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Wer bin ich und wenn ja, wie viele? von Richard David Precht: Eines der schönsten Bücher, welches ich je gelesen habe!

Veröffentlicht von Rick Deckard auf 13. August 2012, 20:51pm

Kategorien: #Kommunikation

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Wie kam ich dazu dieses Buch zu lesen?

Mit Philosophie kam ich das erste Mal in Berührung in der Schule. Wir hatten die Wahl zwischen Religion und Werte & Normen. Aus einem inneren Impuls heraus folgte ich letzterem. Religion klang für mich nach einer Blume auf einer grünen Wiese, Werte & Normen entfachte in mir das Bild einer ganzen Blumenwiese mit verschiedenen Farben und Düften. Das klang viel spannender!

Weit über allen Fächern fieberte ich dieser einen Stunde immer entgegen, was auch daran lag, dass der Lehrer (in diesem Fall der Rektor selbst) in der Lage war, dieses Fach und mit ihm die Philosophie sehr einfach zu erklären. Er konnte Begeisterung wecken, er machte neugierig und das soeben gehörte verfolgte mich bis in den Schlaf. Alle diese Ideen, diese Gedanken, diese Präzision in der Denkweise! Das war für einen damals jungen Menschen wie mich ein einschneidendes Erlebnis!

Hoch motiviert (Sokrates, Platon Aristoteles waren meine Stars!) ging ich in die Bibliothek und den Buchhandel und stöberte in der entsprechenden Abteilung. Aber je tiefer ich mich hineinlas, desto unruhiger und demotivierter wurde ich und das aus einem ganz einfachen Grund: Meine Intelligenz und die Reife meines Verstandes reichten nicht aus das zu verstehen, wovon die Philosophen da eigentlich sprachen?! Da mir ein anderes berufliches Schicksal vergönnt war, legte ich die weisen Herren erst einmal ad acta (vergaß sie jedoch nie). Bis vor kurzem.

Kann ein Bestseller ein "gutes" Buch sein?

Soll ich Ihnen ganz ehrlich etwas gestehen? Massenphänomen und Bestsellerlisten gegenüber bin ich von Natur aus äusserst skeptisch. Irgendetwas sträubt sich in mir, wenn ich lese, höre und sehe, dass Massen an Menschen von etwas begeistert sind. Nun ist das Buch bereits vor Jahren erschienen und ich überlegte es mir einmal kurz zu kaufen, legte es aber in das Regal zurück aus Angst enttäuscht zu werden, auch, weil ich den Titel gar nicht verstand. Vor meinem Urlaub hatte ich eigentlich vor "Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne" von Harmut Rosa zu lesen, welches die Buchhandlung aber nicht vorrätig hatte. Also ging ich zum Regal und die roten Schriftzeichen und das kleine Schiff auf dem Ozean fielen mir wieder auf. Binnen Sekundenbruchteilen ging ich mit dem Buch aus dem Geschäft.

Möchten sie eine Antwort auf die Eingangs gestellte Frage? Ja, es kann. Was für ein grossartiges, was für ein berauschendes, belebendes und schönes Buch!

Warum diese Euphorie?

Das hat einen ganz einfachen Grund: Während und nach dem Lesen dieser Lektüre hat mich dieses Buch in Teilen verändert und tut es noch immer. Ich kann nicht mit Sicherheit behaupten, wann mich ein Buch zuletzt verändert hat. Ich fange an, über die Dinge die mich umgeben, über die Menschen um mich herum, über mich selbst intensiv und was wesentlich ist, v.a. anders nachzudenken.

Ich wette mit Ihnen, dass ein jeder von Ihnen irgendwann einmal sich selbst Fragen gestellt hat, in den Momenten, in denen er alleine war, alleine sein wollte, gen Himmel blickte, auf das Meer oder einfach nur in seinem Garten sass und die Natur bewunderte. Diesen Fragen, unwesentlich ob privater oder allumfassender Natur (die uns allen Menschen gemein sind), geht der Autor Richard David Precht in seinem Buch nach. Er findet Antworten darauf, regt den Leser aber an sich mit diesen nicht zufrieden zu geben. Aus diesem stetigen Motor Antworten-Zustimmung-Erkenntnis-Skepsis-Widerspruch  gewinnt das Buch seinen enormen Reiz.

"Eine philosophische Reise" ist übrigens nicht zu viel versprochen. Dieses Buch ist deswegen so gut und lesenswert, weil es den Leser auf eine Reise nimmt die er versteht und am Ende dieser Reise ein anderer wird, sofern er denn sich die Mühe macht es in Ruhe und mit Verstand zu lesen. Es ist eine der faszinierendsten Reisen, die ich je unternahm. Wir erfahren in vielen kleinen Geschichten über die grossen Denker vergangener Jahrhunderte, wir reisen auf verschiedene Kontinente, wir reisen in die unglaublich spannenden Tiefen des menschlichen Gehirns, lernen einiges über die Evolution, wir reisen aber v.a. in das Land des Denkens und das war für mich die aufwühlendste Reise überhaupt.

