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Musik, Kino, Kultur, Radio


The XX - Coexist

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 11. September 2012, 18:08pm

Kategorien: #Populäre Musik

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Am Sonntagabend sagte der für gewöhnlich gescheite und freche Jan Böhmermann in der zdf.kultur Talkshow Roche & Böhmermann zu der ewig adretten Charlotte Roche: "Das war peinlich, dass konntest Du nicht machen. Nicht bei Max Herre! Musik ist doch immer subjektiv!" Was war passiert? Charlotte hatte Herrn Herre ungefähr im Sinne gesagt, dass seine Texte schlechter Schlager sind!"

Herr Herre, ansonsten Wortakrobat, konterte infantil und wollte Beweise und Beispiele. Das ganze eskalierte, Herre verlies den Saal. Charlotte war fassungslos und sagte u. a., er hätte doch lustig darauf reagieren können!

Interessant bei dem ganzen Boulevardtheater ist die Aussage, dass Musikgenuss "Subjektiv" ist. Also immer aus einer persönlichen Sicht beeinflusst oder bestimmt ist.

Wir haben diese Diskussion in diesem blog bereits häufiger ausgetragen. Die Überlegung, ob man Verrisse schreiben sollte oder nicht geistern zu dem ewig in deutschen Musikmedien und Redaktionen. 

Darf man sich also als einzelne Person soweit aus dem Fenster legen und ein künstlerisches Werk verurteilen, wenn man nur autodidaktischer Musikliebhaber ist oder auch wenn dem Ganze ein wissenschaftlicher Hintergrund als Basis dient? 

Und ist so ein Verriss letztendlich nur ein Mittel um sich selbst interessanter zu machen. Nutzt man etwas, was viele mögen und als wichtig sehen, für eine persönliche Selbstdarstellung?

Andererseits warum kritisiert heutzutage jeder jeden der anders denkt, eine andere Meinung äußert! 

Ich habe ehr eine Antwort auf die zweite Feststellung, denn mit Leidenschaft und subjektiver Beschreibung meiner Beweggründe habe ich nunmehr fast 4 Jahre Erfahrung in diesem blog gesammelt. 

Gleichzeitig beobachte ich aber auch eine gewisse Oberfläche. Tagtäglich bemerke ich das gesellschaftsfähige Schwanz einziehen, das JA sagen, dass doch soviel einfacher ist als, eine Aussage zu treffen, dass die neue The XX Platte eine Platte von langweiligen Menschen, für langweilige Menschen ist.

Und, baff, baff, baff, schon ist man mittendrin im Gemängel. Klar, ist es einfacher einen schönen Satz, wie "Coexist ist die einzige Platte unserer Generation, für die sich in 15 Jahren auch unsere Kinder interessieren" zu sagen. Das ist gefällig, schön und nachvollziehbar. Wertfrei, aber leidenschaftlich, emphatisch. 

Mein Satz provoziert: Erstmal die Hörer und Liebhaber der Band gedisst und dann die Musiker selbst auf die gleiche Ebene gehoben. 

Wo soll man also sonst weitermachen als bei der Musik. Die ohne Zweifel sehr schön ist! Als gediegener Musikliebhaber könnte man jetzt anfangen zu stöbern. Herleitungen, Genres und Verweise aufzählen. Ich bin mir sicher, dass der Erfolg des Londoner Trios sehr stark auf die Musik der 1980er Jahre zurückzuführen ist. Vielleicht ist das auch die Erklärung, dass die Musik insbesondere im Kulturbereich der Zielgruppe 40plus abgehandelt wird. Ist man etwas cleverer, geht man wie Jan Kedves (Süddeutsche Zeitung) vor und zieht mit dem thematischen Kontext R&B und Soul ins Feld. Schliesslich haben sich die "Studiogenies" ja auch mit Legende Gil Scott-Heron beschäftigt.

