Dieses Geknister fehlt: Was uns eine Lieblingsband noch wert ist - Essay von Oliver Jörns / Alan Lomax

von Alan Lomax Rick Deckard Blog  -  21. Oktober 2026, 08:06  -  #Essay

Dieses Geknister fehlt: Was uns eine Lieblingsband noch wert ist - Essay von Oliver Jörns / Alan Lomax

Musik ist jederzeit verfügbar. Aufmerksamkeit für sie längst nicht. Zwischen Streaming, Social-Media-Hype und steigenden Konzertkosten stellt sich die Frage, welchen Stellenwert musikalische Entdeckungen heute noch haben. Oliver Jörns alias Alan Lomax, seit über vierzig Jahren Konzertgänger, Plattensammler, Autor und Radiomacher, nimmt ein selbst organisiertes Konzert zum Anlass für eine persönliche Bestandsaufnahme: Der Englische Garten, am 28. November bei 674FM in Köln. Ohne Gewinnabsicht, aus Überzeugung. Ein Essay über die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die Widersprüche der Independent-Kultur und die Frage, was uns eine Lieblingsband tatsächlich wert ist.

 

 

Dieses Geknister fehlt.

 

Warum ich eine Lieblingsband nach Köln hole – und warum die Zukunft der Livemusik auch davon abhängt, ob wir uns noch auf etwas einlassen, das uns niemand als wichtig verkauft.

 

Von Oliver Jörns / Alan Lomax

 

Am 28. November spielt Der Englische Garten bei 674FM in Köln. Ich organisiere dieses Konzert. Es gibt dafür einen ziemlich guten Grund: Ich liebe diese Band.

 

Das ist die ganze Geschäftsidee.

 

Niemand soll sich an diesem Abend bereichern. Wir wollen ihn möglich machen. Eine Band aus München nach Köln holen, Menschen zusammenbringen, Musik hören, danach noch bleiben. Dafür schreiben wir Nachrichten, organisieren Technik, machen Werbung und hoffen, dass aus „Da komme ich auf jeden Fall!“ irgendwann eine Eintrittskarte wird. Wer schon einmal ein Konzert veranstaltet hat, kennt die beträchtliche Entfernung zwischen diesen beiden Zuständen.

 

Ich mache das nicht, weil ich die Musikindustrie retten möchte. Ich möchte einen Abend erleben, den es sonst vielleicht nicht gäbe. Und während ich ihn vorbereite, denke ich darüber nach, was eigentlich passiert ist mit unserer Art, Musik wichtig zu nehmen.

 

Seit mehr als vierzig Jahren gehe ich zu Konzerten. Ich schreibe darüber, sammle Platten, mache Radio und lasse mir von drei Minuten Musik noch immer zuverlässig die sorgfältig eingerichtete Vernunft zerlegen. Ich kenne den Unterschied zwischen einem guten Abend und einem Konzert, das einen noch Monate später beschäftigt. Ich weiß, wie lächerlich es klingt, wenn Erwachsene von einer Band reden, als hätte sie ihnen persönlich das Leben gerettet.

 

 

Ich weiß auch, warum sie das tun.

 

Der Englische Garten gehört für mich in diese Geschichte. Über Bernd Hartwich führt eine Verbindung zu den Merricks, jener Münchner Band, deren Musik Menschen etwas bedeutet hat, ohne dass daraus ein bundesweiter Erinnerungsbetrieb geworden wäre. Hartwich gründete später mit Axel Koch Der Englische Garten; kennengelernt hatten sie sich im Plattenladen Best Records. Natürlich im Plattenladen. Hartwich starb 2020. Die Band spielt weiter. Darin stecken Freundschaft, Verlust und eine musikalische Geschichte, die mit den Menschen weiterlebt, die sie hören.

 

Mich interessiert diese Band aber ebenso sehr in der Gegenwart. Ihre Melodien, ihre Haltung, diese Vorstellung von Pop, in der Eleganz und Eigensinn miteinander ausgehen dürfen. Man kann dazu tanzen und trotzdem etwas empfinden, das über den nächsten Getränkekauf hinausreicht. Dafür muss niemand die Merricks kennen. Es reicht, die Ohren mitzubringen.

 

Und doch geraten solche Abende heute in einen seltsamen Wettbewerb. Um Aufmerksamkeit. Um Geld. Um die Bereitschaft, überhaupt noch einen Schritt auf etwas zuzugehen, das einem nicht bereits zwanzigmal begegnet ist.

