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Musik, Kino, Kultur, Radio


Vergessene Helden - Glen Campbell

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 22. August 2017, 13:41pm

Kategorien: #Vergessene Helden

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Diesen Blogeintrag habe ich vor ca. 4 Jahren geschrieben! Glen Campbell ist in der letzten Woche verstorben! Gewürdige Anteilnahme gab es kaum?! Ein paar kurze Einträge über den Rheinstone Cowboy, ansonsten nichts! WICHITA LINEMAN ist seiner Version gehört zu meinen Genen, Blut und meiner Person! Es sind Menschen wie Campbell die die Welt braucht um ein klein wenig besser zu werden. Zu wenige verstehen das...

 

Es ist einer dieser Momente bei denen man sich selbst ertappt, wie neidisch man auf eine andere Person sein kann!

 

Ich sehe Glen Campbell das erste Mal in einem längeren Interviewstück, in der wirklich großartigen Fernsehsendung „The Chris Isaak Hour“ auf dem BIO. Channel. Der Schauspieler und Musiker Isaak spricht in seiner Sendung mit bekannten amerikanischen Musikern und spielt mit ihnen deren bekanntesten Songs.

 

Glen Campbell Fan bin ich schon seit den frühsten siebziger Jahren. Zwischen James Last, Max Greger, einigen deutschen Schlagerplatten und nicht erwähnenswertem, hatte mein Vater auch „Glen Campbell’s Greatest Hits“ stehen. Eine 1971er Pressung. Und nach genauer Recherche, kann ich mit Gewissheit sagen, dass seine besten Songs noch nicht mal dabei waren.

 

Später wurde „Wichita Lineman“ eines meiner ewigen Lieblingslieder. Es ist einer dieser Songs, an die man täglich denkt! Und einer der wenigen Songs der Welt, in dem Text und Musik einen gleichzeitigen Sinn, eine Synergie ergeben! Einen wesentlichen Anteil daran hat natürlich Jimmy Web! Webb hat das unvergesslichen Liedgut: „By the Time I Get to Phoenix“, „Wichita Lineman“ oder „Up Up and Away“ geschrieben. Campbell und Webb sind nicht von einander zutrennen. Jimmy Webb, aber, hat eine eigene Würdigung verdient, daher gehe ich nicht weiter auf ihn ein.

 

Aber auch Campbell’s hohe, aber doch männliche Stimme, sein nuschliger Slang und seine Fähigkeit Akzente zu setzten, bringen mich regelmäßig zum Weinen. Kommt der visuelle Eindruck, das Beobachten seiner Person hinzu, erstarre ich in Ehrfurcht. Um den Eingangssatz also direkt zu ersetzten: Es ist einer dieser Momente bei denen an sich selbst ertappt, wie ehrfurchtsvoll man einer Person gegenüber treten kann.

 

Campbell sitzt dort in dieser Show auf dem Sofa. Er ist ganz in schwarz gekleidet. Sein Körper sieht durchtrainiert aus. Seinen „Countrystarstatus“ (Countrystar wird später in diesem Text wiederlegt, keine Sorge!) bringt er durch ein wunderbares Sakko zum Ausdruck. Auf dem Revers sind kleine kleine Blumenapplikationen auf schwarzem Samt zu sehen. Natürlich trägt er Cowboystiefel. Seine Haare sind akkurat gescheitelt. Seinem Gesicht sieht man an, dass er alles, was ein Mensch erleben kann, erlebt hat.

Campbell hat mit den wichtigsten amerikanischen Musikern der Popgeschichte zusammengearbeitet und bildet so etwas wie das musikalische Rückrat des großen amerikanischen Songbooks. Wenn man seine Lebensgeschichte liest, fühlt man sich unweigerlich an die Filmfigur Forrest Gump erinnert. Scheinbar, unbeirrt wandelt Campbell durch die amerikanische Musikgeschichte, wie kaum ein anderer.

Als Gitarrist und Backgroundsänger kann man ihn auf allen meist (diesmal regiert nicht die Übertreibung) verkauften Schallplatten überhaupt hören! Nancy Sinatra, Bobby Darin, Ricky Nelson, The Monkeys, Elvis Presley, Frank Sinatra, The Troggs, The Mamas & The Papas, Simon & Garfunkel etc.

