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The Fighter – David O. Russell

Veröffentlicht von Alan Lomax Rick Deckard Blog auf 16. Oktober 2011, 10:23am

Kategorien: #Filme

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1993 hatte ich das Glück Mark Wahlbergs ersten Europaauftritt im Kölner Gloria zu sehen. Es war bei einem dieser legendären POPKOMM-Showcases. Während der gleichen Show traten auch Extrabreit (angekündigt mit Hilde Knef, die aber leider kurzfristig erkrankte) und den Maniac Street Preachers auf. 

Es war die Zeit, als der sogenannte Eurodance, einen riesen Erfolg hatte. Wahlberg war Unterwäschemodell für Calvin Klein und der Erfolg seines Bruders und seiner Ex-Band New Kids on The Block lag bereits ein paar Tage zurück. 

Wahlberg kam interessanter Weise durch den Publikumsraum, wie ein Boxer. Eingeengt von 4 massiven Bodyguards wurde er zur Bühne begleitet, wo er einen kurzen, sehr schlechten Playbackauftritt ablieferte. Wir Musiknerds hatten nur ein müdes Lächeln im Gesicht. Natürlich in dem Bewusstsein, dass diese Pfeife von Wahlberg, überhaupt wieder sehr schnell verschwinden wird. 

1998 habe ich ihn dann ziemlich überrascht in dem unterhaltsamen Film Boogie Nights wieder gesehen. Eine gar nicht so schlechte Leistung. In den von mir sehr geliebten Film „Der Sturm“ von Wolfgang Petersen (2000), in Planet der Affen (2001) und letztendlich in dem Meisterwerk, „Departed“ von Scorsese hat er sich dann in mein Herz gespielt. Ich glaube seine Rolle in dem Wetter-, Fischer- und Katastrophenfilm „Der Sturm“ hat mir das erste Mal gezeigt, mit wem wir es hier zu tun haben. Dort hatte er es einfach, dass erste Mal hat sich selbst gespielt, intuitiv! Wahlberg komm aus einem schwierigen Verhältnissen und hat sich hoch gekämpft. Die Geschichten, dass er wegen versuchten Mordes und Drogengeschichten im Knast saß, sind nicht erfunden. Die klassische Geschichte „vom Tellerwäscher, zum Millionär“ kann hier wieder mal erzählt werden und schön ist es, wenn sie dann so ein schlüssiges Ende nimmt, wie mit dem emotionalen Thriller „The Fighter“. 

Denn wenn man die Güte dieses Filmes beschreiben will, so sollte man auf jeden Fall die scharfe Beobachtung und Darstellung des sozialen Milieus als erstes nennen und als zweites die ewige Geschichte des „amerikanischen Traums“. 

Wahlberg hat als Produzent und Hauptdarsteller einen massiven Anteil an dem hohen Anspruch, den der Film von der ersten bis zur letzten Sekunde erfüllt. 

Der Film stellt die wahre Lebensgeschichte des Boxers Micky Ward dar. Ward ist ein talentierter Boxer, nur hat er ein Problem. Seine Familie! Die Mutter Alkoholikerin, die sich gleichzeitig für eine begnadete Managerin hält, seine sieben Schwestern, die wie eine gute Kopie aus bekannten Märchen wirken und einen Bruder (Christian Bale), inzwischen Crack abhängig, vorher ebenfalls Boxer, mit einem zweifelhaften Sieg gegen Sugar Ray.

Der scheinbare Sportfilm entwickelt sich zu einem Gesellschaftsdrama. Die Szenerie, die verarmte Unterschicht der USA.

Das besondere an dem Film ist der Ablösungsprozess des aufsteigenden Boxers Micky Ward von seiner Familie und die brillante Montage der Kämpfe, die sich chronisch in die Dramaturgie der Erzählung einbetten.

Regisseur Russell ist dabei insbesondere das Eine! gelungen -sei es nun Zufall oder Plan- eine der besten Darstellungen von den Problem der familiären Bindung in der Filmgeschichte.

In der wohl besten Sequenz des Filmes, entsteht eine atemberaubende Entschlüsselung über die Schwierigkeit seiner eigenen Familie zu entfliehen. Wie bei einer Tunnelfahrt, wird hier die erste Hälfte des Filmes aufgelöst. Micky hat einen TItelkampf erhalten. Er trainiert im Gym. Inzwischen wird er von seinem Vater, seinem alten Trainer und seiner furchtlosen Freundin unterstützt. Sein Bruder wurde aus dem Gefängnis entlassen. Seine Mutter organisiert eine Welcome-Back-Party, sein kleiner Neffe, seine Schwestern, alle sind ins kleine Boxstudio gekommen. Was passiert ist eine unfassbare emotionale Entladung von nachvollziehbaren menschlichen Emotionen. Das sagenhafte, was David O. Russell hier gelingt, ist die Glaubwürdigkeit und das unerklärbare Verstehen, was es bedeutet, wenn Menschen sich in einem Konstrukt wie der der Familie, gebunden fühlen, verantwortlich sind, aber doch einfach unfassbar unterschiedlich sind, weil es trotz allem eine zufällige Konstellation bleibt, ein zufälliges Zusammentreffen von Menschen.

Die Tiefe der Szene, das atemberaubende Schauspiel aller Spieler, die Inszenierung, die Sinnhaftigkeit der Sequenz im Kontext zum Film, die Geschwindigkeit, die Aussage, die Handlungsreferenz, das vermittelte Gefühl, innerhalb dieser 10 Minuten, zeigen kurz, wozu ein Film, im Vergleich zum Theater oder zur Fernsehserie, in der Lage ist . Größe und Wahrheit, komprimiert, aufs Auge, ins Herz, für den Verstand.

Meilissa Leo, Jack McGee, Christian Bale, Amy Adams, sie alle sind großartig. David O. Russell's ungewöhnliche Regiearbeiten werden fortgesetzt, aber was bleibt, ist das Gefühl, dass Wahlberg den massivsten Anteil an diesem Streifen hatte. Er hat dem Film nicht nur ein Gesicht gegeben, sondern auch die Intuition und die Wahrhaftigkeit.

Es ist müssig, The Fighter mit anderen Boxfilmen zu vergleichen, um festzustellen, dass er dazu gehört. Für mich steht er ab sofort in einer logischen Folge zu den Eastwood Meisterwerken Grand Torino und Million Dollar Baby.

Und zwar nicht nur qualitativ, sondern in dem Bewusstsein, dass wir mit Wahlberg, einen würdigen Nachfolger von Clint haben. Beide sind keine akademischen Künstler, sondern intuitive Kinokenner, die es verstehen aussergewöhnliche Filme zu machen, die von den tiefen emotionalen Handlungen und fragwürdigen Entscheidungen, die Menschen nun einmal treffen oder treffen müssen, erzählen.

An The Fighter ist zudem interessant zu beobachten, dass es sich bei den Schlüsselszenen um künstlerische Zufälle handeln muss. Denn soviel Authentizität und filmische Umsetzungskraft, kann nicht gänzlich geplant sein, sonst würden solche Filmperlen täglich in unsere vermaledeiten Kinos kommen.

Alan Lomax

 


 

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