Ein Trend den ich übrigens seit Monaten bei Plattenkritiken interessiert verfolge und bereits selbst ausprobiert habe. Umso absurder die Herleitung der Gründe und Ansätze, desto schlüssiger offensichtlich die Plattenbesprechung.

Waren es früher geniale Hooks, Texte und unfassbare Gitarrenriffs, so ist es heute offensichtlich der Zauber einer karibischen Steeldrum, die die drei in dem verträumten Stück "Reunion" verwenden, um ihre wenigen Takte aufzufrischen.

Reichen also ein paar traurige, sicherlich sehr sympathische traurige, nachdenkliche Londoner, die schöne Musik machen, geniale Sounds verwenden und damit einen zugegebener Weise, sehr atmosphärisch dichten Sound erzeugen?

Ich weiß es nicht und ich kann es nicht entdecken, da mich ihre Musik nicht erreicht. Habe ich nun keine Ahnung, kein Gefühl, bin nicht mehr fähig künstlerische Analogien zu verstehen. Bin ich blind, taub und dumm geworden. Oder hat Jan Böhmermann letztendlich recht?

An dem Punkt ziehe ich meinen Schwanz ein, zwischen den Zeilen habe ich ja geäussert was mir nicht gefällt. Ärgern aber tut mich die Tatsache, dass der Konsens inzwischen Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens geworden ist.

Subversion, andere Meinungen, Provokationen und analytische Rebellion zählt nicht mehr. Es ist im Grunde genommen genau das was mich ärgert und The XX sind mein Austragungsort. Dafür kann weder die Musik oder das Genie des Trios nichts.

In einer anderen Welt, mit anderer Musik und anderen Wegen zum Musik hören, verstehen und konsumieren, würde diese Band vielleicht zu meinen Lieblingen gehören. Aber nicht in dieser!

Nicht in einer Welt, in der man nicht mehr Melancholisch sein darf, in der intimes, konzentriertes Musikhören nur bei wenigen stattfindet und ein Rezipieren gleichgesetzt wird mit einem Wort aus dem grausamen Kapitel "Unnützes Sprachwissen".

Nun, was soll das also alles? Genau weiß ich es auch nicht! Und ich bin mir sicher, dass Sie lieber Leser, nach dem Hören von "Coexist" viele Fragen und wenig Antworten haben werden. Zumindest wenn Sie genau hingehört haben. Die höchste Beurteilungskarte der Kritik zuziehen, ist nicht immer die richtige Vorgehensweise. Und dieser blog ist und bleibt für meinen freien Geist bestimmt. Wollen Sie Antworten und Fakten, lesen Sie den deutschen Feuilleton. Die Idee dieses blogs, bleibt das archivieren von kulturellen Eindrücken. Und die müssen ab und zu verquer sein!

Nehmen Sie sich ansonsten das raus, was Sie interessiert und überzeugen Sie sich von der Eigenständigkeit dieser Band. Ansonsten lassen Sie es bleiben, aber hören Sie ab und zu mal ein gutes Album. Es macht SIE und UNS zu besseren Menschen....

Swept Away (zum tausendsten Mal)

Alan Lomax 


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John Ross Ewing 09/12/2012 18:55


Guten Tag,


möchte mich mit diesem Kommentar wieder einklinken. Back again.


Zu Roche/Böhmermann: Da gebe ich Herrn Deckard recht. Peinlich war es. Unprofessionelle gehaltlose und wenig zielführende Provokation. Ohne Meinung und ohne Begründung. Roche und Böhmermann
vertreten in benannter Sendung auch die Auffassung, die Musik für ein Urteil nicht kennen zu müssen. Keiner kannte die Platte. Herr Herre ist auch kein Favorit für mich, aber die Sendung ist so
nicht zu ertragen. Beide Moderatoren reduzieren sich zunehmend auf billige Provokation. Max Herre kam übrigens nach dem Pissen auch gleich wieder ins Studio, aber es stimmt: er hat sich nicht
wehren können und war auch ein wenig peinlich.