 

Auf der „Pet Sounds“ von den Beach Boys spielte er als Studiomusiker, viele der wichtigsten Bassparts ein und zeigte sich zuständig für einige der besten Harmoniegesänge.

 

In den 70er Jahren moderierte Campbell eine der erfolgreichsten amerikanischen TV-Shows, die „Glen Campbell Goodtime Hour“. Dort begrüßte er u. a. die Beatles, John Wayne oder Johnny Cash.

 

Wenn man anfängt Interviews mit Campbell zu lesen oder Berichte über sein Leben zu studieren, bekommt man nicht nur den Eindruck, dass er jeden zeitgenössischen Musiker kennt, sondern dass er auch mit jedem klar gekommen ist. Campbell wird nicht nur als guter Sänger, sehr guter Interpret akzeptiert, sondern auch als geistreicher, verständnisvoller und sympathischer Zeitgenossen geschätzt. Selbst mit dem überwerteten und selbstüberschätzten Phil Spector hat er sich gut vertragen. Sein Beitrag zum „Wall of Sound“ war angeblich nicht unwesentlich. Vielleicht ist Campbell ein Opportunist, vielleicht ist er aber auch einfach mit sehr viel Anstand und Verstand ausgestattet. Auf jeden Fall hat er einen guten Humor:

 

Bei den ersten legendären Aufnahmen mit Frank Sinatra, saß Campbell dem Genie im Studio gegenüber. Der Meister sollte einen Song einsingen. Campbell spielte sich auf seiner Gitarre warm und sang irgendeinen spontanen Text, auf die Melodie von „Strangers in the Night“. Er bemerkte Sinatra nicht. Irgendwann blickt Campbell in Sinatras blaue Augen, warf ihm einen demütigen Blick zu. Sinatra überlegte, hielt inne und fragte dann in die Orchesterrund mit Blick auf Glen Campbell, was das für eine Schwuchtel ist! Campbell muss lachen als er Chris Isaak diese Geschichte erzählt. Für das Wort Schwuchtel, verwendet er Homosexueller! Ein Gentleman.

 

Ein unbedingt zu verfilmender Lebensabschnitt von Glen Campbell ist seine Zeit als Studiomusiker. Von 1960 an spielte er in der sog. „Wrecking Crew“ mit den wohl besten Musikern seiner Zeit. „Monday, Monday“, „Mrs. Robinson“, „Mr. Tamburin Man“ und ca. 400 weitere No1-Hits, sind von der „Wrecking Crew“ eingespielt worden. Ein Poporchester, das in L.A zu dieser Zeit nicht wegzudenken war.

 

Schwer zusagen, wie viele Aufnahmen es wirklich waren. Aus heutiger Sicht auch schwer zu beurteilen, wie stark der musikalische Einfluss war oder ob es sich hierbei um Mucker-Söldner gehandelt hat! Leider aber auch fast vergessen. Einen weiterführenden, selten Artikel zur „Wrecking Crew“ findet der geneigte Leser hier:

 http://www.americanheritage.com/entertainment/articles/web/20070212-rock-n-roll-brian-wilson-beach-boys-glen-campbell-monkees-hal-blaine-carol-kaye-leon-russell.shtml

 

Glen Campbell Musik läuft, wöchentlich auf irgendeinem Lomaxschen Abspielgerät. In Vergessenheit ist aber die „Wrecking Crew“ geraten, über die man sicherlich noch viele Geschichten erzählen kann/wird/soll/muss. Daher habe ich diesen blog-Eintrag unter der Rubrik „Vergessene Helden“ geschrieben

 

2008 hat Campbell sein letztes von ca. 70 Alben veröffentlicht. Nach vielen Jahren ist er zu Capitol Records  zurückgehrt und steht produktionstechnisch und musikalisch in einer furiosen Linie mit Brian Wilsons „That Lucky Old Sun“ und Johnny Cash’s „American Recordings“.