Philosophie ist eine Geisteswissenschaft. In dem Wort stecken die beiden Wörter Liebe und Weisheit. Beides schöne, beides positive Dinge. Aber die Philosophie ist auch eine Wissenschaft und eine solche ist für Laien immer schwer zu verstehen, egal um welche es sich handelt. Precht ist in der Lage komplizierte Sachverhalte, schwierige Zusammenhänge so zu erklären, dass man, hat man einmal angefangen, nicht wieder aufhören kann.

Er tut etwas, wonach ich lange in dieser Art Literatur gesucht habe: Stets schlägt er Brücken zu uns Menschen, unserem Dasein und verbindet theoretische Gedankenkonstrukte mit Lebensnähe. Das macht die enorme Attraktivität dieses Buches aus. Immer wieder musste ich nach einzelnen Kapiteln das Buch aus der Hand legen und nachdenken. Und man meint es kaum, aber Denken kann viel Spass machen, v.a. dann, wenn die Konsequenzen dieses Denkens einen unmittelbaren Einfluss auf das eigene Leben haben.

Missverstehen Sie mich nicht: Das Buch ist keines dieser furchtbaren Ratgeber, es ist ein fundiert und sehr anschaulich geschriebenes Sachbuch, welches eine enorme Freude bereitet. Precht schreibt nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern versteht es Interesse zu wecken. Interesse für sich, für die anderen Menschen, für das was uns umgibt. Und seine Argumente als auch die der grossen Denker, die er vorstellt, sind plausibel, sie sind nachvollziehbar, sie werden verständlich. Das wozu damals in der Schule kein Buch in der Lage war.

Sie werden über Liebe, Gott, Moral, Handeln, Glück und Sinn anders denken als zuvor und wenn das passiert, haben sie sich dann nicht verändert?

Ich tue das selten, aber in diesem Fall sage und schreibe ich es: legen Sie ihr Smartphone bei Seite, schalten Sie den Computer und den Fernseher aus, setzen Sie sich in eine stille Ecke und lesen Sie.

Lesen Sie dieses Buch!

Elke Heidenreich schreibt auf der Rückseite des Covers:

"Wenn Sie dieses Buch lesen, haben Sie den ersten Schritt auf dem Weg zum Glück schon getan."

Das kann ich nur bestätigen: fett, kursiv und unterstrichen

Es hat einen unglaublich schönen und poetischen Anfang (Precht zitiert Nietzsche) und ein zuversichtliches und sehr optimistisch-belebendes Ende.

Meisterhaft!

"In Kants Jahren konnte der Aufklärer nicht aufklären, weil man ihn nicht ließ, zu unserer Zeit nicht, weil man ihn nicht liest." Ludwig Marcuse.

Rick Deckard

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Rick Deckard 08/22/2012 22:22


Ausserordentlich interessant sogar.


Ich habe bisher kein Buch gelesen, dass beim Lesen Glücksgefühle ausgelöst hat. Das liegt daran, dass Precht auf bohrende Fragen Antworten liefert, zugleich
aber mit den Antworten neue Fragen aufwirft.


Ein wesentlicher Vorteil dieser Lektüre ist, dass der Verfasser in der Lage ist, komplizierte Sachverhalte einem Laien so zu erklären, dass er diese
versteht. Das Verständnis wiederum führt dazu, dass man selber anfängt nachzudenken und zwar kritisch und abwägend. Dieser Umstand wiederum hat die Konsequenz, dass man
sein eigenes Handeln überdenkt. Ich empfinde diesen Anstoss als enorm belebend und Glück stiftend, weil man seine Überzeugungen, seine Wertvorstellungen und seine Luftschlösser durchleuchtet. Ich
habe so unendlich viel dazu gelernt! Jeden Tag versuche ich dieses Gelernte umzusetzen. Das fällt mir schwer, aber es gelingt.


Lebenslange Erfahrungen, Erziehung und Prägung können einige hundert Seiten Buch nicht auslöschen und einen Menschen von heute auf morgen verändern, aber ich habe
angefangen über eben diese Dinge anders nachzudenken.


Lesen Sie z.B. den Anfang des ersten Kapitels, in dem Precht Nietzsche zitiert: Was für Poesie, wie schön diese Sprache ist, wie viel Wahrheit allein diese Zeilen
beinhalten!!!


Richard David Precht wurde neben viel Lob auch viel angefeindet und (meines Erachtens) auch beleidigt, aber so ist das immer. Erfolg zieht unweigerlich Neider mit
sich. Nur hat er etwas getan, was vor ihm keiner versucht hat und das mit Erfolg.


Wenn Ihnen das Buch zu lang erscheint, dann lesen Sie den dritten Teil: "Was darf ich hoffen?" Sie werden über Gott, Liebe, Eigentum und v.a. Glück anders denken.
Das Kapitel "Ist Glück lernbar" ist so einleuchtend, dass man es mühelos umsetzen kann.


Vielen Dank für Ihren Kommentar.

PG 08/22/2012 20:10

Oh, das sieht aber nach einer sehr interessanten Lektüre aus

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