Meine einzige Max Herre-7" ist übrigens ein Geschenk von Herrn Lomax mit persönlicher Widmung: "Musik ist das Esperanto unserer Seele", wenn ich mich recht entsinne... Die halte ich in Ehren.


zu The XX: Die erste Platte habe ich aufgrund des Hypes damals zögerlich aufgenommen. Diese hat sich aber nachhaltig zu einem meiner grossen Favoriten der letzten fünf Jahre entwickelt. Eine
Gänsehaut hatte ich z. B. regelmäßig bei der EM, immer wenn 'Intro' vor dem Spiel lief und einen tiefen, unerwartet coolen Sound in die Stadien brachte. Das neue Album ist Freitag rausgekommen
und mir bis auf die Vorabsingle unbekannt. Ein provokanter Verriss ist ebenso wenig angemessen wie ein Denkmal für die Ewigkeit. Das Problem ist doch, dass alle Presse-Idioten voneinander
abschreiben und dadurch die Konsens-Pampe entsteht.Schon oft habe ich betont, dass die Alben aus meiner Sicht Raum und Zeit benötigen und die Entdeckung eines solchen nicht zwingend mit dem
Zeitgeist in Verbindung stehen. Siehe Herrn Fay als aktuelles Beispiel. Musik - und da bin ich ganz nah bei Herrn Lomax - verändert Menschen definitiv und sie macht sie glücklicher und im
Idealfall besser. Deshalb wäre es wichtig, wenn alle Kritiken leidenschaftlich und begründet verfasst wären. Und jede Begründung ist dann eben richtig, aus ganz persönlicher Sicht.
Und dann kann man streiten darüber. The XX sind möglicherweise die falsche Plattform, um einen Verriss anzusetzen. Wenn ich das Album oft genug gehört habe, werde ich dann nochmals dazu etwas
schreiben.


Cheers


John Ross Ewing

Alan Lomax 09/12/2012 16:00





Lieber Rick, 


ein paar Worte der Response, aus Gründen der Höfflichkeit! 


Ich bin der auch der Meinung das Kunst sehr subjektiv wahr genommen wird. Interessieren tut mich der Gedanke, warum ein musikalisches Phänomen wie The XX nicht auch mal kritisch wahrgenommen wird
und warum aus der Subjektivität nicht auch mal Objektivität entstehen kann. Kunst ist nicht schwarz und weiß und auch nicht persönlich. 


Natürlich habe ich keine repräsentative Panelbefragung die den Normen des deutschen Marktforschungsinstituts entspricht unternommen. So eine Befragung sollen die statistischen Ämter unternehmen.
Auch habe ich niemanden aus meinen Freundes- oder Bekanntenkreis befragt oder gemeint. Denn zum Glück bin ich mir Menschen befreundet, die sehr wohl eine eigene Meinung haben und mich (wie ja
auch jetzt) zum Denken und NEIN! Sagen auffordern. 


Die Überzeugung (wie Sie es nennen) ist aber auch ehr eine Feststellung, die primär aus den Beobachtungsgebieten Fernsehtalkshows, Politik, Geschäftsterminen und allgemeiner Gesellschaftlicher
Beobachtung (häufig in diesem blog aufgegriffene Methode) stammt. Bezüglich The XX (und darum geht es hier) hinterfrage ich, warum ich nicht eine kritische Stimme zu dieser nicht wirklich
einfachen Musik finde. Mich interessiert diese Tatsache sehr, da The XX sehr progressive Musik machen, die man eben nicht mal so nebenbei konsumiert, sondern tatsächlich in der Lage sein könnte,
das Leben eines Jugendlichen zu verändern. 


Aber Sie haben das bereits richtig verstanden in ihrem Absatz „Problem bei den Plattenbesprechungen“ fassen Sie meinen Ansatz perfekt zusammen. 