 

Wenn ich die Konzertankündigungen dieser Stadt durchsehe, wundere ich mich. Da stehen Namen über Sälen, deren Größe mich überrascht. Ich suche nach Musik, finde ein paar Songs, sehr viel Inszenierung und eine erstaunlich fertige Erzählung vom kommenden Erfolg. Andere spielen vor einer Handvoll Menschen, obwohl Booking und Werbung aussehen, als sei die Nachfrage längst amtlich festgestellt.

 

Manchmal denke ich: Was genau wird hier eigentlich gebucht?

 

Dann muss ich allerdings kurz mit mir selbst vor die Tür.

 

Denn eine junge Band schuldet mir keine Diskografie. Sie braucht weder zwanzig Dienstjahre noch die schriftliche Genehmigung eines Mannes mit gut sortierter Plattensammlung. Und wenn zehn Menschen vor einer Bühne stehen, beweist das zunächst einmal überhaupt nichts gegen die Band. Ich habe selbst oft genug zu diesen zehn gehört. Gerade daraus sind einige meiner liebsten Erinnerungen geworden.

 

Was mich irritiert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der digitale Sichtbarkeit als Beweis für alles Mögliche herhalten soll. Als ließe sich daraus verlässlich ablesen, ob Menschen ein Ticket kaufen, einen ganzen Abend bleiben oder ein zweites Album hören wollen. Ein Clip kann begeistern. Ein Konzert muss eine Beziehung über mehr als zwanzig Sekunden tragen.

 

Diese Beziehung braucht Gelegenheiten. Und Leute, die ihnen vertrauen, bevor sich das Vertrauen in Zahlen ausdrückt.

 

Früher waren wir darin ziemlich gut. Und gelegentlich ziemlich unerträglich.

 

Wir gingen samstags in Plattenläden und verhandelten um Anerkennung. Die richtige Platte auf den Tresen legen. Ein knappes Nicken des Besitzers erhalten. Für einen Augenblick zu den wenigen Menschen gehören, die begriffen hatten, worum es wirklich ging. Andere machten einen Führerschein. Wir bestanden eine mündliche Prüfung über B-Seiten.

 

Wir waren die Indiepolizei. Ohne Dienstmarke, dafür mit sehr engen Vorstellungen von Glaubwürdigkeit.

 

Eine Band im Jugendzentrum war unsere Band. Dieselbe Band ein Jahr später in einer Halle im Industriegebiet stand unter dringendem Verratverdacht. Wir hatten ihr Erfolg gewünscht, allerdings bitte unter Wahrung unserer exklusiven Besitzansprüche. Wir wollten, dass die Welt sie entdeckt. Die Welt sollte dabei ungefähr aus unseren Freunden bestehen.

 

Das war arrogant. Und es hat Menschen ausgeschlossen, die genauso viel zu sagen und zu hören gehabt hätten. Wer unsere Szenen im Rückblick zu herrschaftsfreien Räumen erklärt, hat vor allem vergessen, wer damals ständig erklären musste, warum er oder sie überhaupt dazugehören durfte.

 

Trotzdem war unter diesem ganzen Distinktionsquatsch etwas, das ich vermisse: die Bereitschaft, sich festzulegen.

 

Diese Platte bedeutet mir etwas. Ich werde sie verteidigen. Ich werde dir erklären, warum du sie hören solltest. Notfalls viel zu lange.

 

Natürlich wollten auch wir Bestätigung. Unser Like war der anerkennende Blick über den Plattenladen-Tresen. So weit weg von der Gegenwart waren wir also gar nicht. Aber aus dieser Beschäftigung entstanden Gespräche, Streit, Freundschaften, Bands, kleine Labels und Konzerte. Man bekam eine Idee und fing an. Häufig ohne Qualifikation. Fast immer ohne ausreichendes Geld.

 

DIY war zunächst die Erkenntnis, dass es niemand für einen erledigen würde.

 

Heute kann jeder über Musik sprechen. Das ist eine großartige Errungenschaft. Niemand muss erst an einer Redaktion vorbeikommen, um etwas Kluges, Leidenschaftliches oder Widerspenstiges zu veröffentlichen. Manche der interessantesten Stimmen finden sich genau dort, wo die alten Magazine sie übersehen hätten.

 

Nur bringt die Freiheit zu veröffentlichen noch keine Finanzierung hervor. Und die Plattform interessiert sich herzlich wenig dafür, ob jemand einen Zusammenhang verstanden hat. Sie braucht etwas, das uns aufhält. Empörung funktioniert. Vertrautheit funktioniert. Ein Gesicht, das überraschend in die Kamera schaut, funktioniert offenbar ebenfalls hervorragend.

 

Ein geduldiger Text über eine Band, deren Bedeutung sich erst beim dritten Hören erschließt, hat es schwerer.

