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Wintersong – Zum Tod der Kölner Jazzlegende Gigi Campi

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 8. Januar 2010, 18:44pm

Kategorien: #Jazz

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Der Tod eines Menschen trifft einen dann am heftigsten, wenn er völlig unvorbereitet vorbeischneit und wenn man dem Menschen der gestorben ist noch gerne etwas gesagt hätte. Wenn die Nachricht einen dann unvermittelt erreicht, ist man nicht nur traurig, sondern insbesondere auch zornig, weil es kein Ersatz gibt und keine Möglichkeit seinen Plan zu vollenden.

 

Soeben habe ich erfahren, dass die Kölner Jazzlegende Gigi Campi gestorben ist. Ein Mensch zu dem ich einen ganz besonderen Bezug gehabt habe und eine gewisse Seelenverwandtschaft gespürt habe.

Bei der Neu-Eröffnung des „Campi im Funkhaus“ hatte ich die Gelegenheit den „Impressario und Gastronom“ (Ksta vom 08. Januar 2010) persönlich kennen zu lernen. Eine ehemalige Kollegin von mir wurde von Campi persönlich als Restaurantleiterin eingestellt und gab mir die Möglichkeit an der Eröffnungsparty teilzunehmen.

Gigi Campi wurde mir persönlich vorgestellt. Nach dem üblichen Small-Talk, erzählte ich ihm, dass ich auch gerne Jazzmusik höre und mir seine Leistungen für diese Musik sehr bekannt sind. Natürlich hatte er kaum Zeit für die Unterhaltung, quittierte die Aussage dann auch nur mit einem knappen: „....es ist schön, wenn junge Menschen sich mit dieser wundervollen Kunst auseinander setzen“. Einige Minuten später sprach mich auf der Toilette der „Sendung mit der Maus Erfinder“ Armin Maiwald an: „Ich habe gesehen, dass Sie sich mit Gigi unterhalten haben, woher kennen Sie ihn?“, fragte mich die Kölner Fernsehlegende!

Diesmal quittierte ich: „...heute erst kennen gelernt! Maiwald darauf hin: „Somit haben Sie heute einen der größten und wahrhaftigsten Menschen der Welt kennengelernt, merken Sie sich den Tag!“

Seit diesem Tag spukt in meinem Kopf immer wieder die Idee, dass ich Gigi Campis Memoiren schreiben möchte. Ein längst überfälliges Buch und ein noch viel überfälliger Film. Interessierten Menschen ist an dieser Stelle das Bich "Jazz in Köln" von Robert von Zahn zu empfehlen. 

Es gibt einige merkwürdige Vorfälle und Gedanken die ich habe seit dem ich Köln wohne. So beschreibe ich den passenden Soundtrack für meine neue Heimatstadt gerne heimlich als den „Persönlichen Big Band Geist von Köln“. Als Tipp empfehle ich, an einem Samstagnachmittag mit einer guten WDR Big Band Aufnahme mit dem Auto durch diese wundervolle Stadt zu fahren! So kann man den Geist spüren!
Zufääig habe ich vor einigen Jahren erfahren, dass ich in den letzten 10 Jahren in einem Haus in Köln gewohnt habe, bei dem der angrenzende Garten im Sommer von den Musikern der unglaublichen Kenny Clarke-Francy Boland Big Band genutzt wurde. Gigi Campi formierte diese Band 1960 und wurde ihr Manager, Impressario, Ansager und Ideengeber. Es gibt weitere Zusammenhänge und Verweise, dass ich offensichtlich in einem früheren Leben, etwas mit dieser Szene zu tun gehabt habe. Allerdings sind diese nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, da ich sonst direkt "eingewiesen" werde.

Während ich diese Worte hier schwerfällig und stark emotionalisiert runterschreibe, läuft im Hintergrund der unfassbare, klare Sound, des Wintersongs von der besonders wichtigen Platte Off-Limits der Kenny Clarke-Francy Boland Big Band. 

Wahlweise hätte ich auch etwas von Dizzy Gillespie (war sein Trauzeuge von Gigi Campi), Caterina Valente, Lee Konitz, Bill Coleman, Gerry Mulligan oder Chet Baker auflegen könne. Gigi Campi kannte sie alle! 