Allerdings bin ich schwer entsetzt, dass Sie nicht glauben, dass das Hören von Musik die Menschen zu besseren Menschen macht? Keinen Nutzen und keinen Wert an sich? Das ist eine wirklich
erstaunliche Aussage, die ich natürlich NIEMALS bestätigen werde und auch überhaupt nicht weiter kommentieren will, da ich das für totalen Unsinn empfinde, so etwas zu sagen! Provokation,
halt! Touché


Alan Lomax

Rick Deckard 09/11/2012 22:01


Menschen neigen sehr schnell dazu andere zu kritisieren. Frau Roche sollte des Öfteren einen Blick in den Spiegel wagen. Wie urteilt sie wohl selbst über die
Qualität ihrer eigenen Bücher?


 


Die Beurteilung ob etwas gut ist oder schlecht (in diesem Fall Musik) ist "immer" subjektiv. In das Urteil fliessen ein die eigene Erziehung, das Aufwachsen,
die musikalische Sozialisierung, die Umwelt: In der Summe das eigene Weltbild, die eigene Anschauung von den Dingen, das Selbstverständnis. Die Kunst besteht doch darin so zu urteilen, dass man
in der Bewertung sich eben frei macht von seiner Persönlichkeit und versucht die Perspektive des anderen, in diesem Fall die des Künstlers einzunehmen. Nun sind Menschen in der Urteilsfindung
nicht frei von Emotionen, eine allein vernünftig-objektive Beurteilung wäre langweilig, jedoch sollte bei aller Gefühlsregung das Augenmaß darauf gerichtet werden (wenn denn ein "Verriss" daraus
resultiert), dass man dabei den anderen, über den man urteilt, achtet, respektiert und damit schlussendlich auch sich selbst.


 


Insofern ist die Aussage von Frau Roche nicht nur unüberlegt und sinnlos provokativ, sondern schlicht dumm (nein, ich bin kein Fan von Max
Herre).


 


Woher haben Sie eigentlich Ihre Überzeugung, dass die meisten Menschen "Ja-Sager" sind? Wie viele haben Sie befragt, wie war der Altersdurchschnitt, haben
Sie auch Menschen zu dem Thema befragt, die Sie nicht leiden können und nicht zu Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zählen, geschweige denn ganz andere Musik hören als Sie? Ich kann vor solchen
pauschalisierenden Thesen nur warnen.


 


Das Problem bei den Plattenbesprechungen ist meines Erachtens weniger die Absurdität der Gründe und die Herleitung der Ansätze. Menschen reicht meistens eine
Begründung aus, um etwas abzunicken. Als viel schlimmer empfinde ich die Tatsache, dass diese Gründe bedingungslos angenommen und nicht hinterfragt (!) werden.


 


Warum ärgern Sie sich? Subversion und Provokation machen doch nur dann Sinn, wenn sie nicht um ihrer selbst willen vorgetragen werden, wie in der
Vergangenheit. Ebenso verhält es sich mit der "anderen" Meinung und Rebellion. Diese Schlagwörter müssen in dem kulturellen Zusammenhang gesehen werden, in dem sie entstanden sind. Die
Gesellschaft hat sich verändert. Mit den Vokabeln vergangener Jahrzehnte lässt es sich in der heutigen Zeit schlecht argumentieren.


 


Zu behaupten, dass das Hören eines guten Albums uns zu besseren Menschen macht ist, mit Verlaub, Unsinn. Musik macht das Leben vielleicht erträglicher und
angenehmer, hat darüber hinaus aber keinen weiteren Nutzen oder Wert an sich. Und wer entscheidet denn darüber, ob ein Album gut oder schlecht ist (siehe oben)?


 


Ich danke Ihnen trotzdem für diesen schönen, provokativen (!) und interessanten Beitrag.


 


 

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