 

Schon 2018 beschrieb die Groove beim Ende ihrer regulären Printausgabe, wie Anzeigenbudgets zu Google und Facebook wanderten, während Vertrieb teurer und der Platz am Kiosk knapper wurde. Die Redaktion arbeitete online weiter. Dieser Vorgang erzählt viel mehr über den Umbau von Öffentlichkeit als die bequeme Behauptung, niemand interessiere sich mehr für Musikjournalismus.

 

Mir fehlt eine Öffentlichkeit, in der Begeisterung Zeit bekommt. Menschen, denen ich zutraue, dass sie auch nächste Woche noch über eine Platte nachdenken. Texte, nach denen ich etwas hören möchte, von dessen Existenz ich vorher nichts wusste. Und meinetwegen auch ein Verriss, an dem man sich ordentlich reiben kann.

 

Wer so etwas will, muss allerdings gelegentlich dafür bezahlen. Auch wir mit unseren vollen Plattenregalen. Man kann schlecht den Niedergang des Musikjournalismus beklagen und jede Bezahlschranke als persönliche Beleidigung behandeln.

 

Beim Streaming steckt derselbe Widerspruch in der Hosentasche. Ich finde es fantastisch, fast jederzeit Musik entdecken zu können. Eine Empfehlung hören, nachsehen, reinhören, weitergehen. Was für ein Geschenk. Gleichzeitig fällt es erschreckend leicht, weiterzugehen, bevor überhaupt etwas geschehen ist.

 

Der BVMI meldete für 2025 einen deutschen Handelsumsatz mit aufgenommener Musik von 2,42 Milliarden Euro. Streaming machte 84,4 Prozent aus. Das sind Zahlen zum Musikmarkt, keine Konzertumsätze und erst recht kein Nachweis dafür, dass einzelne Bands gut davon leben können. Sie zeigen aber: Geld und Nachfrage sind vorhanden. Die Frage ist, wo sie ankommen.

 

Und was unterwegs aus unserer Aufmerksamkeit wird.

 

Meine Plattensammlung enthält Musik, für die ich Zeit gebraucht habe. Fehlkäufe, die später wichtig wurden. Alben, die ich wegen eines einzigen Songs gekauft habe und deren andere Seite irgendwann mein Leben kommentierte. Platten, an denen Wohnungen hängen, Menschen, ein Sommer, eine Trennung. Einige sind so abgespielt, dass ihre Nebengeräusche zur Erinnerung gehören.

 

Dieses Geknister fehlt mir.

 

Dafür braucht man keinen Plattenspieler. Man kann auf einem Telefon genauso bedingungslos Musik lieben. Ich meine die Spuren, die wiederholtes Hören hinterlässt. Die Möglichkeit, dass etwas bleiben darf, obwohl daneben schon das Nächste blinkt.

 

Bei Konzerten bekommt diese Frage eine ziemlich handfeste Form. Ein Raum muss bezahlt werden. Technik auch. Menschen müssen anreisen, arbeiten, essen, schlafen. Leidenschaft ist dafür ein hervorragender Anfang und ein miserabler Ersatz für eine solide Finanzierung.

 

Die 2025 veröffentlichte Festivalstudie von Initiative Musik, Bundesstiftung LiveKultur und Deutschem Musikinformationszentrum weist für die untersuchten Festivals nur 15 Prozent mit Gewinn aus; 30 Prozent arbeiteten defizitär. Das ist keine Bilanz des Festivalsommers 2026, sondern eine frühere Erhebung. Sie zeigt aber, wie wenig Spielraum vielerorts schon vorhanden war. Im Herbst 2025 meldeten zudem 64 Prozent der im LiveKomm-Monitoring befragten Musikspielstätten starke Belastungen durch die Kostenentwicklung.

 

Wenn ich sage, dass wir mit unserem Abend kein Geld verdienen wollen, heißt das deshalb keinesfalls, dass niemand mit Musik Geld verdienen darf. Gute Arbeit gehört bezahlt. Ein dauerhaftes System, in dem die Engagierten ihre Ersparnisse und Gesundheit hineinwerfen, bis sie verschwinden, wäre eine ziemlich erbärmliche Kulturpolitik.

 

Auch das Publikum hat keine unbegrenzten Mittel. Wer nach Miete, Lebensmitteln und dem Rest des Monats keine Konzertkarte mehr bezahlen kann, hat kein Leidenschaftsdefizit. Und wer erschöpft zu Hause bleibt, muss sich von mir keine Nachhilfestunde im richtigen Leben anhören.

 

Aber wir sollten darüber sprechen, wie wir das Geld verteilen, das noch da ist. Über den einen sehr teuren Abend, für den mehrere kleine ausfallen. Über Programme, deren vermeintliche Sicherheit darin besteht, dass uns alles schon bekannt vorkommt. Über die Zumutung, für eine Entdeckung selbst ein kleines Risiko einzugehen.