 

Glen Campbell einmal live zu sehen würde mir viel bedeuten. Unverständlich warum sich kein deutsches Konzertbüro an eine Tour wagt. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Reise für viel Aufsehen sorgt und Campbell tief beeindruckt wäre zu sehen, wie viele Fans er in der alten Welt hat.

 

Reisen tut der alte Mann offensichtlich gerne: oz_ss2_0.jpg

 

Dieser Tage hat Campbell in London gespielt. Hier die Setlist:

 

Gentle
Kindness
Galveston
Phoenix
Country Boy
Playground
Didn't We
Lovesick blues
True Grit
I Can't Stop Loving You
Jackson (duet with Debby)
Love's Gonna Live Here Again (Debby solo)
Black Horse (Ashley solo)
Landslide (Ashley and Debby)
Dueling Banjos
Rollin' in My Sweet Baby's Arms
Postcard from Paris
Times Like These
Angel Dream
Southern Nights
William Tell Overture
Rhinestone Cowboy
Wichita Lineman
A Better Place

 

Da bleiben natürlich keine Wünsche offen. Diese Setliste offenbart gleichzeitig ein großes Phänomen.

 

Glen Campbell hat es in Deutschland nie zu einem besonderen Status geschafft. Ähnlich wie seine Zeitgenossen Andy Williams oder Bobby Darin, gab es nie den durchsetzten Erfolg bei uns.

 

Aus meiner Sicht liegt das primär an der falschen, vielleicht gar nicht mal bewusst gesteuerten Vermarktungspolitik. Campbell scheint bei uns den Ruf als Countrysänger (sic.!) wegzuhaben. Dabei ist sein Stil eine perfekte Mischung aus verschiedenen Genres. Seine Wurzeln sind natürlich ehr folkloristischer Natur. Dass er als Sessionmusiker nicht wahrgenommen wird, ist nachvollziehbar, da sich in diesem Land, niemand für Musiker interessiert. Dennoch steht er in einer kommerziellen Tradition mit Johnny Cash oder meinet wegen einem Garth Brooks.

 

Vielleicht hat Campbells kommerziell erfolgreichster Hit „Rhinestone Cowboy“ auch dazu beigetragen, dass er mit unter falsch interpretiert wird. Es handelt sich bei diesem Song, übrigens nicht um einen „elektrischen Reiter mit Cowboyhut“ der mit seinem Klepper zwischen St. Goar und Band Honnef rumgaloppiert. Als Rhinestone (ursprünglich Bergkristall) wird ein Edelsteinimitat bezeichnet, welches häufig in der Country&Western Bekleidung Verwendung findet. Sogenannte „Glasperlen Cowboys“ sieht man häufig im Südwesten der USA.

 

Glen Campbell selbst bezeichnet sich selbst als Musiker, Gitarrenspieler und Sänger! Mehr gibt es eigentlich kaum zu sagen…

 

Alan Lomax 

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Rick Deckard 05/19/2010 17:29


Vielen Dank für die Erinnerung an diesen grossen Musiker. Die Sinatra Anekdote ist natürlich erstklassig, muss noch beim schreiben lachen. Da wurde nicht mit klaren Aussagen gegeizt.

Die Setlist ist superb. Hätte gerne gewusst wie und in welcher Form er 'Duelling Banjos' gespielt hat, eine der besten Instrumentalversionen aller Zeiten. Dass dann wieder Stücke wie die Wilhelm
Tell Overture auftauchen führt zu viel Amüsement.

Das er hier nicht anerkannt ist verstehe ich auch nicht so recht. Es gibt doch eine grosse "Country Szene" in diesem Land und gerade in den 70'ern und 80'ern war diese Musik sehr populär. Aber
vielleicht ist seine Musik auch zu amerikanisch. Im alten Land, wie sie so schön formuliert haben, gab es immer schon Probleme mit dem American Songbook. Garth Brooks war ja auch eher ein
amerikanisches Phänomen.

Dass sich hier zu Lande kaum jemand für Musiker wirklich interessiert kann ich nur unterstützen. Man sieht es allen Orten v.a. in den Medien, wo es kaum Sendungen für und über Musiker gibt. Bei den
öffentlich-rechtlichen ist es vielleicht höchstens Götz Alsmann.


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