefunden. Diese Musik entwickelt sich permanent fort und erreicht zum Teil qualitative, visionäre Höhenflüge die keine andere Musikrichtung aus einer visionären und handwerklichen Sicht zu bieten hat. 

Wichtig dabei ist, dass man dazu nicht mal in den Underground gehen muss. Hören Sie sich nur mal Kanye West aktuelles Album THE LIFE OF PABLO an, welches wegweisend ist. Und das von dem maßgeblich größten Star des Genres. Soll heißen, kommerzieller Erfolg schreckt nicht davor ab still zu stehen. West hat hier eine der wohl experimentellsten Scheibe auf den Markt gebracht, die jemals die Nummer eins der Charts gesehen hat. Ein wegweisendes und zugleich zutiefst emotionales und sich vor der eigenen Kultur verneigendes Meisterwerk. Das Album des Jahres 2016.

Und umso schöner ist es doch, wenn so ein Album von weiteren aktuellen Meisterwerken ummantelt wird, die Namen tragen wie BABYFATHER, Juicy J oder Drake. Oder eben einer US-Fernsehserie die die Entstehung des Hip-Hops zeigt, wie es sich niemals zugetragen hat, es aber dabei schafft „Ja“ zu dieser Kultur zu sagen, ohne den Zeigefinger zu heben und dabei ein schönes romantisches Bild zeichnet, welches zumindest von der Idee her, sich vor einem von Leonard Bernstein geschriebenen Musicals wie WEST SIDE STORY konzeptionell nicht verstecken muss. 

Vielleicht ist das aber auch zeitgleich Baz Luhrmanns weiteres Problem. Denn er macht eine Serie über die Entstehung einer Musikrichtung mit zahlreichen Nebenhandlungen, die zu dem unterschiedliche kulturelle Hintergründe thematisiert. Wie soll das ohne Tanz- und Musikeinlagen funktionieren? Und ich glaube nicht, dass Sprayer, DJs, Puristen und B-Boys die Liebesgeschichte zwischen Pastorentochter Mylene und unserem Protagonisten gut finden. Aber wie es dann so ist, überfordern die Anleihen zur Graffitikunst, die Erklärung wie ein Beat entsteht und die langen tollen Battlerappassagen einem nicht Hip-Hop geneigten Menschen auch zu schaffen. 

Und so ist dann Baz Luhrmann eben genial und zeitgleich der richtige. Überbordend, lädt er noch mehr auf die Geschichte: Superhelden mit Spezialkräfte, Kostüme o. E., Ganoven, eine Scorseseeske Pulp-Mafia-Story und zu dem sehr guten Hip-Hop-Soundtrack auch noch eine geminderte und gechillte R’n’B Soundvariante.

Also, mir fällt kein anderer Regisseur ein, der das so hinbekommen hätte. Unterhaltsam alle Male, aber eben Gevatter Hip-Hop gerecht und dies bezüglich authentisch.

Zumindest mein Hip-Hop-Herz fühlt sich gestreichelt und würdevoll behandelt. Auch wenn ich nur der weißeste aller Verehrer dieser Popkultur bin!

Alan „Can‘t Jump Higher“ Lomax 

 

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