 

Ich erwarte von einem Festival, dass jemand eine Idee hat. Dass zwischen den Namen eine Verbindung entsteht. Dass ich nach Hause fahre und von einer Band erzähle, wegen der ich ganz sicher nicht hingefahren bin.

 

Dafür muss ich mich als Besucher allerdings ebenfalls bewegen. Wer nur bestätigte Lieblingsnamen verlangt, darf sich über ein mutloses Programm nicht allzu laut beschweren.

 

Und wer heute The National, Oasis, Nirvana oder The Killers als Beweis dafür anführt, dass früher aus kleinen Bands große wurden, sollte eines bedenken: Damals wusste niemand zuverlässig, wie diese Geschichten ausgehen würden. Hinterher lässt sich jede Karriere wunderbar logisch erzählen.

 

Die kleine Band von heute muss auch nicht irgendwann ein Stadion füllen, damit ihr heutiges Konzert einen Sinn hatte.

 

Vielleicht bleibt sie klein. Vielleicht macht sie drei Platten, die zweihundert Menschen durch ihr Leben begleiten. Das wäre bereits eine verdammt respektable Leistung.

 

Kunst entsteht aus dem, was Menschen vor ihnen gemacht haben, und aus dem Wunsch, damit etwas Eigenes anzufangen. Wir haben die Beatles und die Beach Boys übernommen, obwohl wir bei ihrem Aufbruch nicht dabei waren. Wir hörten Geschichten, bekamen Platten geliehen, fanden Verbindungen. Bei The Cure kann man erleben, wie wenig ein Geburtsjahr darüber entscheidet, ob diese Musik einen erreicht.

 

Diesen Austausch wünsche ich mir weiterhin. Ich möchte jungen Leuten von meinen Bands erzählen. Und ich möchte, dass sie mir eine vorspielen, die ich noch nicht kenne und bei der ich meine ganze Erfahrung kurz vergessen kann.

 

Das verlangt von uns Älteren allerdings, die eigene Begeisterung weiterzugeben, ohne sie als Aufnahmeprüfung zu benutzen. Niemand muss meine Vergangenheit nachholen, um eine musikalische Zukunft zu haben.

 

Die Menschen, die dafür arbeiten, sind ja da. In kleinen Clubs, freien Radios, Redaktionen, Labels und Bookingbüros. Unter jungen Veranstalterinnen, die etwas anfangen, obwohl jede Kalkulation zur Vorsicht rät. Unter alten Freunden, die weiter Kabel tragen, Texte schreiben und nach Mitternacht aufräumen. Manche machen das ehrenamtlich. Andere hochprofessionell. Viele wechseln je nach Wochentag zwischen beidem.

 

Ich habe keine Sehnsucht nach einem Zusammenbruch, aus dem angeblich die Richtigen übrig bleiben. So gerecht geht es nicht zu. Auch hervorragende Clubs können schließen. Auch leidenschaftliche Menschen werden müde. Eine Krise prüft keine Gesinnung. Sie prüft vor allem, wie lange die Rücklagen reichen.

 

Deshalb möchte ich die Orte, an denen mir etwas liegt, lieber unterstützen, solange sie noch offen sind. Ein Ticket kaufen, wenn ich weiß, dass ich hingehe. Eine Platte direkt bei der Band mitnehmen. Einen guten Text teilen, weil ich ihn gelesen habe. Jemanden zum Konzert mitbringen, der diese Musik noch nicht kennt.

 

Das klingt bescheiden. Ein erheblicher Teil unserer schönsten Popgeschichten hat genau so angefangen.

 

Am 28. November spielt also Der Englische Garten bei 674FM in Köln. Ich werde dort sein, weil mir diese Band etwas bedeutet und weil ich möchte, dass andere die Gelegenheit bekommen, das herauszufinden. Man muss mir dabei nicht zustimmen. Man muss weder meine Platten besitzen noch meine Erinnerungen teilen.

 

Vielleicht steht jemand im Raum, hört einen Song und denkt: Verdammt. Wo waren die denn die ganze Zeit?

 

Dann hätte sich schon eine Menge gelohnt.

 

Ich weiß nicht, wie die Konzertlandschaft in fünf Jahren aussieht. Ich weiß aber, dass ich nicht irgendwann vor meinen Regalen stehen und feststellen möchte, dass ich meine ganze Leidenschaft nur noch alphabetisch verwalte.

 

Also machen wir die Tür auf.

 

Kommt rein. Es könnte eure Lieblingsband spielen.

 

 

Quellen und weiterführende Lektüre

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