Gigi Campi wurde im Winter 1928 geboren und war bereits als Kind vom Jazz fasziniert. Charlie Parker war sein großer Jugendheld. 1949 eröffnete seine Mutter Gennarina Campi und er ein Eiscafe bildMythosColL01-1.jpgin der Hohe Straße. Es wurde in den fünfziger und sechziger Jahren zum schillernden Zentrum des Kölner Jazz, zum populären Zentrum von Musikern und Fans.Jazzstars die Köln beim (N)WDR waren oder Konzerte spielten, tauchten im Alltagsbetrieb auf. 

„Alle naselang kamen sie ins „Campi“. Dann stand der Dizzy Gillespie an der Theke, dann waren da Musiker wie Bill Russo, Lee Konitz, Lucky Thompson, Bill Coleman und Stan Kenton. Also alle, de hier nach Köln kamen, trafen sich im Campi!“ (Wolfgang Raquet)

Campi verband die Liebe zum Jazz mit einem explosiven Tatendrang, immer auf der Suche nach Gleichgesinnten wurden seine Entdeckungsrituale im Eiscafe schon in den Fünfzigern weit über Köln hinaus bekannt und berüchtigt. Der Trompeter Oskar Klein erinnert sich 1968 an das Verfahren: „Köln 1954: Damals bestanden wir den Campi-Test, eine Prozedur, welche jeder in Köln weilende Jazzmusiker durchmachen musste. Das ging so: man hatte erfahren, dass in einem Eissalon etwas mit Jazz laufen würde. Man begab sich dahin und wurde sofort von einem schwarzhaarigen Burschen mit stechendem Blick starr beobachtet. Als Backgroundmusik hörte man gedämpfte Schlager, bis der junge Mann eine Platte von Tristano oder Konitz auflegte, diesmal mit dem Ausdruck eines Hypnotiseurs. Wenn der Musiker ruhig weiter aß, dann war er für den jungen Campi erledigt, wenn er sich jedoch wie von der Tarantel gestochen herumwarf, zwei, drei Portionen Eis zu Boden wischend, dann war er für Campi interessant und wurde persönlich begrüßt. 

Offensichtlich hat er dieses Verfahren später abgeschafft, immerhin habe ich ihn auf das Thema Jazz angesprochen und er hat mich begrüßt. Eis musste ich nicht aufwaschen, ich bekam ein Glas guten italienischen Weißwein von ihm!

Später organisierte Campi nicht nur einzelne Konzerte, sondern hatte mehr im Sinne. Er organisierte Serien von Produktionen und ganze Tourneen. Bei ersten Konzertreisen von z. B. Chet Baker musste ordentlich draufgezahlt werden. Jede Wette, wenn es um Musik ging, war es Campi egal. 

1954 gründet Campi dann das erste unabhängige Jazzplattenlabel Europas. „Mod-Records“! Für diese Firma wurden weitestgehend Modern-Jazz-Sachen veröffentlicht. Einseitig war Campi nicht! Auf dem Label „Old“ war er offen für traditionellen Jazz. 

Es gab und gibt einige dieser regionalen und überregionalen Jazzimpressarios in Deutschland. Ein kaum besprochenes Phänomen über den dieser blog bereits häufiger berichtet hat: 

http://lomax.over-blog.de/article-26259545.html

http://lomax.over-blog.de/article-27338484.html

http://lomax.over-blog.de/article-30809241.html

http://lomax.over-blog.de/article-controlling-crwods-38159891.html (siehe Ilse Strob) 

Es ist ein Schicksal, dass es solche Menschen kaum noch gibt. Menschen die ihre Leidenschaft zur Profession machen und echte Unikate sind. 

Es gibt noch so vieles zu schreiben über Gigi Campi. Es ist nicht nur die fehlende Biographie, die ich gerne geschrieben hätte und noch gerne mit ihm besprochen hätte!  ...erstmal überwiegt die Traurigkeit über den Tod dieses famosen Menschen! 

„Der Jazz ist gut, weil er echt ist und gegen die Dekadenz der heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse Anklage erhebt!“ Gigi Campi

 

Der trauernder und heimliche Verehrer

Alan Lomax

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Bildquelle:

Stadtarchiv Köln, Rechtlicher Hinweis: Fischer, Peter

www.campi-im-funkhaus.de

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